Der neue Roman des 69-jährigen Michael Köhlmeier sticht allein schon deswegen aus der Masse der Neuerscheinungen hervor, weil sein Personal der Pubertät seit Langem entwachsen, sehr belesen und beruflich erfolgreich ist – gemessen am durchschnittlichen Helden-Profil aktueller Gegenwartsliteratur ist das eine Rarität. Der Soziologe Andreas Reckwitz würde die Geschwister Lenobel, von denen hier in ausgeruhter Tonlage in der Rückschau berichtet wird, vermutlich zur neuen postmaterialistischen Elite zählen, also zu jenen großstädtischen Neobürgern, deren Lebensziele komplexerer Natur sind, als dass sie sich auf dem Weg altbürgerlicher Tugenden wie Anpassung, Fleiß und Redlichkeit ohne Weiteres erreichen ließen. Ihre Probleme fangen erst da an, wo die meisten Romane schon lange wieder zu Ende sind – wenn alle Siegertreppchen bestiegen (oder verfehlt), die Kinder erwachsen, die Seitensprünge begangen sind und man sich fragt: Wozu?

Vor allem Dr. Robert Lenobel – ein Romanheld mit der reichlich vorbelasteten Personalakte: Psychoanalytiker, Jude, Wien – wird von dieser Frage im fortgeschrittenen Alter überrascht. Bisher hatte er sich in seiner Langzeitehe mit der Buchhändlerin Hanna und in seinem überlegenen Melancholikerwissen von der Nichtigkeit gängiger Glücksvorstellungen ganz gut eingerichtet, bestärkt durch Lektüren wie die Philosophie des Als Ob, ein vergriffenes Werk des philosophischen Desillusionismus aus der Feder des Tübinger Neukantianers Hans Vaihinger.

Doch zu Beginn des Romans hat Dr. Lenobel seinen Hochsitz stoischer Indifferenz bereits mit unbekanntem Ziel verlassen. Er ist verschwunden, weder seine aus Dublin herbeigerufene Schwester Jetti noch seine Frau oder sein Freund, der Wiener Schriftsteller Sebastian Lukasser, der bereits in Köhlmeiers Roman Abendland mitmischte, wissen, wo er steckt. Was ist nur in diesen selbstsicheren Familienvater gefahren, der mit seinem gepflegten Zynismus alle bezauberte?

Jedenfalls nicht das, was alle unterstellen, wenn alte Ehen sich auf den letzten Metern auflösen. Die große Liebe zu Bess, einer verheirateten Dame der besseren Wiener Gesellschaft, ist schon wieder vorbei. Nach einer ermüdenden Reihe von Treffen im Hotel Orient am Tiefen Graben – man darf das in Rückblenden noch einmal in aller Ausführlichkeit nachkosten: weinrote Zimmer, Songs von Frank Sinatra, die Zigarette danach nackt auf dem Rücken liegend – hat Dr. Lenobel es vorgezogen, seine Abende wieder allein mit seinen Büchern in seiner Praxis in der Giradigasse zu verbringen.

Aber was sonst treibt einen Herrn in Bestlebenslage in die Krise? Der Schriftstellerfreund berichtet von einem zunehmenden Hang zu Muße und Lektüre – die Bibliothek, die der Doktor im Lauf dieses Romans so wegliest, kann sich sehen lassen. Vor allem die einsamen Abende mit dem französischen Religionsphilosophen René Girard wecken in Dr. Lenobel eine neue brennende "Lust zum Nachdenken", wie er sie seit seiner Jugend nicht mehr verspürte, als er Dostojewski und Nietzsche las.

Er plant, selbst ein Buch zu schreiben oder zumindest einen nachdenklichen Essay. Doch daraus wird nichts. Er fühlt sich zu auf- oder zu abgeklärt. Was ihm fehlt, ist: Poesie, wahre Empfindung und die Fähigkeit, die Welt wie zum ersten Mal zu sehen – "wie ein Neugeborener mit dem ersten Blick; oder wie ein Sterbender mit dem letzten". Im Grunde das gesamte romantische Authentizitätsprogramm, um dessen Demontage sich Generationen von Nachkriegsintellektuellen wie Dr. Lenobel redlich bemüht haben.

Diese Ausgangssituation ist ein Klassiker, literarisches Urmaterial im besten Sinne: Ein Mann von über fünfzig Jahren findet unter dem Gerümpel aus vorgefertigten Ideen und fremderzeugten Gedanken seine eigenen Gefühle und sein wahres Ich nicht mehr. "Er wusste", erzählt der Schriftsteller über seinen Freund, "dass er ein erbarmungsloser, verlogener, mit Worten sich abputzender Egoist war; ein kaltes Stück Mensch, das sich eine doppelte Moral angeschirrt hatte, schlimmer als ein Mitleidloser; einer, der ausgestattet war mit ebenso viel Talent zur Empathie wie zur Gleichgültigkeit, und das war wohl das abscheulichste Gemisch: Er konnte Leid sehen und begreifen, wie nur wenige es können (zehn Jahre Ausbildung, zwanzig Jahre Praxis!), und zugleich war es ihm wurscht. Einer, der nur so tat, als wollte und könnte er mittun beim Menschsein, es aber weder wollte noch konnte, so einer war er, ein Marsianer!"