Als ich Christian Lindner zum ersten Mal begegne, im Mai vor drei Jahren, kommt er eine halbe Stunde zu spät. Er lässt Menschen oft warten, das ist eines seiner Markenzeichen, aber davon weiß ich zu jenem Zeitpunkt noch nichts. Gero Hocker, der freundliche FDP-Vorsitzende einer Kleinstadt bei Bremen, hat mich zum traditionellen Spargelessen in einem niedersächsischen Landgasthof eingeladen, und er hat hinzugefügt: "Christian kommt auch." Christian, okay, warum nicht?

Als der Vorsitzende der FDP schließlich in den Saal eilt und vor den Zuschauern steht, wirft er sich sofort in seine Rede. Lindners Vortrag ist fantastisch, jede seiner Pointen sitzt. Er lästert über Andrea Nahles’ Forderung, den Paternoster zu verbieten, und das Publikum tobt vor Vergnügen. Die Sozialdemokratin Nahles und die unverantwortliche Unfallgefahr durch Paternoster, das ist schon ohne Lindner ein Witz, mit Lindner wird es zu einem Partykracher.

Nach seiner Rede werden wir einander vorgestellt. Wir stehen neben Menschen, die sich gerade über ihren Spargel hermachen, und Lindner reicht mir die Hand. Währenddessen richtet er diesen durchdringenden Blick auf mich, den ich so rasch nicht vergessen werde. Es ist, als schaue er durch ein Okular, um das Wesen seines Gegenübers in Sekundenschnelle zu erfassen, damit er darauf sofort auf interessante Weise reagieren kann. Was sieht er? Einen Redakteur der ZEIT, Brille, Sakko, Notizbuch, Mitarbeiter eines Blattes, das als intellektuell gilt. Lindner verliert nicht viel Zeit, bis er einen Satz formuliert, an den ich mich fortan erinnere, wenn ich an Lindner denke. Er sagt zu mir: "Ich weiß nicht, ob Sie den frühen Hegel gelesen haben ..." Das kommt mir inmitten der klappernden Teller und klirrenden Biergläser so unwirklich vor, dass ich zunächst nichts zu entgegnen weiß und schließlich erwidere: "Den frühen Hegel habe ich gelesen, aber ich habe alles vergessen." Sofort blickt er wieder durch sein Okular. Hat er den Abgesandten der Hamburger Intellektuellen haushoch besiegt? Oder ist ihm bloß ein Scheinsieg geglückt? Ist er in eine rhetorische Falle getappt, die er selbst aufgestellt hatte?

Ich sehe Lindner danach lange nicht mehr, nur noch im Fernsehen, bei YouTube und auf Wahlplakaten, aber ich muss manchmal an ihn denken. Er hat es tatsächlich geschafft, das Spargelessen mit dem frühen Hegel zu verbinden. Er ist ein Spargel-Hegelianer. Er muss sehr viel Wissen angehäuft haben, mit dem er sich auf den unterschiedlichsten Gebieten einen Vorteil verschaffen kann. Wäre ich kein Redakteur der ZEIT, sondern ein Hörfunkreporter, hätte er mich dann auf die Raumakustik des Gasthofes angesprochen?

Im Oktober vergangenen Jahres versuche ich, ihn zu erreichen. Inzwischen sieht es so aus, als werde Lindner zu einem Shootingstar der deutschen Politik. Die FDP hat bei den Bundestagswahlen 10,7 Prozent der Stimmen geholt, ein kleines Wunder, die Rückkehr ins Parlament nach vier Jahren Auszeit. Ohne Lindner wäre das alles undenkbar gewesen. Der ganze Wahlkampf war auf ihn zugeschnitten. Wie ein Besessener hat er an der Auferstehung der Partei gearbeitet. Christian Lindner, Wolfgang Kubicki und andere FDP-Politiker führen Sondierungsgespräche mit der CDU, der CSU und den Grünen. Eine Jamaika-Koalition scheint zum Greifen nahe, die nächste Überraschung. Lindner auf dem Weg zur Macht.

Ich erreiche ihn nicht und lasse ihm ausrichten, dass ich mit ihm auf die Jagd gehen möchte. Von einer Kollegin, die für eine Jagdzeitung schreibt, habe ich erfahren, dass sich Lindner gerade auf seine Jagdprüfung vorbereitet. Das interessiert mich. Aber Lindner meldet sich nicht. Er ist in Berlin sehr beschäftigt.

Als er schließlich die Sondierungsgespräche für gescheitert erklärt, tritt Lindner mit einem Zettel in der Hand vor die Fernsehkameras und sagt diesen berühmten Satz, der spontan klingt: "Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren." Monate später erklärt er mir, dass er sich meist ein paar Notizen mache, bevor er öffentlich Dinge ausspreche, die dann ihre Wirkung entfalteten. Seine Spontaneität ist, manchmal zumindest, eine Sache, die er nicht dem Zufall überlässt.

Im Dezember treffe ich Wolfgang Kubicki, nach Lindner das bekannteste Gesicht der FDP. Ich besuche ihn in dem kleinen Ort Strande bei Kiel, wo Kubicki lebt. Das Image seines Parteivorsitzenden hat sich gedreht. Lindner ist für viele Menschen eine Enttäuschung, einer, der sich davongeschlichen hat. "Sie wollen etwas über Christian Lindner erfahren?", fragt mich Kubicki in einem Restaurant an der Ostseeküste. "Wenn Sie wissen wollen, wie er in dreißig Jahren ist, dann schauen Sie mich an. Wenn Sie wissen wollen, wie ich vor dreißig Jahren war, dann schauen Sie sich Christian Lindner an." Das ist zwar eine sehr gewagte Analogie, aber sie verrät etwas über eine komplizierte Beziehung, die Achse Kubicki–Lindner.

Es gab einen symbolischen Moment im politischen Leben der beiden, den doppelten Savoy-Moment. In der holzvertäfelten Times Bar des Berliner Hotels Savoy trafen sich Lindner und Kubicki im September 2013, kurz nachdem die FDP aus dem Bundestag geflogen war. Die beiden versprachen einander, gemeinsam für eine Erneuerung ihrer Partei zu kämpfen. Keiner werde den anderen angreifen, kein böses Wort. Sie reichten einander die Hand und besiegelten damit den Treueschwur.