In die Menge, die am vergangenen Montag in Chemnitz unter dem Motto "Wir sind mehr" ein Konzert gegen rechte Gewalt und gegen Rassismus feierte, hatten sich – dreist genug – auch ein paar junge Männer in klassischer Skinhead-Montur (New-Balance-Turnschuhe, Bomberjacken) gemischt. Offenbar wollten die Jungs einige der besten deutschen Bands auf der Bühne erleben. Sie wollten aber auch – dafür sprachen ihre höhnischen Blicke und Kommentare – die naive Kraft des Pop an der aufgeheizten politischen Realität in Sachsens drittgrößter Stadt zerschellen sehen.

Es kam anders. Nicht nur sind Musik-Acts wie die Chemnitzer Rockband Kraftklub oder eine Hip-Hop-Gruppe wie K. I. Z. aus Berlin musikalisch zu stark und zu routiniert in ihrer Bühnenshow, um nicht das ganz große Publikum – darunter auch ein paar Rechte – mitzureißen. An diesem Abend tat die gute alte universale Kraft des Pop ihre Wirkung: Auf einem Parkplatz in der Chemnitzer Innenstadt gab es an diesem Montagabend für ein paar Stunden keinen Platz für Zyniker.

Einen durchaus respektablen Politiker wie den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer sieht man in diesen Tagen nach einer Position suchen, mit der er die notwendige Abgrenzung gegen die extreme Rechte vollzieht und gleichzeitig für die Klientel der AfD wählbar bleibt: ein oft bedrückendes Schauspiel.

Dagegen der Pop: 65.000 Menschen, aus ganz Deutschland angereist – und plötzlich war es möglich, dass eine Bühnenansage wie "Liebe ist stärker als Hass" des Chemnitzer Dancehall-Künstlers Ronny Trettmann oder das reichlich unsubtile "Es gibt nur Arschlöcher oder Nicht-Arschlöcher, entscheidet euch!" des Sängers Jan Gorkow der Punkband Feine Sahne Fischfilet nicht kitschig oder läppisch klingt, sondern wie eine sehr ernsthafte, bedenkenswerte politische Botschaft. Was der Politik so schwerfällt – klare, mitreißende, humanistische Sätze zu sprechen –, das kann der Pop. Seit Jahrzehnten muss sich der Tote-Hosen-Sänger Campino für sein Engagement gegen rechte Gewalt als Margot Käßmann der Rockmusik verspotten lassen. Als er in Chemnitz mit dem Bassisten der Ärzte auf der Bühne stand, war er ein König.