Rutschen Millionen Rentner in die Altersarmut, wenn das Rentenniveau langsam an die demografische Entwicklung angepasst wird? Viele Menschen haben davor Angst. Ihre Angst ist unbegründet, meine ich, aber Populisten nutzen sie immer wieder, um Stimmung zu machen. In einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des Instituts Kantar Emnid wird die Verhinderung von Altersarmut als die größte politische Herausforderung von allen genannt – vier von fünf Befragten sehen hierin ein besonders wichtiges Problem.

Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrates der CDU e.V. © Hannibal Hanschke/dpa/pa

Diese – fälschlicherweise geschürte – Angst will auch die AfD demnächst mit einem eigenen Forderungskatalog bedienen. Wollen SPD und auch Teile der Union nicht in einen Überbietungswettbewerb mit den Populisten eintreten, müssen sie anders als mit immer größeren Versprechen reagieren. Mit mehr Transparenz zum Beispiel.

Denn wenn die Menschen verstehen, wie das Rentensystem funktioniert, an welchen Schrauben sich drehen lässt und an welchen nicht, verlieren sie die Angst vor Altersarmut – beziehungsweise entwickeln erst gar keine. Nehmen wir uns ein Beispiel an Dänemark, Norwegen und Schweden, die ihren Bürgern eine individuelle Renteninformation über ein Online-Portal ermöglichen. Das System bietet säulenübergreifende, zusammengefasste Informationen über gesetzliche und betriebliche Renten sowie über sämtliche privaten Produkte. Auch in Deutschland muss ein solches System auf gesetzlicher Grundlage von einem neutralen Anbieter bereitgestellt werden und jederzeit verfügbar sein.

In Skandinavien lassen sich erste positive Effekte beobachten: Die Menschen dort kümmern sich mehr um eine private Vorsorge, rüstige Senioren entscheiden sich häufiger dafür, freiwillig länger zu arbeiten – weil man sich auch vorrechnen lassen kann, um wie viel die Rente durch zusätzliche Beitragszeiten steigt.

Gegen die Angst spricht auch, dass Senioren – im Vergleich zu allen anderen Einkommensgruppen – weniger von absoluter Armut bedroht sind. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern: Selbst wenn man vom Schlechtesten ausgeht, meint der wissenschaftliche Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums, dass die Quote von Grundsicherungsempfängern unter den Älteren bis zum Jahr 2030 nur auf fünf Prozent steigen wird. Weiterhin klar unterdurchschnittlich. Lediglich drei Prozent derjenigen, die älter als 65 Jahre alt sind, werden auf Grundsicherung angewiesen sein, Bezieher gesetzlicher Renten gar nur zu 2,5 Prozent, verglichen mit neun Prozent im Durchschnitt der Bevölkerung.

Dennoch sind freilich für diejenigen, die in Altersarmut zu fallen drohen, zielgenaue Maßnahmen nötig. Diese wären aber tragfähiger, als das Rentenniveau für alle dauerhaft höher zu halten. Das Megathema des demografischen Wandels vor allem auf den einen Aspekt zu reduzieren führt zu falschen Weichenstellungen. Um das Rentenniveau bis 2025 bei 48 Prozent des Lohnes vor Steuern festzuschreiben und die übrigen Rentengeschenke zu verteilen, fallen die ansonsten anstehenden Rentenbeitragssenkungen um 0,3 Prozentpunkte in den kommenden Jahren aus. Wird das Rentenniveau gar bis 2040 festgeschrieben, wie Bundesfinanzminister Olaf Scholz das will, wären Zusatzkosten von fast 500 Milliarden Euro zu decken, wie Axel Börsch-Supan, Wirtschaftswissenschaftler und Mitglied der Rentenkommission, ermittelt hat.

Noch dramatischer wird die finanzielle Schieflage, wenn gleichzeitig der Rentenbeitragssatz auf 20 Prozent festgeschrieben wird: Dann fallen bis 2040 Mehrausgaben von 1,3 Billionen Euro an. Dies hat das Prognos-Institut im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ermittelt. Allein 2040 würde eine Finanzierungslücke von 118 Milliarden Euro entstehen. Um diese zu schließen, müsste der Bundeszuschuss zur gesetzlichen Rentenversicherung von heute knapp 100 auf mehr als 200 Milliarden Euro angehoben werden.

Der Angst der Älteren steht ein junger Fatalismus gegenüber. Von Jüngeren höre ich häufig den Satz: "Wenn ich erst mal so alt bin, wird es sowieso keine Rente mehr geben." Ein öffentlicher Aufschrei für mehr Generationengerechtigkeit bleibt dennoch leider aus. Die junge Generation scheint es hinzunehmen, wir laden ihr immer neue zusätzliche Hypotheken auf – dabei müssten wir Acht geben, dass die Last nicht zu schwer wird.

Die gesetzliche Rente und der Generationenvertrag sind insgesamt in eine tiefe Vertrauenskrise geraten. Trotz mehrerer Milliardengeschenke seit 2013 sind Union und SPD in der Wählergunst regelrecht abgestürzt. Mehr Populismus ist die falsche Antwort. Der Wähler jedenfalls ist realistischer, als mancher Politiker denkt.