Immer mal wieder landen in meinem Briefkasten Bücher von eher Unbekannten oder von Freizeitautoren. Oft liegen nette Briefe dabei. Wenn ich sie richtig verstehe, biete ich mich als Empfängerin an, weil eine Kolumnistin für Unterhaltungsliteratur die Dinge nicht so streng sieht. Das heißt: ein lockeres Verhältnis zu literarischen Ansprüchen pflegt. Neulich schrieb jemand: "Bei Ihren Kollegen hätte ich sowieso keine Chance."

Die jüngste Zusendung war so liebevoll und aufwendig verpackt, dass ich zuerst dachte, es handele sich um ein verfrühtes Päckchen mit Weihnachtsgebäck. Zwischen vielen Papierknäueln fand sich aber ein Buch. In dem Buch steckte eine Serviette mit grünen Herzen. Schwer zu sagen, warum. Als Lesezeichen eignet sie sich nicht besonders. Ich kenne solche Servietten von Kindergeburtstagen. Darum geht es in dem Roman aber ganz und gar nicht. Sein Titel lautet nämlich: Ausbildung zum Callboy. Es umfasst nicht weniger als 516 Seiten. Sie sind in winziger Schrift total eng bedruckt. Bei den vornehmen Büchern von Peter Handke wären das Minimum 2000 Seiten, aber er schreibt auch nicht über Callboys.

Es gibt Berufe, Astronaut beispielsweise, deren technisch komplexe Tätigkeit zweifellos ein Curriculum von 516 Seiten erfordert. Von Callboys hätte man das nicht gedacht. Gute Manieren, ein paar okaye Anzüge und ein bisschen Süßholzgelaber sollten eigentlich reichen. Der Rest darf bei aufgeklärten Menschen als bekannt vorausgesetzt werden.

Die Schriftgröße des von Bettina-Christin Lemke verfassten Romans ist wirklich anstrengend für die Augen. Die Protagonistin heißt Agnes Willke und ist Universitätsdozentin für Psychologie. Sie hat eine Freundin, die eine Art Erziehungsanstalt für Callboys betreibt. Unter anderem müssen sie kochen und aufräumen lernen. Auch wird an ihrem Charakter und ihrer Bildung gearbeitet, und irgendwann hatte ich den Eindruck, dass es in dem Internat eher um das Heranziehen perfekter Ehemänner geht. Agnes Willke liest einen heruntergekommenen, drogensüchtigen jungen Typ auf und schickt ihn auf das Internat. Er heißt Stefan. Als Erstes bekommt er auf dem Internat einen neuen Namen: Agamemnon. Das war der Herrscher von Mykene, der die Griechen in den Trojanischen Krieg führte.

Meine Augen waren schon rot vom anstrengenden Lesen, ich schaute auf die Serviette mit den kleinen grünen Herzen und wurde immer verwirrter. Egal, ob Callboy oder Ehemann: Ein kochender Agamemnon ist meiner Ansicht nach eine merkwürdige Romanfigur. Im Grunde verstehe ich den ganzen Roman nicht. Ich habe ihn wieder schön zusammengepackt, die Serviette dazugelegt und an einen literarisch anspruchsvollen Kollegen geschickt.

Bettina-Christin Lemke: Ausbildung zum Callboy. Books on Demand, Norderstedt 2018; 516 S., 15,99 €, als E-Book 10,99 €