Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-Doctor-Beilage für Menschen mit Multipler Sklerose.

Es beginnt oft harmlos, für andere unmerklich. Der Bildschirm scheint zu flackern. Die Sonne heizt das Büro auf. Nach dem Gang zur Toilette drückt die Blase schnell wieder. E-Mails, Telefonate, Gespräche. Wird alles zu viel. Die Muskeln krampfen, die Konzentration schwindet. Marianne Moldenhauer kennt so etwas. Die Rechtsanwältin hat selbst MS und berät seit Jahren Betroffene zur Frage: Arbeit und MS, wie geht das?

Anfangs versuchen die meisten, im Job bloß nicht aufzufallen. Viele sind unsicher: Muss ich es meinem Arbeitgeber sagen? "Grundsätzlich nicht", sagt die Anwältin. Man sei nicht verpflichtet, den Chef über chronische Krankheiten oder eine Schwerbehinderung zu informieren. Das ändert sich aber, wenn man die Arbeit dauerhaft nicht schafft oder wenn man sich und andere gefährdet. Wer beruflich Auto fahren muss und ständig erschöpft ist, muss sofort mit dem Chef sprechen. Oder wenn die Kollegen tuscheln, weil sie nicht wissen, was los ist: "Na, schon wieder müde?" Da kann es helfen, mit offenen Karten zu spielen. Vor dem Gespräch mit dem Chef sollten Betroffene sich selbst gut informieren. Arbeitgeber wissen oft wenig über die Erkrankung und denken womöglich, MS bedeute immer: Rollstuhl. Mit Fakten lassen sich solche Vorurteile und Sorgen zerstreuen. Viele Menschen können trotz ihrer Erkrankung gut arbeiten. Malu Dreyer hat MS und ist Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz.

Beruhigend ist für Angestellte, dass die Hürden für eine krankheitsbedingte Kündigung hoch sind. Einfach rausschmeißen? Geht nicht. Langfristig sind Betroffene aber noch besser geschützt, wenn sie als Schwerbehinderte eingestuft sind oder zumindest eine Gleichstellung mit dem Schwerbehinderten-Status erwirkt haben. Das ist ein wichtiger Schritt, denn er sichert auch den Rechtsanspruch auf einen behindertengerechten Arbeitsplatz.

Bereits kleine Veränderungen können große Verbesserungen bedeuten. Das kann der Wechsel vom lauten Großraumbüro in ein kleines sein, ein Arbeitsplatz in der Nähe der Toiletten oder in einem kühleren Raum. In größeren Betrieben hilft der Schwerbehindertenbeauftragte. Schwieriger ist es in kleinen Betrieben, da sind eigene Vorschläge des Arbeitnehmers besonders wertvoll. Je genauer er seine Einschränkungen kennt, desto eher kann er dem Chef Anregungen geben.

Beratung und Hilfe auf diesem Weg und bei grundsätzlichen Fragen bieten die gesetzliche Rentenversicherung, die Bundesagentur für Arbeit und die sogenannten Integrationsämter, die es in allen Bundesländern gibt. Sie klären darüber auf, wann welcher Rechtsanspruch gilt, und geben Anregung, wie etwa der Arbeitsplatz umgestaltet werden kann. Auch die Arbeitgeber können sich an diese Stellen wenden, um sich zu informieren.

Leider läuft im Arbeitsverhältnis trotzdem nicht immer alles reibungslos. Mitunter werden Menschen mit MS unterfordert oder bei Beförderungen übergangen. Anwältin Moldenhauer rät dann dazu, Protokoll zu führen und Benachteiligungen zu dokumentieren, um sie gezielt ansprechen zu können. Wem gekündigt wird, der sollte sich sofort einen Anwalt nehmen und das gerichtlich überprüfen lassen.

Manchmal überlegen Arbeitnehmer mit MS schon früh, einen Rentenantrag zu stellen, wenn sie merken, dass ihre Leistung abnimmt. Das sei aber nur die Ultima Ratio, erklärt die Anwältin und rät: Reha vor Rente. Denn ganz oft lernen Menschen in der Reha, besser mit Erschöpfung und Müdigkeit oder Überhitzung umzugehen und die eigene Leistungsfähigkeit wieder zu steigern. Viele kehren gestärkt zurück und können mit einer Wiedereingliederung starten. Oft hilft es auch, die Arbeitszeit zu verringern. Schwerbehinderte und gleichgestellte Menschen haben einen Rechtsanspruch auf Teilzeit. Das sollten sie auf jeden Fall ausprobieren, bevor sie von sich aus einen Arbeitsplatz aufgeben. Es ist viel leichter, im bestehenden Arbeitsverhältnis dafür zu kämpfen, die Aufgaben an das Leistungsvermögen anzupassen. Der Weg zurück, wenn man erst mal raus ist, erweist sich meist als schwierig.

Und Arbeit bedeutet ja nicht nur ein sicheres Einkommen, sondern auch bereichernde Kontakte und feste Strukturen. Also nichts überstürzen.