Der neue Roman des 69-jährigen Michael Köhlmeier sticht allein schon deswegen aus der Masse der Neuerscheinungen hervor, weil sein Personal der Pubertät seit Langem entwachsen, sehr belesen und beruflich erfolgreich ist – gemessen am durchschnittlichen Helden-Profil aktueller Gegenwartsliteratur ist das eine Rarität. Der Soziologe Andreas Reckwitz würde die Geschwister Lenobel, von denen hier in ausgeruhter Tonlage in der Rückschau berichtet wird, vermutlich zur neuen postmaterialistischen Elite zählen, also zu jenen großstädtischen Neobürgern, deren Lebensziele komplexerer Natur sind, als dass sie sich auf dem Weg altbürgerlicher Tugenden wie Anpassung, Fleiß und Redlichkeit ohne Weiteres erreichen ließen. Ihre Probleme fangen erst da an, wo die meisten Romane schon lange wieder zu Ende sind – wenn alle Siegertreppchen bestiegen (oder verfehlt), die Kinder erwachsen, die Seitensprünge begangen sind und man sich fragt: Wozu?