DIE ZEIT: Herr Böhringer, Sie engagieren sich in der Initiative "Chemnitz ist weder grau noch braun" für ein positives Bild der Stadt nach den Ausschreitungen. Wie haben Sie die vergangene Woche erlebt?

Martin Böhringer: In purem Entsetzen. Zuerst über das furchtbare Verbrechen am vergangenen Sonntag. Von der Spontandemo am Sonntagabend habe ich erst einmal nichts mitbekommen. Am Montag fragte ich mich dann: Wo kommen all diese Typen auf den Straßen her? Dass es ein paar Aggressive in der Stadt gibt – klar. Aber so viele? Ich bin in Chemnitz geboren. Ich lebe mit Unterbrechungen seit 33 Jahren in der Stadt. Diese Art von Menschen habe ich seit den Neunzigern nicht gesehen. Die kamen von überall her und schienen nur auf einen Anlass gewartet zu haben. Das hätte wahrscheinlich auch in anderen Städten geschehen können, wenn dort eine solch furchtbare Tat passiert wäre. Nun hat es uns getroffen. Dass Leute bewusst Jagd machen auf Gegendemonstranten, ist für mich verrückt. Das hat ein Gefühl von Unsicherheit ausgelöst, das ich so noch nicht erlebt habe.

ZEIT: Ihr Chemnitzer Standort ist nicht weit vom Zentrum der Demonstrationen entfernt. Wie haben die Mitarbeiter reagiert?

Böhringer: Wir haben Leute, die sich nicht auf die Straße getraut haben. Einige Mitarbeiter mit Migrationshintergrund haben sich ein Taxi bestellt, damit sie nach Hause fahren konnten. Das war eine absolute Ausnahmesituation.

ZEIT: Fühlen sich die ausländischen Mitarbeiter jetzt wieder sicher?

Böhringer: Ja. Das war nur der eine Tag. Die Mitarbeiter fühlen sich sicher. Sie sind auch sofort wieder zur Arbeit gekommen. Und wir bekommen nach wie vor Bewerbungen von Menschen aus der ganzen Welt.

ZEIT: Es sind auch erst wenige Tage vergangen.

Böhringer: Das stimmt. Am Tag danach haben sich auch viele von uns gefragt: Will ich hier weiter leben? Aber die Mehrheit der Chemnitzer gestaltet die Stadt positiv. Deswegen bleibt bei mir nach dem Schock der ersten Woche tatsächlich etwas Positives hängen. Eine Art Aufbruchsstimmung: Es gibt ein breites Bündnis, etwas zu tun.

ZEIT: Aber denken Sie auch einmal an Investoren und begabte mögliche Mitarbeiter. Werden die Ereignisse das Bild von der Stadt nicht verändern?

Böhringer: Was langfristig geschieht, weiß ich nicht. Chemnitz war nie die erste Adresse, an die ein ausländischer Mitarbeiter denkt, der nach Deutschland möchte. Sicher war die letzte Woche für den Ruf der Stadt nicht förderlich. Wir hoffen aber sehr, dass die Ausschreitungen nicht die positive Entwicklung der vergangenen Jahre zunichtemacht.

ZEIT: Sogar die New York Times hat über Chemnitz berichtet. Die ganze Welt liest darüber. Sie sind als Unternehmen der Softwarebranche doch auch auf eine internationale Klientel angewiesen. Die Berichte können doch negative Folgen haben.

Böhringer: Klar. Da ist Angst, dass etwas hängen bleibt. Die Stadt hat Brüche, das war auch schon vorher so. Chemnitz ist eben nicht Heidelberg oder Böblingen. Es ist immer schwer, jemanden herzuholen, der sagt: Ich habe 20 Jobangebote aus 20 Städten. Für diejenigen war der Standort Chemnitz nie ein Vorteil. Für uns heißt das: Wir müssen als Unternehmen den Unterschied machen. Wir brauchen bei uns ein internationales Umfeld. Wenn man ins Büro kommt, sieht es aus wie bei einem Berliner Start-up auch: 70 Mitarbeiter mit verschiedensten Hintergründen aus zehn Nationen arbeiten in einer ehemaligen Industriehalle. Das Chemnitz, das wir täglich erleben, unterscheidet sich von den aktuellen Bildern im Fernsehen.

ZEIT: Sie haben aber Büros in Berlin, Amsterdam, Köln, Dresden und New York. Haben Sie jemals darüber nachgedacht, den Hauptsitz zu verlegen?

Böhringer: Nein. Ich sehe den Standort Chemnitz als Wettbewerbsvorteil. Im Vergleich zu Berliner Start-ups haben wir fast keine Fluktuation und sehr loyale Mitarbeiter, gerade auch unter den Softwareentwicklern. Wir mögen die Stadt. Zwei der Gründer kommen aus Chemnitz, einer kommt aus Dresden. Es gibt zwei Unis, die jedes Jahr Informatiker ausspucken. Wenn ich wie heute einen Termin in Berlin habe, dann sind das auch nur zweieinhalb Stunden Zugfahrt. Es gibt jetzt keine Kurzschlussreaktion. Wir können den Radikalen ja nicht das Feld überlassen. Wir schaffen Fakten, indem wir das Unternehmen aufbauen und es groß machen. Natürlich wachsen wir auch da, wo unsere Kunden sind. Wir werden also an anderen Orten neue Standorte eröffnen. Aber der Hauptsitz heißt auch in Zukunft Chemnitz.

ZEIT: Was tun Sie, um das Image von Chemnitz wieder zu stärken?

Böhringer: Ich mag das Wort Image an der Stelle nicht. Den Bildern, die um die Welt gingen, kann man nichts entgegensetzen. Ein Tabuübertritt produziert die besten Bilder. Wir müssen das dauerhaft korrigieren und Stellung beziehen. Die Reaktion auf die Ereignisse vom Montag war bemerkenswert. Besonders aus der Wirtschaft. In Chemnitz gibt es viele Unternehmen. Da macht normalerweise jeder seins. Man steht eher im Wettbewerb zueinander. Vergangene Woche spielte das keine Rolle. Im Bündnis "Chemnitz ist weder grau noch braun" zeigen auch viele klassische Unternehmen Initiative. Da sind einige dabei, die sich nicht sicher sein können, wie sie in der eigenen Belegschaft aufgestellt sind. Klar, die meisten Mitarbeiter sind wahrscheinlich gegen Gewalt. Aber wenn man sich die Wählerschaft der AfD anschaut, werden einige Anhänger auch in diesen Unternehmen arbeiten. Und auch diese Unternehmen haben Stellung bezogen. Gut so.

ZEIT: Was wird Ihr Unternehmen neben dem Engagement in der Initiative für Chemnitz noch tun?

Böhringer: Ganz einfach: Wir zeigen wie in den vergangenen Jahren auch: Hier kann man ein tolles Unternehmen aufbauen.