Als ich Christian Lindner zum ersten Mal begegne, im Mai vor drei Jahren, kommt er eine halbe Stunde zu spät. Er lässt Menschen oft warten, das ist eines seiner Markenzeichen, aber davon weiß ich zu jenem Zeitpunkt noch nichts. Gero Hocker, der freundliche FDP-Vorsitzende einer Kleinstadt bei Bremen, hat mich zum traditionellen Spargelessen in einem niedersächsischen Landgasthof eingeladen, und er hat hinzugefügt: "Christian kommt auch." Christian, okay, warum nicht?

Als der Vorsitzende der FDP schließlich in den Saal eilt und vor den Zuschauern steht, wirft er sich sofort in seine Rede. Lindners Vortrag ist fantastisch, jede seiner Pointen sitzt. Er lästert über Andrea Nahles’ Forderung, den Paternoster zu verbieten, und das Publikum tobt vor Vergnügen. Die Sozialdemokratin Nahles und die unverantwortliche Unfallgefahr durch Paternoster, das ist schon ohne Lindner ein Witz, mit Lindner wird es zu einem Partykracher.

Nach seiner Rede werden wir einander vorgestellt. Wir stehen neben Menschen, die sich gerade über ihren Spargel hermachen, und Lindner reicht mir die Hand. Währenddessen richtet er diesen durchdringenden Blick auf mich, den ich so rasch nicht vergessen werde. Es ist, als schaue er durch ein Okular, um das Wesen seines Gegenübers in Sekundenschnelle zu erfassen, damit er darauf sofort auf interessante Weise reagieren kann. Was sieht er? Einen Redakteur der ZEIT, Brille, Sakko, Notizbuch, Mitarbeiter eines Blattes, das als intellektuell gilt. Lindner verliert nicht viel Zeit, bis er einen Satz formuliert, an den ich mich fortan erinnere, wenn ich an Lindner denke. Er sagt zu mir: "Ich weiß nicht, ob Sie den frühen Hegel gelesen haben ..." Das kommt mir inmitten der klappernden Teller und klirrenden Biergläser so unwirklich vor, dass ich zunächst nichts zu entgegnen weiß und schließlich erwidere: "Den frühen Hegel habe ich gelesen, aber ich habe alles vergessen." Sofort blickt er wieder durch sein Okular. Hat er den Abgesandten der Hamburger Intellektuellen haushoch besiegt? Oder ist ihm bloß ein Scheinsieg geglückt? Ist er in eine rhetorische Falle getappt, die er selbst aufgestellt hatte?

Ich sehe Lindner danach lange nicht mehr, nur noch im Fernsehen, bei YouTube und auf Wahlplakaten, aber ich muss manchmal an ihn denken. Er hat es tatsächlich geschafft, das Spargelessen mit dem frühen Hegel zu verbinden. Er ist ein Spargel-Hegelianer. Er muss sehr viel Wissen angehäuft haben, mit dem er sich auf den unterschiedlichsten Gebieten einen Vorteil verschaffen kann. Wäre ich kein Redakteur der ZEIT, sondern ein Hörfunkreporter, hätte er mich dann auf die Raumakustik des Gasthofes angesprochen?

Im Oktober vergangenen Jahres versuche ich, ihn zu erreichen. Inzwischen sieht es so aus, als werde Lindner zu einem Shootingstar der deutschen Politik. Die FDP hat bei den Bundestagswahlen 10,7 Prozent der Stimmen geholt, ein kleines Wunder, die Rückkehr ins Parlament nach vier Jahren Auszeit. Ohne Lindner wäre das alles undenkbar gewesen. Der ganze Wahlkampf war auf ihn zugeschnitten. Wie ein Besessener hat er an der Auferstehung der Partei gearbeitet. Christian Lindner, Wolfgang Kubicki und andere FDP-Politiker führen Sondierungsgespräche mit der CDU, der CSU und den Grünen. Eine Jamaika-Koalition scheint zum Greifen nahe, die nächste Überraschung. Lindner auf dem Weg zur Macht.

Ich erreiche ihn nicht und lasse ihm ausrichten, dass ich mit ihm auf die Jagd gehen möchte. Von einer Kollegin, die für eine Jagdzeitung schreibt, habe ich erfahren, dass sich Lindner gerade auf seine Jagdprüfung vorbereitet. Das interessiert mich. Aber Lindner meldet sich nicht. Er ist in Berlin sehr beschäftigt.

Als er schließlich die Sondierungsgespräche für gescheitert erklärt, tritt Lindner mit einem Zettel in der Hand vor die Fernsehkameras und sagt diesen berühmten Satz, der spontan klingt: "Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren." Monate später erklärt er mir, dass er sich meist ein paar Notizen mache, bevor er öffentlich Dinge ausspreche, die dann ihre Wirkung entfalteten. Seine Spontaneität ist, manchmal zumindest, eine Sache, die er nicht dem Zufall überlässt.

Im Dezember treffe ich Wolfgang Kubicki, nach Lindner das bekannteste Gesicht der FDP. Ich besuche ihn in dem kleinen Ort Strande bei Kiel, wo Kubicki lebt. Das Image seines Parteivorsitzenden hat sich gedreht. Lindner ist für viele Menschen eine Enttäuschung, einer, der sich davongeschlichen hat. "Sie wollen etwas über Christian Lindner erfahren?", fragt mich Kubicki in einem Restaurant an der Ostseeküste. "Wenn Sie wissen wollen, wie er in dreißig Jahren ist, dann schauen Sie mich an. Wenn Sie wissen wollen, wie ich vor dreißig Jahren war, dann schauen Sie sich Christian Lindner an." Das ist zwar eine sehr gewagte Analogie, aber sie verrät etwas über eine komplizierte Beziehung, die Achse Kubicki–Lindner.

Es gab einen symbolischen Moment im politischen Leben der beiden, den doppelten Savoy-Moment. In der holzvertäfelten Times Bar des Berliner Hotels Savoy trafen sich Lindner und Kubicki im September 2013, kurz nachdem die FDP aus dem Bundestag geflogen war. Die beiden versprachen einander, gemeinsam für eine Erneuerung ihrer Partei zu kämpfen. Keiner werde den anderen angreifen, kein böses Wort. Sie reichten einander die Hand und besiegelten damit den Treueschwur.

"Die wollen dir nicht ans Leder"

Vier Jahre später, im September 2017, als die FDP in den Bundestag zurückgekehrt war, trafen sie sich erneut im Hotel Savoy. Dem Tiefpunkt folgte der Höhepunkt. Die beiden gossen sich Rotwein ein, erzählten sich Witze, lachten viel.

Kubicki sagt, dass Lindner ihn während der kleinen Siegesfeier im Hotel Savoy mit einem Mal umarmt und nach seiner, Kubickis, Hand gegriffen habe. Gewöhnlich lasse Lindner keinen Körperkontakt zu, deswegen habe ihn diese Herzlichkeit überrascht. Es mag daran gelegen haben, dass Lindner ein Gefühl der Verbundenheit ausstrahlen wollte, weil die Umarmung von einem ARD-Team gefilmt wurde.

Für Kubicki, der in Kategorien des Frontkampfes denkt und sich beim Gucken von Kriegsfilmen entspannt, war es ein berauschender Moment. Für Lindner, der in Kategorien der taktischen Etappensiege denkt und sich fast nie entspannt, war es ein vorübergehender Moment, den ich – wie er mir später erklären wird – auf gar keinen Fall überbewerten dürfe.

Erst im Rückblick, mehrere Monate später, begreift Lindner, dass ihm der Savoy-Moment als eine kitschige Episode ausgelegt werden könnte. Zwei Männer, die sich unschlagbar stark fühlen, der heute 39-jährige Lindner und sein 66-jähriger Vize Kubicki, beschließen, in den Trümmern einer verlorenen Schlacht eine neue Festung zu errichten. Eine Idee wie aus Kubickis Kriegsfilmsammlung, deswegen gefällt ihm diese Szene auch so gut. Eine solche Selbstvergessenheit soll man Lindner nicht nachsagen können. Auch er steckt sich im Hotel Savoy eine Cohiba-Zigarre an, aber in seinem jungenhaften Gesicht sieht das so übertrieben burschikos aus, als versuche er, sich eine fremde Identität zu leihen: die eines Investmentbankers, der sich selbst für einen Mega-Deal feiert.

Inzwischen ist der Deal geplatzt, Lindners FDP ist Teil der Opposition, und ich frage mich: Was wird aus ihm? Wer ist das überhaupt, Christian Lindner?

Über ihn sind viele Artikel erschienen. Darin lese ich, dass er als Einzelkind in der kleinen Stadt Wermelskirchen in Nordrhein-Westfalen aufwuchs, dass sich seine Eltern früh trennten, dass er damals dick war und gelegentlich eine Kuhkrawatte trug, als Jungunternehmer scheiterte, schon als Zivildienstleistender einen Porsche fuhr, als Nachwuchspolitiker von Jürgen Möllemann mit dem Spitznamen "Bambi" verhöhnt wurde, dass er sich heute – nach der Trennung von seiner Frau, einer ehemaligen ZEIT- und heutigen Welt-Redakteurin – mit einer neuen Freundin zeigt, einer jungen Fernsehjournalistin. Durch alle Artikel über Lindner zieht sich eine Frage, die offenbar schwer zu beantworten ist. Sie lautet: Was macht ihn aus?

Im Restaurant an der Ostsee erzählt Kubicki, dass sie bald gemeinsam bei einer Karnevalssitzung in Aachen auftreten wollten. "Christian als Ritter." Als Lindner ihn gefragt habe, ob er, Kubicki, im Karneval seinen Knappen spielen wolle, habe er geantwortet: "Ja, wir machen es so wie sonst auch: Ich erledige die Arbeit, und du glänzt." Kubicki schwärmt von gemeinsamen Urlauben auf Mallorca und Sylt, Jahr für Jahr, von langen Spaziergängen, oft zusammen mit den Frauen. Manchmal beruhige er Lindner, wenn der sich von Gegnern umzingelt fühle: "Die wollen dir nicht ans Leder."

Je länger er redet, desto stärker gewinne ich den Eindruck, als gebe es keinen Politiker, der Lindner nähersteht als er. Aber als ich Kubicki frage, ob sie Freunde seien, zögert er. Hier, bei ihm an der Ostsee, habe Lindner ihn noch nie besucht. Lindner habe auch keinen von Kubickis Freunden jemals kennengelernt. Was verbindet die beiden dann? Kubicki sagt: "Er weiß, dass ich ihm nichts tue. Und ich weiß, dass er mir nichts tun kann." Das klingt nicht unbedingt nach einer Freundschaft, sondern nach einem Nichtangriffspakt.

Im Januar dieses Jahres fahre ich nach Bremen, wo Lindner auf einem Neujahrsempfang der Partei erwartet wird. Der Gast verspätet sich, die Veranstaltung fängt ohne ihn an. Die Chefin der Bremer FDP-Fraktion spricht, Lencke Steiner, eine 33-jährige, temperamentvolle Frau. Sie war lange Zeit eine parteilose Unternehmerin, inzwischen ist sie das Gesicht der Bremer FDP. Es geht in der FDP erstaunlich oft um Gesichter, um junge, makellose Gesichter.

Lencke Steiner erzählt am Rednerpult, dass sie sich abends kaum noch auf die Straße traue, weil sie sich nicht mehr sicher fühle. Schon ein kurzer Fußweg mache ihr Angst. Als sie über die Situation auf dem Bahnhofsvorplatz spricht, bekommt sie viel Applaus. Sie ruft in den Saal: "Es stinkt nach Pisse!" Wenn ich nicht wüsste, dass dies eine Veranstaltung der FDP ist, könnte ich auf die Idee kommen, ich sei bei einer Initiative für ein sauberes Bremen gelandet.

Inzwischen ist auch der Mann eingetroffen, für den Lencke Steiner sofort ihre Rede unterbricht, sie begrüßt ihn als "Star". In einer Fotostrecke der Gala machte Lencke Steiner vor drei Jahren gemeinsam mit zwei Parteifreundinnen für ihn Werbung, sie waren die "drei Engel für Lindner". Im Bremer Wahlkampf war er oft zur Stelle, auf Lindner konnte sie sich verlassen.

Er ist Fachmann für Dinge, die er nicht persönlich gesehen hat

In seiner Rede schlägt Lindner einen weiten Bogen von Erdoğan bis zur Einwanderungspolitik in Kanada, die er vorbildlich findet. Von Migranten werde dort erwartet: Du musst dich integrieren. Mit Kanada kennt er sich offenbar aus.

Nach der Rede stürzt er aus dem Raum, ich wechsele mit ihm ein paar Worte, für mehr hat er keine Zeit. Eine junge Frau lauert ihm auf, drückt ihm einen Brief in die Hand und schaut ihn dabei so verzückt an, als wolle sie ihm ihre Liebe beichten. Beiläufig dreht sich Lindner zu mir und sagt: "Sie brauchen ja auch eine Szene."

Dann rennt er die Treppe hinunter, fliegt ansatzlos nach draußen in die Fußgängerzone, schon ist er weg. Ein Popstar, der sich seinen Verehrern entwinden muss, damit er etwas von seinem Leben retten kann. Sein Terminkalender ist extrem voll, der Zeitdruck ist nicht gespielt. Er führt dazu, dass Lindner unentwegt seinen Standort wechselt. Nichts ist ewig, alles verhandelbar.

Als Lindner verschwunden ist, frage ich Lencke Steiner nach ihren Erfahrungen nachts auf der Straße. Sie sagt, sie fühle sich unwohl. Sie habe etwas übers Antanzen gelesen, dem Frauen ausgeliefert seien. Wurde sie mal belästigt? Nein, nie. Kennt sie eine Frau, die belästigt wurde? Ja, eine, aber nicht in Bremen. Bei einem Kneipenabend in Bremen habe sie das Gefühl gehabt, von finsteren Gestalten gemustert zu werden. Das ist ihre ganze Bedrohung.

Ich frage mich, ob aus der FDP eine Partei der opportunen Annahmen geworden ist, eine Denkspielefabrik, die sich von der Wirklichkeit entfernt hat. Vielleicht ist es auch umgekehrt, und die Wirklichkeit ist vor der FDP geflohen.

Anfang März warte ich auf Christian Lindner in seinem Büro. Deutscher Bundestag, Jakob-Kaiser-Haus, Zimmer 4556. Viele Schränke sind noch leer. Auf einem Regalbrett stehen vielleicht zwanzig Bücher, Rücken an Rücken, in Plastikfolie verschweißt. Zwanzigmal "Christian Lindner, Schattenjahre". Seine Autobiografie, die Chronik einer politischen Wiedergeburt.

Plötzlich steht Lindner im Raum. Hat er einen Platz, an dem er immer sitzt? Nein, so etwas habe er nicht. Dann lässt er sich aufs schwarze Ledersofa fallen. Es sieht so aus, als sei er Gast in seiner eigenen Talkshow, aber Lindner erklärt mir, dass er oft versuche, bei Anfragen von Fernsehsendern Parteikollegen in die Talkshows zu bringen. Der Eindruck, er habe aus der FDP eine One-Man-Show machen wollen, sei falsch. Überhaupt sei er gar nicht daran interessiert, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Deswegen wisse er auch nicht, was er von einem Lindner-Porträt in der ZEIT halten solle, wolle sich aber nicht verweigern. Aufgescheucht wirkt er, dann wieder hoch konzentriert. Manchmal schaut er mich fordernd an, dann wieder dreht er sich achtlos weg. Meist redet er eine Spur zu laut, so als habe er ständig eine Besuchergruppe zu unterhalten.

Ich spreche ihn auf die Jagdprüfung an, die ihn seit Langem beschäftigt. Er sagt: "Das Klischee des konservativen Jägers trifft nicht mehr zu. Da kommen neue Menschen, Liberale, Linke und Grüne, dazu. Auch mehr Frauen, die beispielsweise wissen wollen, wo ihr Fleisch herkommt, und es deswegen selbst schießen." Viel mehr möchte Lindner dazu nicht sagen. Irgendwie ist ihm das Thema nicht geheuer. Es könnte gegen ihn verwendet werden.

Lieber redet er, wie bei der Veranstaltung in Bremen, über Kanada. Das sei "ein Land des Verfassungspatriotismus, eine vielfältige Willensnation wie etwa auch die Schweiz. Da heißt es: Wir wollen, dass du Kanadier bist." Ich frage ihn, wie oft er schon in Kanada war. Noch nie. Nicht in Ottawa, nicht in Vancouver, nirgendwo. Erstaunlich. Er ist Fachmann für Dinge, die er nicht persönlich gesehen hat.

Als ich ihm erzähle, dass mich an Cem Özdemirs leidenschaftlichen Reden eines stört, die Geschmeidigkeit bei höchster Empörung, die "Erregungsglätte", wiederholt Lindner das Wort. Erregungsglätte. Für Begriffe hat er etwas übrig. Er mag es, Politik zu kondensieren und unter eine Überschrift zu stellen. Schon als Student war er an politischen Theorien und Philosophie stark interessiert, Dahrendorf, Nietzsche, Sloterdijk. Er ist ein kluger, neugieriger Mensch.

"Er hat Bock auf Erfolg"

Als er noch Fraktionsvorsitzender im nordrhein-westfälischen Landtag war, bis zum Jahr 2017, wusste man oft nicht, wer die Opposition anführte, die CDU oder Lindners FDP. Einige seiner Reden waren so treffsicher, dass den damals regierenden Sozialdemokraten die Luft wegblieb. Still ertrugen sie Lindners rhetorische Dominanz. Er ist, ganz ohne Frage, eines der herausragenden Talente der deutschen Politik, wahrscheinlich das größte in diesem Jahrzehnt.

Aber dann hat Lindner die Jamaika-Verhandlungen abgebrochen und damit die Chance vertan, die Epoche des Redens in eine Epoche des Handelns zu überführen. Aus seinem größtmöglichen Erfolg hat er die kleinstmögliche Macht hervorgehen lassen. Damit ist er in einen unauflösbaren Widerspruch zu sich selbst geraten. Kaum ein Wort kommt in seinem Buch öfter vor als "Aufmerksamkeit". Deutschland hält er für eine "Aufmerksamkeitsdemokratie". Aber inzwischen will niemand mehr von ihm wissen, wie seine Pläne für ein Digitalministerium aussehen oder was seinen Entwurf eines Einwanderungsgesetzes von den Konzepten anderer Parteien unterscheidet. Bricht in der Regierung Streit aus, darf Lindner vor Fernsehkameras den Streit kommentieren, aber es bleibt der Streit der anderen. So ist Lindner, der wie kaum ein anderer den Willen zum Aufbruch verkörperte, in die schwierigste Phase seines politischen Lebens geraten. Er hat einen Raum betreten, in dem es ein ungeduldiger Mensch besonders schlecht aushält, ein Wartezimmer.

Für Kubicki ist Warten etwas Reizvolles, weil er es sich als Episode zwischen zwei aufwühlenden Konflikten vorstellt, als eine Art Zwischenkriegszeit. Lauern, Spähen, das ist Warten. Für Lindner, das spürt man, ist es etwas schwer Erträgliches, weil darin die Möglichkeit liegt, entbehrlich zu werden. Unsichtbarkeit, Bedeutungsverlust, das ist Warten.

In Bremen habe ich mich mit Lencke Steiner verabredet. Zum Auftakt ihres Wahlkampfes, erzählt sie, lud sie Gäste in eine VIP-Loge des Bremer Fußballstadions ein. Später trat sie in einer Großraumdisco auf. Sie sieht sich als Verkäuferin. Sie sucht nach einem "Erlebnisraum" für Politik. Sie wählt zuerst die Orte aus, an denen sie Politik verkaufen will, danach die Politik.

In der Nacht bevor ihre Kandidatur verkündet werden sollte, konnte sie nicht einschlafen. Um drei Uhr früh habe sie Lindner eine SMS geschickt. "Christian, ich schaffe es nicht." Eine Minute später habe Lindner geantwortet. "Wer bist Du? Ein Abenteurer oder ein Beamter?" Danach habe sie zugesagt.

Fürchtet sich auch Lindner vor etwas? "Nein, null", sagt Steiner.

Hat er sich vor einer Jamaika-Koalition gefürchtet? "Nein, das war ein Ausdruck von Stärke."

Was treibt ihn an? "Er hat Bock auf Erfolg."

Das ist ein Wort, das sie oft benutzt, Erfolg, ein FDP-Wort.

Aber was fängt Lindner mit seinem Erfolg an? Er könnte erklären, was den Liberalismus heute ausmacht. In einer Zeit, in der die westlichen Gesellschaften vor der Zerreißprobe stehen, weil die soziale Spaltung zunimmt, müsste es um weit mehr gehen als um die Verbesserung von Mobilfunknetzen. Lindner könnte versuchen, noch andere Antworten auf große soziale Fragen zu finden als digitale Bildung. Aber das tut er nicht.

Im April treffe ich ihn wieder in seinem Büro. Fast nichts in seinem Raum hat sich verändert, ein Autokennzeichen ist hinzugekommen. D-CL 2017.

Ich spreche ihn wieder auf die Jagdprüfung an, und Lindner sagt: "Der Jagdschein ist ein neues Interesse, ändert aber nicht mein Leben." Bei seiner Vorbereitung in einer Jagdschule möchte er nicht von mir beobachtet werden. "Journalisten lieben szenische Beschreibungen, aber nicht jede muss ich als Objekt der Beobachtung bieten." Er arbeite hart an den Themen der Prüfung. Ihn interessiere der Stoff, den er lerne, viel mehr als das Schießen. Ich möchte erfahren, wie er sich vorbereitet, wo, aber er weist bloß auf ein Buch hin. Ernst Jünger, Der Waldgang.

Er werde sich vorerst keine Waffe zulegen und kein Jagdrevier pachten, vielleicht als Gast zum Jagen mitgehen. Er hat auch den Sportbootführerschein See gemacht, aber er fährt nur selten in einem Motorboot herum.

"Er mag einfach keine Menschen"

Seltsam. Kann es sein, dass Lindner ein reiner Theoretiker ist? Ein Sprachgewaltiger, der die Praxis scheut? Entwickelte sich seine Rhetorik deshalb so fulminant, weil sie ihn davor schützen soll, sich zu beweisen? Beliebte Werkzeuge seiner Politik sind Twitter und Facebook. Hier ein paar flotte Tweets, dort ein paar schlagfertige Postings – Konfetti-Politik.

Im April beginnt in Berlin der Bundesparteitag der FDP, und Lindners Weggefährte Kubicki will dort über den Antrag abstimmen lassen, die Sanktionen der EU gegenüber Russland zu beenden. Lindner ist dagegen, wie die Mehrheit im Parteivorstand, und so wird Kubickis Vorstoß in manchen Zeitungen als Attacke gegen den Parteichef gedeutet. Kubicki bestreitet das, Lindner ebenso, aber die Russland-Frage schiebt sich irgendwie zwischen sie. Auch Lindner fordert eine andere Russland-Politik, jedoch nicht die von Kubicki. "Ich bin in der paradoxen Lage, dass ich im Interesse des Gesamterfolgs die Linie der Partei darstellen, gleichzeitig aber Wolfgang Kubicki in Schutz nehmen muss, während Medien über einen Machtkampf spekulieren", sagt Lindner in seinem Büro.

Kann es sein, dass das eine Alphatier, Kubicki, auf das andere Alphatier, Lindner, keine Rücksicht mehr nimmt? Gilt der Pakt zwischen den beiden nicht mehr?

Auf dem Parteitag in Berlin erscheint Kubicki zwanzig Minuten zu früh und Lindner dreißig Minuten zu spät. Nachdem Lindner aufs Podium gehüpft ist, legt er Kubicki den Arm auf die Schulter. Bloß keine Bilder der Disharmonie.

Später hebt Lindner zu einer großen Rede an, die mit Europa beginnt, sich aber kurzzeitig in eine Bäckerei verirrt. In den sozialen Netzwerken wird Lindner beschimpft, nachdem er gesagt hat: "Man kann beim Bäcker in der Schlange nicht unterscheiden, wenn einer mit gebrochenem Deutsch ein Brötchen bestellt, ob das der hoch qualifizierte Entwickler künstlicher Intelligenz aus Indien ist oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer." Daraufhin tritt ein Parteimitglied, ebenso medienwirksam, per Twitter aus der FDP aus.

Ich besuche den Mann in Düsseldorf. Er heißt Chris Pyak, ein Personalberater, der in einer liberalen europäischen Vereinigung aktiv ist. Mit seiner Frau, deren Vorfahren aus Korea stammen, hat er einen zweijährigen Sohn. Pyak berät ausländische Fachkräfte, die in Deutschland einen Job suchen. Er sagt: "Niemand ist ohne Hilfe dorthin gekommen, wo er heute steht."

Im Fernsehen sah sich Pyak einmal an, wie Christian Lindner ein Altenheim besuchte. Steif eröffnete Lindner das Gespräch, unfähig, den Sorgen der Pfleger mit Empathie zu begegnen. Lindner war in eine ihm fremde Welt geraten, und Pyak stutzte. Wo ist er geblieben, der mitfühlende Liberalismus? Von Christian Lindner stammt dieses Wort, beim Dreikönigstreffen der Partei im Jahr 2010 erhob er es zu einer Leitlinie. Ist sie unbrauchbar geworden?

"Ausländer", sagt Pyak, "gibt es für Christian nur noch in drei Rollen: als Belastung, als Bedrohung und als nützliche Ressource." In der Düsseldorfer FDP habe er erlebt, wie sich das Vorbild Lindner auf den Nachwuchs auswirke. Junge Männer, gut ausgebildet und noch besser gekleidet, seien zu Parteitreffen erschienen, erfüllt von einer diffusen Angst vor Menschen, die anders aussehen als sie.

"Christian steckt in einer Falle", sagt Pyak. "Er muss in seinen Äußerungen immer extremer werden, um sein Publikum bei der Stange zu halten. Er bedient das Schlachtfeld der Rechten. Er ist kein Rassist, aber er mag einfach keine Menschen. Das finde ich für einen Politiker bemerkenswert." Ein derart hartes Urteil über einen ehemaligen Parteikollegen ist ebenso bemerkenswert.

Im Mai fliege ich mit Wolfgang Kubicki und einer kleinen politischen Delegation nach Moskau. Während der Autofahrt durch die Stadt erzählt mir Kubicki, dass ihn der Regierungschef des Staates Kirgisistan zur Weltmeisterschaft der Nomadenspiele eingeladen habe. Reiter, die auf Pferden galoppieren, würden versuchen, sich gegenseitig eine Ziege zu entreißen. Alles sei erlaubt, Schläge, Tritte, Peitschenhiebe, nur um am Ende das Tier vor dem Preisrichter abzulegen. Das erinnere ihn, sagt Kubicki, an den Actionfilm Rambo III, in dem der Vietnam-Veteran John Rambo an einem solchen Spektakel teilnahm. Wird Kubicki zum Ziegenkampf nach Kirgisistan fahren? "Unmöglich, denken Sie an die deutschen Tierschützer!" Er ist jetzt Vizepräsident des Bundestages, er muss die Etikette wahren.

Im Augenblick könne er sich ohnehin nur mühsam bewegen. Zu Hause ist er nachts die Treppe hinuntergestürzt, acht Stufen, benommen lag er da und blutete am Kopf. Jetzt nimmt er ein starkes Mittel gegen die Schmerzen, Ibuprofen 800. Kubicki scherzt gern, er sei das Opfer häuslicher Gewalt geworden, dabei ist er nur auf dem Weg zur Küche gestolpert. Zwei Minuten mit Kubicki genügen, und man hat mehr Anekdoten im Notizblock als nach zwei Stunden mit Lindner.

Im Niemandsland ist die FDP zu Hause

In Moskau will Kubicki "Symbole des Vertrauens" schaffen. Ihm gefällt die festgefahrene Situation im Umgang mit Russland nicht. "Wir stehen ganz oben auf der Leiter", sagt Kubicki, "wir müssen sehen, wie wir wieder runterkommen."

Er wird mit Menschenrechtsaktivisten sprechen, mit einem Stellvertreter des russischen Außenministers, Abgeordneten der Duma. Zu einigen von ihnen sagt er: "Ich habe eine herbe Niederlage erlitten." Auf dem FDP-Parteitag wurde seine Forderung nach einem Ende der Russland-Sanktionen abgeschmettert.

Das wäre keiner Erwähnung wert, wenn sich dahinter nicht eine akrobatische Leistung verbergen würde, eine Übersprunghandlung. Wolfgang Kubicki, der sich bis zur Annexion der Krim nicht groß in Fragen der Außenpolitik vertiefte, und Christian Lindner, der sich in erster Linie für Deutschland interessiert, versuchen sich an einer Antwort auf die Russland-Frage. Kubicki ist zum ersten Mal in Moskau, Lindner hat es sich zwar vorgenommen, war aber noch nie dort. Zwei Vertreter der Opposition, die auf die Außenpolitik der Bundesregierung ohnehin kaum Einfluss nehmen kann, arbeiten sich an einem Thema ab, das sie nirgendwo hinführt. Warum?

Vielleicht ist das alles nur zu verstehen, wenn man es als Wortmeldung aus einem Niemandsland deutet. Dort ist die FDP zu Hause, seitdem sie auf Jamaika verzichtete. Das Niemandsland ist die Heimat des Als-ob-Liberalismus, der so tut, als habe er eine Richtung, sich aber in Wahrheit im Kreis dreht. Wichtige Inhalte sind abhandengekommen, und dieses Vakuum soll gefüllt werden, indem sich die Partei mit aller Gewalt Inhalte zu beschaffen versucht, und sei es die Russland-Frage. Die Als-ob-Politik führt zu einer Selbsttäuschung, dem Gefühl der inhaltlichen Sättigung. Davon kann eine ganze Partei ergriffen werden. Das trügerische Gefühl kann sich sogar in einer Als-ob-Dramatik entladen: als etwa ein einflussreicher Parteikollege die 29-jährige FDP-Bundestagsabgeordnete Gyde Jensen davor warnte, an Kubickis Moskau-Reise teilzunehmen, weil sie damit ihre politische Karriere gefährde. Sie fuhr dennoch mit.

Die Aufregung wird benötigt, weil dadurch Lebendigkeit suggeriert wird, wo sonst Orientierungslosigkeit sichtbar würde. Regelmäßig mischt auch Kubicki mit, etwa wenn er die Ausschreitungen in Chemnitz auf Merkels Flüchtlingspolitik zurückführt. Dabei wäre es absurd, zu behaupten, Kubicki sei ein AfD-naher Verehrer Putins oder Lindner ein Ausländerfeind. Sie folgen einer wild gewordenen Kompassnadel durch ihr Niemandsland und feuern hin und wieder Leuchtraketen ab, solange der Vorrat reicht.

Ginge es ihnen um naheliegende Probleme, dann könnten sie sich fragen: Warum schafft es keine der politisch erfahrenen Frauen an die Spitze der Partei? Warum bleibt die FDP im Wesentlichen eine Männersache? Warum ist das FDP-Wort "Erfolg" maskulin gemeint? Lindner weiß darauf keine Antwort und hat eine Kommission eingesetzt.

Er könnte sich viele Fragen stellen. Überall in Europa und den USA wird ständig darüber diskutiert, ob das Zeitalter des Liberalismus zu Ende geht. Aber Lindner ergreift nicht die Chance, sich in die große Debatte einzubringen, sondern wendet sich dem Klein-Klein zu. In einer Gesellschaft wie der deutschen, die so viel Individualismus erreicht hat, dass ihn die FDP nicht mehr glaubhaft fordern kann, wirken Steuersenkungen wie ein Rezept von gestern. Um Gemeinsinn müsste es gehen, die Überwindung von Egoismen, Konzepte gegen verbale und körperliche Gewalt. In einem Staat, der wirtschaftlich glänzend dasteht, aber mit Angriffen auf die Demokratie zu kämpfen hat, sind weniger Bürokratie und mehr Gewerbegebiete in der öffentlichen Wahrnehmung keine vordringlichen Aufgaben mehr. Was also jetzt?

An einem der Abende in Moskau sitzt Wolfgang Kubicki in einer Hotelbar. Erfolg sei ihm wichtiger als Loyalität, sagt er. Sollte er das Gefühl haben, dass Lindner den politischen Erfolg gefährdet, wird er sich von ihm lossagen. "Christian weiß das", sagt Kubicki, "und er weiß auch, dass ich es ihm rechtzeitig ankündigen würde."

In den Umfragen steht die FDP bundesweit bei acht bis neun Prozent, schlechter als bei der Bundestagswahl, aber immer noch ansehnlich.

"Messias mit beschränkter Haftung"

Als ich Lindner wieder in Berlin besuche, geht gerade eine schwere Regierungskrise zu Ende. Es ist Anfang Juli, der von Horst Seehofer angezettelte Asylstreit ist beigelegt. Zur Überraschung vieler seiner Parteifreunde hat Lindner erklärt, in diesem Konflikt stehe ihm Seehofer näher als die CDU. Zuvor hatte Lindner verkündet, die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin in einem Untersuchungsausschuss des Bundestages überprüfen lassen zu wollen. Wenige Wochen später wird er einen langjährigen Parteifreund, den nordrhein-westfälischen Integrationsminister, in Schutz nehmen, der sich in der Affäre um die Abschiebung des mutmaßlichen Bin-Laden-Leibwächters Sami A. über die Entscheidung eines Gerichtes hinwegsetzte.

Herr Lindner, sind Flüchtlinge für Sie das wichtigste Thema?

"Sie sind das dringlichste, aber nicht das wichtigste Thema. Bildung ist wichtig, Wettbewerbsfähigkeit, Digitalisierung. Die Enkel-Fähigkeit unserer Gesellschaft. Diese Themen will aber gerade keiner hören."

Wollen Sie ein anderes Land?

"Nein, im Gegenteil. Das will vielleicht die CSU. Wir wollen die Liberalität und Weltoffenheit erhalten und ausbauen."

Faszinierend, es gibt Christian Lindner nur in dieser einen Rolle. Er kann über Fichtenwälder sprechen oder über den französischen Staatspräsidenten, immer drückt er sich brillant aus, ein Alleswisser, manchmal angriffslustig, meist charmant. Nicht einmal 40 Jahre ist er alt, aber er strahlt das Gefühl aus, schon immer da gewesen zu sein und ständig mitgeredet zu haben, eine mysteriöse Mischung, ein Guido Genscher vielleicht, ein geschichtsloser Mensch, versehen mit der Gabe, die Welt zu erklären, ohne sich selbst zu erklären.

Der Vulgär-Chauvinismus und die Verrohung, die von Teilen der AfD ausgehen, stoßen Lindner so sehr ab, dass er sich körperlich unwohl fühlt, wenn er mit manchen AfD-Leuten gemeinsam im Fahrstuhl steht. Er sagt: "Ich spüre sofort eine gewisse Beklommenheit." Da fällt es ihm sogar leichter, den moralischen Absolutismus einiger Grünen-Politiker zu ertragen, die sich als Erzieher für ein besseres Leben aufspielen. Doch zugleich probiert Lindner aus, wie er Gegner der Merkel-Politik auf seine Art einfangen kann. Wann immer er eine Gelegenheit sieht, sich gegen Merkel in Stellung zu bringen, tut er es.

Lindner vermeidet es, eine politische Linie zu zeichnen, die als Rechtskurve erkennbar wäre. Auf seinem Weg lässt er aber hin und wieder lose Zettel aus der Tasche fallen, auf denen mal "illegal" steht und mal "Ausländer". Wem diese Wegmarken auffallen, der erkennt auch den Weg. Lindner testet, wie weit er gehen kann, ohne auf Widerstand in seiner Bundestagsfraktion zu stoßen, die ihm treu ergeben ist.

Als ich Lindner zur bestandenen Jagdprüfung gratuliere, antwortet er ausgelassen: "Waidmannsdank!" Er ist wie ausgewechselt, kein Herumdrucksen mehr. Von Keilern und Hasen erzählt er freimütig, von Schießprüfungen, seinen guten Ergebnissen in der Jagdschule in Mecklenburg. Erst jetzt begreife ich, warum er nun so auskunftsfreudig ist. Er hat bestanden, er hat gewonnen. In seinem Büro sind Hunderte E-Mails von Gratulanten eingetroffen, er wird von Jägern hofiert. Er muss eine große Angst vor Situationen haben, die ihn scheitern lassen könnten. Vielleicht war auch Jamaika nichts anderes als eine Prüfung, eine jedoch, die ihn überforderte.

Schon im Jahr 2012 fiel dem nordrhein-westfälischen Grünen-Politiker Reiner Priggen auf, dass Lindner zurückzuckte, sobald sich die Frage der Verantwortung stellte. Priggen nannte ihn einen "Messias mit beschränkter Haftung". Später, im Mai 2017, holte Lindner bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen als Spitzenkandidat zwar viele Wählerstimmen, aber er zögerte, als es ernst wurde. "Am Anfang wollte Lindner die schwarz-gelbe Koalition in Nordrhein-Westfalen gar nicht. Ich hatte den Eindruck, er wollte sich selbst für die Bundestagswahl aufbewahren", sagt der Christdemokrat Herbert Reul, heute Innenminister in Nordrhein-Westfalen.

Ich treffe mich mit dem nordrhein-westfälischen Integrationsminister Joachim Stamp, einem Parteifreund Lindners. Warum der so misstrauisch ist? "Christian ist es ein großes Anliegen, dass nicht wieder die politischen Heckenschützen aktiv sind, wie damals unter Parteichef Rösler. Damals wurden ständig Sachen an die Presse durchgestochen."

Womit hat Lindner ihn jemals überrascht? "Dass er einen Jagdschein gemacht hat, da er sonst eher ein bekennender Motorsportfreund ist."

In Düsseldorf verabrede ich mich mit Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die von Lindner ins Präsidium der FDP geholt wurde, einer aufmerksamen Beobachterin des politischen Betriebs, 60 Jahre alt. "Er lernt aus Niederlagen", sagt sie. Als Lindner das Amt des FDP-Generalsekretärs im Jahr 2011 hinwarf, glaubten viele, dies sei sein politisches Ende. Strack-Zimmermann glaubte das nicht. "Von ihm werden wir noch hören", sagte sie.

"Es gibt bei ihm keinen Kontrollverlust"

Sie traute ihm Durchhaltewillen zu, nachdem sie erlebt hatte, wie sehr Lindner von Jürgen Möllemann geprägt worden war. Der Zyniker Möllemann probierte oft aus, wie robust Menschen waren. Strack-Zimmermann nennt es "den Hitzetest". Knickt jemand bei Widerstand ein? Lindner hielt die Feuerprobe aus, und "auch er selbst wendet den Test heute an". Als Strack-Zimmermann vor vier Jahren öffentlich die Idee äußerte, die krisengeschüttelte FDP solle sich umbenennen, hatte sie sofort Lindner am Telefon. Sie müsse alles zurücknehmen, habe er verlangt. Aber sie blieb bei ihrer Meinung.

In Lüneburg erzählt der 37-jährige Christoph Giesa, ein Freund Lindners, wie sie früher durch die Kneipen zogen. Nachts, wenn Giesa erschöpft ins Bett fiel, habe sich Lindner noch auf seine Rudermaschine gesetzt oder E-Mails geschrieben. Hat er Lindner jemals hilfsbedürftig erlebt? "Nein, nie. Es gibt bei ihm keinen Kontrollverlust."

In Gelsenkirchen meint der 41-jährige Marco Buschmann, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion: "Christian möchte Selbstwirksamkeit demonstrieren, also dass ein Mensch etwas gegen alle Wahrscheinlichkeit bewirken kann." Buschmann ist einer von Lindners besten Freunden. Er sagt: "Christian ist eine Informationsverarbeitungsmaschine." Buschmann versteht davon viel, er ist der menschgewordene Algorithmus der Partei. Bevor sich die FDP in den Bundestagswahlkampf stürzte, hatte Buschmann die Bekanntheitswerte der FDP-Spitzenpolitiker ermittelt – Lindner knapp vor Kubicki, die anderen abgeschlagen dahinter. Auf Lindner zu setzen sei "eine technische Entscheidung" gewesen.

In Düsseldorf berichtet der nordrhein-westfälische Innenminister Reul, er habe früher am Städtischen Gymnasium Wermelskirchen unterrichtet, das Christian Lindner als Schüler besuchte. Reul kennt ihn länger als die meisten anderen. Hat Lindner Grundsätze? Reul überlegt, dann sagt er: "Christian Lindner ist in erster Linie ein begnadeter Verkäufer."

In der Nähe seiner Wohnung in Düsseldorf treffe ich Lindner zu einem abschließenden Gespräch. Es ist Ende August, Lindner ist gerade aus einem Urlaub auf Ibiza zurückgekehrt, viel Sonne, wenig Politik. Vor wenigen Wochen, erzählt er, war er das erste Mal tatsächlich jagen. "Ich probiere, was ich gelernt habe", sagt er mit so viel Verve, als habe er ein Dementi zu verkünden. Was hat er erbeutet? Lindner zögert. Soll er das wirklich sagen? Er denkt nach. Okay, er kann es sagen: einen Rehbock.

Jede Information, die er über sich preisgibt, wägt er ab. Nützlich, nicht nützlich. Später, bei der Autorisierung seiner wörtlichen Zitate, streicht er in zwei Äußerungen den Begriff "fürchten". Er hat sich nie ein Leben außerhalb der Politik vorstellen können, deswegen muss sich alles politisch fügen. Lindner erträgt es schlecht, wenn das Bild, das andere von ihm zeichnen, von seinem Selbstbild abweicht. Sofort glaubt er dann, seine Wahrheit durchsetzen zu müssen. Er braucht nicht lange, um in jahrealten SMS-Dialogen die Nachricht zu finden, die seine Version der Dinge stützt. Das Smartphone dient ihm als ausgelagertes Gedächtnis. Ist das seine Auffassung von Selbstbehauptung, der Versionenvergleich?

Ich schaue beim frühen Hegel nach, in dessen Jugendschriften, aber ich entdecke nichts, was mich zu Lindner führt. Ich greife zu einem anderen Autor, Robert Musil. Sein Roman Der Mann ohne Eigenschaften handelt von einem Menschen, der sich dagegen sträubt, sich festzulegen. Über ihn heißt es: "Es war ihm zuweilen geradeso zumute, als wäre er mit einer Begabung geboren, für die es gegenwärtig kein Ziel gab." Dieser Mann dachte und redete viel, er war "ein lebender Gedanke", musste sich aber den Vorwurf gefallen lassen, dass man "mit dem Verstand allein weder moralisch sein, noch Politik machen" kann.

Christian Lindner sagt, er habe Musils Buch nicht gelesen.

PS: Kürzlich habe ich den Bundestagsabgeordneten Gero Hocker wieder getroffen, der mich zu dem Spargelessen einlud, bei dem ich Christian Lindner kennenlernte. Auch Hocker hat gerade eine Prüfung bestanden und besitzt jetzt einen Angelschein. Er will aber nicht fischen gehen.