Träumen Androiden von elektrischen Göttern? Am Anfang dieses Albums hört man einen spirituellen Gesang, eine barmende Beschwörung, einen Gospel; der Chorknabe hat eine helle, manchmal eunuchenhaft schöne, manchmal hirnsägend hoch schreiende Stimme. Binnen eines Wimpernschlags wechselt sie zwischen den Tonhöhen, zwischen einem organischen und einem schnarrenden Automatenklang. Bald wirkt sie wie eine Montage aus vielen Gesängen und aus Maschinengeräuschen, die zu schnell und zugleich zu langsam abgespielt werden. Manchmal hört sich die Stimme auch an, als ob sie von einem rülpsenden Roboter kommt. Wenn man in diesem Song und auf dieser Platte einmal eine Melodie hört, dann handelt es sich um eine Kette aus kleinen Klangbrocken, die im Wind der Bässe klimpert.

Amnesia Scanner sind ein finnisches Duo, das seit einigen Jahren in Berlin lebt; beide Musiker legen erheblichen Wert darauf, dass man ihre Namen nicht nennt und sie bei ihren Konzerten nicht sieht. Sie verstehen sich als Medium einer posthumanen Musik, als Erfüllungsgehilfen von technischen Klängen und Algorithmen. Sie singen nicht selbst, sie lassen Maschinen singen; auf ihrem Debütalbum Another Life haben sie als prominentesten Gast ein Stimmerzeugungsprogramm namens "Oracle" mit dabei. Ihre Musik erinnert manchmal an Hip-Hop und manchmal an Techno. Unter der Klangszenerie brummen die körperlich-kräftigen Bässe des Gangsta-Rap; aber immer wieder erklingen auch die pompösen Fanfaren, mit denen die DJs der Electronic Dance Music auf Ibiza und anderswo ihr Massenpublikum in Ekstase versetzen. Bloß dass diese Fanfaren im nächsten Moment wieder wirken wie Improvisationen auf einer verstimmten Kirchenorgel. Gospelmusik für die Millennials-Ära.

Amnesia Scanner beherrschen sämtliche Techniken, mit denen ein Techno-DJ die tanzende Menge vor ihm zum Zittern, Zucken und Schreien bringt. Doch bleibt ihre Musik immer im Stadium der Andeutung stehen; alles, was man hört, entwickelt sich nicht bis zum Ende; es gibt keine Höhepunkte, es gibt nur das ewig uneingelöste Versprechen eines echten Rauschs: Die alte Avantgarde-Technik der Negativität findet in den beiden mysteriösen Finnen die gelehrigsten Schüler.

So ist es auch bei ihren Konzerten. Wenn sie auftreten, stehen sie nicht auf der Bühne, sondern dahinter oder am Mischpult. Ihr Publikum lassen sie durch den Raum irren, zwischen Nebelmaschinen und hektisch in den Himmel fingernden Scheinwerfern. Wenn die Musik beginnt, setzt sich das alles zugleich in Bewegung, wie von künstlicher Intelligenz gesteuert. Es umhüllt das Publikum und überfordert die Sinne; es bringt die Leute zum Tanzen oder manchmal auch zum Taumeln. Die Konzerte von Amnesia Scanner können einen wahlweise an die ästhetisch-reflexiv hoch verspiegelten Installationen der Post-Internet-Kunst erinnern – oder, ganz schnöde, an ein Arsenal von Effektgeräten, das bei einem Open-Air-Rave außer Kontrolle gerät.

Amnesia Scanner sind Avantgardisten der Entsubjektivierung, sie treiben eine Tendenz auf die Spitze, in der sich ein leitender Widerspruch des aktuellen Pop zeigt. Die eine Seite des Pop – mit einem überkommenen Begriff könnte man sagen: der Mainstream – setzt heute ganz auf die Inszenierung des Künstler-Ichs. Gerade wesentliche Teile des Hip-Hop bestehen aus nichts anderem mehr als aus einer möglichst grellen Beleuchtung von Biografien und Identität: das Ich als Marke. Die andere Seite des Pop – sagen wir: die Avantgarde des letzten Jahrzehnts – versucht das Künstler-Ich umso konsequenter zum Verschwinden zu bringen. Die prägenden Produzenten der aktuellen elektronischen Musik, von Daft Punk bis Burial, von Zomby bis Deadmau5, treten mit Masken auf oder im Dunkeln, sie umgeben sich mit einer Aura der Anonymität. Gerade weil ihre Musik vor allem in den sozialen Medien des Internets kursiert, wollen sie sich dem Imperativ dieser Medien zur unablässigen Selbstinszenierung entziehen, zur Ich-Entblößung und Ich-Simulation.

Beide Tendenzen – zum überlebensgroßen Ich und zum verdunkelten Nicht-Ich – haben zu interessanter Musik geführt, aber gerade in der jüngeren Vergangenheit auch zu Tristesse. Lange schon war Hip-Hop nicht mehr so öde wie in der aktuellen Phase der Hyper-Egofizierung. Gleiches gilt für die immer noch wachsenden Kohorten von Laptop-Elektronikern, die auf dunklen Bühnen abstrakte Klänge abrufen: Deren jährliches Gipfeltreffen in Deutschland, das gerade abgehaltene Berlin Atonal Festival, gehört zu den deprimierendsten Veranstaltungen, die man sich vorstellen kann.

Amnesia Scanner entkommen dieser Dichotomie. Sie bringen sich als Künstler-Ichs nicht zum Verschwinden um des Verschwindens willen, sondern um die Technik in den Vordergrund zu stellen, die ihre Musik, ihre Ästhetik, ihre Ichs erst erzeugt. Sie sind Avantgardisten eines neuen künstlerischen Materialismus: Wie keine anderen Popmusiker zurzeit erinnern sie an den Umstand, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Und dabei schreiben sie auch noch – das ist das Tollste – die schönsten Popsongs, die man sich vorstellen kann. Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, dass es keine Menschen mehr sind, die hier für einen singen, dann erkennt man die strahlende, heitere, apokalyptische Schönheit, die Amnesia Scanner uns schenken: eine Musik, in der das Ende des Menschen nicht als Bedrohung erscheint, sondern als Verheißung und Glück.