Wenn ihr die Welt zu viel wird, atmet Sandy* aus. Mit leicht gespitzten Lippen, sodass das Ausströmen der Luft hörbar ist. Das macht sie immer wieder. Unbewusst. Sie atmet aus, wenn die Ansage der nächsten U-Bahn-Station im Getöse untergeht. Wenn im überfüllten Supermarkt an der Kasse ein Barcode nach dem anderen fiept. Wenn zu viele Reize gleichzeitig auftreten.

Sandy atmet aus, wenn ihr die Welt zu viel wird.

Sandy hat ein FAS, ein Fetales Alkoholsyndrom. Sie selbst nennt es einen "angeborenen Gehirnschaden". Das klingt nach geistiger Behinderung, danach, dass sie beschränkt wäre, minderbemittelt. Doch so einfach ist es nicht. Sandy wirkt aufgeweckt, sprachlich geschickt, sie scheint ihr Umfeld und ihr eigenes Handeln zu reflektieren. Auf den ersten Blick deutet nichts darauf hin, dass mit dieser jungen Frau etwas nicht stimmen könnte. Doch Sandy kann sich nicht auf ihren Kopf verlassen.

Wenn es um sie herum unruhig wird, fühlt sie sich "wie unter Wasser", sagt die 32-Jährige. Sie könne dann das, was sie sieht und was sie hört, nicht richtig zuordnen und Wichtiges nicht von Unwichtigem trennen. Sandys Gehirn kann die akustischen und optischen Reize nicht schnell genug verarbeiten, es wird überflutet. Dann atmet sie aus. Wie durch ein Ventil, als könnte sie dadurch den Druck in ihrem Kopf senken.

FAS (auch FASD: Fetal Alcohol Spectrum Disorder) ist eine Behinderung, über die man noch nicht allzu viel weiß. Und das, obwohl sie häufig auftritt: Studien zeigen, dass in Deutschland bis zu ein Prozent der Bevölkerung betroffen sein könnte, das wären 800.000 Menschen. Denn Alkohol ist für viele Menschen keine Droge, sondern ein Genussmittel. Und doch verursacht er bei Ungeborenen mehr neurologische Schäden als Heroin, Kokain oder Marihuana. FAS ist laut der Weltgesundheitsorganisation WHO die häufigste Ursache einer geistigen Behinderung in der westlichen Welt.

Diagnostiziert und behandelt wird FAS bislang nur bei Kindern, meist wenn sie Adoptiv- oder Pflegeeltern bekommen. Bei Erwachsenen wie Sandy wird das Leiden nur selten festgestellt. Offiziell sind sie fast nie davon betroffen.

Und bei Sandy fiel es auch nur durch einen Zufall auf, über einen Umweg. Vor zwei Jahren suchte sie Hilfe für ihre damals sechsjährige Tochter Mia*. Sie war gerade eingeschult worden und bekam zunehmend Probleme: Sie konnte sich nicht konzentrieren, stand im Unterricht ständig auf und hatte große Mühe, sich Dinge zu merken, etwa das Einmaleins. Sandy war besorgt, sie ging mit ihrer Tochter von Kinderarzt zu Kinderarzt, besuchte Spezialisten, Neuropsychologen, Verhaltenstherapeuten, Kinderpsychiater – überall wurde Mia eingehend untersucht. Doch die Ärzte fanden keine eindeutige Ursache für die Probleme. Alle kamen zu dem Schluss, dass Mia wohl an einer Form von ADHS leiden müsse, also der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung. Die würde sich aber legen. Doch das Gegenteil passierte: Das Mädchen verlor zunehmend den Anschluss an seine Schulkameraden.

Sandy wusste, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmte. Sie machte sich selbst auf die Suche nach der Ursache, im Internet. Dabei stieß sie immer wieder auf drei Buchstaben: FAS, das Fetale Alkoholsyndrom. Sandy wusste, dass sie in den ersten Schwangerschaftswochen Alkohol getrunken hatte. Sie hatte als Kellnerin gearbeitet und immer wieder nach Feierabend getrunken. Von dem Kind in ihrem Bauch hatte sie erst spät erfahren.

Sandy wollte es genauer wissen, am 26. Mai 2016 saß sie mit ihrer Tochter vor dem Kinderarzt Hans-Ludwig Spohr, dem Leiter des FASD-Zentrums der Charité in Berlin. Es war ihr dreißigster Geburtstag – und ein Tag, den sie nie vergessen wird. Zunächst untersuchte Spohr ihre Tochter gründlich. Er bestätigte, dass Mia ein typisches Alkoholkind sei. Sie habe einen geminderten Intelligenzquotienten und leide unter einer starken neurologischen Alkoholschädigung, die ihr als Fötus im Mutterleib zugefügt worden sei.

Sandy erfuhr so nicht nur von der FAS-Behinderung ihrer Tochter, die lebenslang anhalten wird, sondern auch, wie sie es selbst sagt, "dass ich ganz allein durch meinen Alkoholkonsum in der Schwangerschaft daran die Schuld trage".

Im Gespräch und im Umgang mit Sandy fiel dem Spezialisten Spohr aber noch mehr auf: Sie war sprunghaft, wie aufgezogen, sie sprach unaufhörlich, und als sie erzählte, dass sie als Kind im Heim war und ihre Mutter getrunken hatte, untersuchte er auch sie auf das Fetale Alkoholsyndrom. Sein Verdacht bestätigt sich: Sandy hat ebenfalls ein FAS, genau wie ihre Tochter Mia. Auch ihr Leben wurde vor der Geburt im Mutterleib geschädigt. Der Unterschied: Sie ist inzwischen erwachsen.