Man beachte: Das Tischtuch, zerknüllt – "Thérèse" von Balthus, gemalt 1938. © Balthus/Foto: The Metropolitan Museum of Art/Art Resource/Scala Florenz

Ist das die anstößige Kunst eines Pädophilen? Immer wieder wurde dem Künstler Balthasar Kłossowski de Rola, genannt Balthus, vorgeworfen, seine Kunst sei nichts anderes als Schulmädchenpornografie: Söckchen und Schottenkaroröcke, die so hochgerutscht sind, dass man nicht nur die nackten, leicht geöffneten Schenkel, sondern den Slip leuchten sieht. Halbwüchsige, gleich ganz nackt, bei der Toilette, mit entblößtem Geschlecht, Kätzchen und Spiegel. Der Stoff, aus dem Softporn gemacht ist. Wenn man dann noch die Miezen bedenkt ...

In Basel, in der Fondation Beyeler, können wir uns jetzt selbst ein Bild machen. Zu sehen sind rund 40 Werke aus allen Schaffensphasen, darunter auch die berüchtigten Mädchenbilder. Jedem, der Augen hat zu sehen, wird in dieser Ausstellung schlagartig klar, wie entscheidend Balthus von Motiven geprägt ist, die in der Kunstgeschichte allgegenwärtig sind und die er in sein gegenwartsgesättigtes Werk eingelassen hat: Es sind die Mythen der Alten, vor allem aber sind es die Marien-Ikonografie und die Passionsgeschichte Christi.

Das erotisch expliziteste Gemälde, die Gitarrenstunde (1934), zeigt besonders eindrücklich die ikonografische Tradition, in der Balthus malt. In Basel ist es nicht zu sehen; Balthus selbst hat es nur dreimal ausstellen lassen. Mit dieser Gitarrenstunde möchte ich beginnen: Balthus gibt uns hier eine Lesestunde, die in das manchmal brutal dissonante Geheimnis seiner bei allem Realismus esoterischen Kunst führt.

In einem bürgerlichen Interieur liegt ein Mädchen mit entblößtem Geschlecht auf dem verhüllten Schoß einer Frau, wie leblos liegt sie da, mit verdrehten Augen, unentschieden zwischen großem und kleinem Tod. Eine Hand des Mädchens spielt noch mit dem nackten Nippel der über sie gebeugten Lehrerin, der anderen, herabhängenden Hand ist die Gitarre entglitten. Eine Hand der Lehrerin spielt am Geschlecht des Mädchens, die andere reißt an ihrem Haar. Nachdem die Lehrerin durch Saitenspiel den Klangkörper der Gitarre zum Erklingen gebracht hat, bringt sie den Mädchenkörper zum Erklingen, so der Klartext. Missbrauch und Bestrafung schwingen in diesem gewalttätigen Liebesakt mit.

In dieser lesbischen Szene zwischen einer erwachsenen Frau und einem halbwüchsigen Mädchen schlägt unübersehbar das Motiv der Pietà durch, des Leichnams Jesu auf dem Schoß der Mutter – bloß auf eine verkehrte Weise. Während das Geschlecht des gemarterten Jesus stets verhüllt bleibt, wird es bei Balthus, zu einem weiblichen Geschlecht geworden, entblößt, als Zeichen einer martyrisierten Lust.

In den Topos der Pietà eingeschrieben, ja eingemalt wird das genauso ver-kehrte Motiv der Maria lactans: Die nackte Brust, die das Jesus-Kind stillt, wird auch hier ostentativ freigelegt, allerdings zur Lust der Lehrerin. Sexuelle Lust stellt Balthus also mit den in der Kunst herausgebildeten Topoi der Passion dar. Es geht in seinen Bildern um Heilsgeschichte: um die Fleischwerdung des Wortes, die zwischen Empfängnis, Passion und Liebesopfer, Auferstehung und Verklärung spielt. Blasphemie und Tabubruch dieser in jeder Hinsicht unorthodoxen Kunst können wir für den Moment auf sich beruhen lassen.

Auf einem weiteren Bild, der Passage du Commerce Saint-André, zeigt sich ebenfalls, wie Balthus das Geheimnis seiner allegorischen Kunst "entschlüsselt", die wie so vieles zwischen Flaubert, Baudelaire, Bataille und Lacan eine Kunst des Opfers ist. In dieser Straßenszene werden die in der Revolution durch die Guillotine Hingerichteten in eine Tradition der Imitatio Christi gestellt. Auf dem Bild können wir in Basel einen roten Schlüssel entdecken, mit einem Pfeil darunter. Er weist den Weg zu der Schlosserei, in der die erste Schneide für die Guillotine hergestellt wurde. Zur Probe zerschnitten wurden zuerst, und tatsächlich auf diesem Platz, der Passage vom heiligen Andreas, Strohballen, dann der Hals eines Lammes, das wie ein Hund den ins Bild hineingehenden Mann mit Baguette begleitet. De la révolution comme sacrifice hieß eine Abhandlung von Pierre Jean Jouve, nach Rilke der Mentor von Balthus.