Kein Elefant, der durch die Manege trampelt. Kein Löwe, der hinter Gitterstäben brüllt, nicht einmal Ponys, die im Kreis traben, oder dressierte Hunde sind in der zweieinhalbstündigen Zirkusshow zu sehen. Knapp 1000 Menschen sind an diesem verregneten Nachmittag in Innsbruck in das blau-weiß gestreifte Zelt des Circus Roncalli geströmt. 23 Darbietungen bekommen sie zu sehen, akrobatische Höhenflüge und charmante Clownerien, das Orchester spielt Tuschs und Tschingderassassa – doch wo sind die Tiere geblieben?

"Pah", sagt der Zirkusdirektor Bernhard Paul. "Wie ein Elefant aussieht, das weiß heute doch jedes Kind. Den muss man doch nicht mehr zeigen." Paul, 71 Jahre alt, seit Jahrzehnten mit blonder Achtzigermähne, Schal und dunklen Brillen, sitzt in seinem barock ausgestatteten Wohnzimmerwagen, nur ein paar Meter neben dem Zirkuszelt. Der Quereinsteiger in die Manegenwelt gilt mit seinem Circus Roncalli längst als Maß aller circensisch-anachronistischen Dinge. Tiere aber, die Grundzutat einer klassischen Zirkusshow, hält Paul nicht mehr für nötig.

Jedenfalls keine echten. Der gebürtige Oberösterreicher hat sich darangemacht, sein Metier mit computergestützter Technik neu zu erfinden. Die Tiere, die in Pauls Manege zu sehen sind, bestehen statt aus Fleisch und Blut aus Kristallstaub. Mächtige Elefanten und stolze Pferde, die wie von Zauberhand um die Manege kreisen – und einen Augenblick später verschwunden sind: Schon zu Beginn der Vorstellung akklamiert das Innsbrucker Publikum dieses digitale Blendwerk mit einem kollektiven Raunen.

"Wie ein Elefant aussieht, das weiß heute doch jedes Kind. Den muss man doch nicht mehr zeigen."
Bernhard Paul, Direktor von Circus Roncalli

Zwei Jahre und gut 300.000 Euro hat Paul investiert, um die Holografie, den technischen Dreh hinter seinen Tiererscheinungen, manegentauglich zu machen. Elf Hochleistungsbeamer werden im Zelt aufgebaut und eine Art transparentes Netz, das vor dem Publikum aufsteigt. Technik statt Tiere, ist das noch jene verträumte Zeitkapsel, für die Roncalli seit rund 40 Jahren steht? Paul, der sich einen Zirkushistoriker nennt, entgegnet: "Der Zirkus hat sich in seiner Geschichte immer wieder neu erfunden, er hat immer die neueste Technologie verwendet."

Storyteller: Gestern – Heute – Morgen heißt die Tournee, mit der Roncalli Mitte August die Zelte in Innsbruck aufgeschlagen hat und die nun weiter auf den Wiener Rathausplatz zieht. Das Programm hat für Aufruhr in der Zirkuswelt gesorgt, als der Direktor ankündigte: Roncalli sei von nun an tierfrei. "Was ich da fertiggemacht worden bin", ruft Paul, "fast gelyncht haben mich da die restlichen Zirkusse!" Nicht, dass ihm das was ausmachen würde. Paul ist ja überzeugt: Sein Weg, das ist die Zukunft des traditionellen Zirkus.

Größenwahnsinnige Vorhaben mit Erfolg

"Man muss Visionen haben, gewisse seherische Fähigkeiten": Solche Sätze sagt Bernhard Paul, rollendes R, ostösterreichische Färbung, häufig. Oder: "Ich bin ein großer Radarschirm. Ich weiß genau, was die Leute mögen." Anderen würde man Aufschneiderei nachsagen, zumindest etwas Selbstüberschätzung. Dem Roncalli-Gründer aber muss man es lassen: Seine sind oft aufgegangen. Sehr oft. Eine Erklärung dafür: "Mir hilft, dass ich aus einer anderen Welt komme."

Die Geschichte des Elektrikerkindes aus Wilhelmsburg in Oberösterreich, das vom Zirkusfieber ergriffen wird und erst viel später den aberwitzigen Traum von der eigenen fahrenden Truppe in Angriff nimmt: Sie gehört längst zum Roncalli-Mythos. Paul, der Außenseiter, der von den Lehrern zum Psychiater geschickt wird, "weil ich alles anders sah als die anderen". Etwa das tägliche Dramolett, das er im Dorfzentrum erlebte: Kirchenglocken läuten, Mittag, aus der Porzellanfabrik links strömen die in weißen Staub getauchten Arbeiter, aus der Eisengießerei rechts die schwarzen. Vermischen sich, sortieren sich eine Stunde später wieder neu. Dann kommt ein Zirkus ins Dorf, bunt und märchenhaft, um den kleinen Paul ist es geschehen.

Erst aber folgt eine lange Zirkuspause. Internat in Krems, eine Hoch-und-Tiefbau-Lehre, die Paul gleich abbricht, der Wechsel auf die Grafische in Wien. Seine Schulfreunde Gottfried Helnwein und Manfred Deix lässt er später, als Artdirector bei profil, Cover zeichnen. Die Karriere läuft, Paul wird von einem Werbekonzern abgeworben – und schmeißt alles hin, um Zirkus zu machen.

Das eklatante Scheitern des ersten Anlaufs ist ebenfalls Legende. Dieser neuartig-altmodische Zirkus, der Poesie und Nostalgie zelebriert, wird 1976 zwar vom Publikum überrannt und von den Feuilletons bejubelt. Doch nach wenigen Wochen kracht es zwischen Bernhard Paul und André Heller, der bei der Gründung eingestiegen war. Fäuste fliegen, Intrigen werden gesponnen, bald ist Heller weg und Paul pleite. Vor der anstehenden Versteigerung der Zirkuswägen versteckt Paul die Waggons auf dem Abbruchgelände beim Schlachthof St. Marx. "Dann habe ich sechs Monate Zeit gehabt, gerackert und alles bezahlt."

Wie blutig der Streit mit dem Ex-Kompagnon gewesen sein muss, ist auch hinter einer Art Entschuldigung herauszuhören, die Heller einmal gegenüber der Weltwoche gab: "Ich bin so unverzeihlich wie irgend möglich mit dem unverhofften Welterfolg des Circus Roncalli umgegangen. Ich habe diesen Triumph aus reinem Egoismus getötet, weil ich ihn nicht mit Bernhard Paul teilen wollte."