Wenn Paulus’ Blick ihn trifft, wird alles gut sein. Da ist sich Simon ganz sicher. Denn Paulus wird Simon sofort wiedererkennen, den Jungen, den er vor Monaten im Zug getroffen hat. Und dann wird der sich genauso heftig in ihn verlieben, wie Simon sich damals in Paulus verliebt hat. Ein halbes Jahr liegt die kurze Begegnung der beiden zurück, inzwischen ist Winter, und Simon kann Paulus nicht vergessen.

Deshalb hat er sich noch einmal in den Zug gesetzt und ist in die Stadt gefahren, in der Paulus studiert. Mutig, aber auch kopflos, denn der Name der Stadt ist so ziemlich sein einziger Anhaltspunkt. Allein stapft der 16-Jährige durch den schmutzigen Schnee und malt sich den Moment aus, in dem Paulus um die Ecke biegt und sein blasses Leben endlich Farbe kriegt.

In ihren Büchern sei immer ein Gefühl der Ausgangspunkt, sagt die österreichische Schriftstellerin Elisabeth Steinkellner. Am Anfang ihres neuen Romans mit dem etwas pathetischen Titel Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen ist es die Sehnsucht. Sehnsucht nach Liebe oder auch nur nach Verliebtsein, nach Weite statt Kleinstadt-Enge, nach Tiefe, Auflösung und nach Sex. Jetzt könnte es leicht peinlich werden, denn was wäre unangenehmer als detaillierte Beschreibungen der Sexfantasien unerfahrener Jugendlicher? Aber wie Simon unter der Dusche des schäbigen Hotelzimmers, in dem er absteigt, an Paulus denken muss und wohin das führt, schildert Elisabeth Steinkellner bemerkenswert lässig.

Weite, Tiefe, Auflösung: Die Sehnsucht nach sexueller Entgrenzung mischt sich bei Simon mit der Sehnsucht nach dem Meer. Das hat er noch nie gesehen – im Gegensatz zu Paulus, dem Hobbytaucher und Fotografen, der die unendlichen Weiten am liebsten mit seinem Fischaugenobjektiv erkundet. Elisabeth Steinkellner zieht die Meer-Metaphorik durch den gesamten Roman, meist geschickt, nur manchmal etwas penetrant, bis hin zu den in kleinen Wellen gesetzten Kapitelüberschriften.

So hat auch die zweite Hauptfigur, die ebenfalls 16-jährige Antonia, eine intensive Beziehung zum Meer, allerdings keine sehnsuchtsvolle. Aus Gründen, die der Roman erst nach und nach enthüllt, hadert Antonia mit ihrem Leben, ja der ganzen Welt. Und als sie zufällig dem durch die Stadt wandernden Simon begegnet, ist erst einmal gar nichts gut. Jedenfalls nicht für Antonia. Denn Simon ähnelt ihrem älteren Bruder, den Antonia so schmerzlich vermisst.

Elisabeth Steinkellner erzählt abwechselnd aus Simons und Antonias Sicht und vermeidet dabei alle naheliegenden Klischees. So freunden sich die beiden zwar an, füllen aber nicht die Lebenslücken des anderen. Ihre Geschichten verflechten sich nur lose: Simon träumt vom Meer als bunt-bewegter Welt, durch Antonias Träume schwappt es als dunkel-bedrohliche Naturgewalt. Während Simon darauf hofft, endlich mehr zu erleben als Kopfkino, muss Antonia verkraften, was schon alles passiert ist. Die beiden schauen sehr unterschiedlich auf die Welt, teilen aber das Gefühl, sich selbst komplett fremd zu sein. Und sie sind – typisch Teenie! – überzeugt davon, dass nur sie selbst so empfinden.

Aus dieser Überzeugung wuchern genügend Verwicklungen, um die Geschichte in Schwung zu halten: Simon lässt sich auf seiner Suche nach Paulus von einem schwulen Banker aufgabeln, Antonia verprellt immer wieder ihren Freund, den Rasta-DJ Enno, den sie eigentlich sehr gern hat. Die ungeschickten Suchbewegungen ihrer Figuren schildert Elisabeth Steinkellner ohne jede Herablassung. Sie schält im Gegenteil aus deren Gefühl des Unverstandenseins die existenzielle Einsamkeit heraus, die wir als Jugendliche oft zum ersten, aber nicht zum letzten Mal spüren.

Freundlicherweise gönnt Elisabeth Steinkellner ihren beiden Helden zum Ende des Romans eines der besten Gegengifte gegen Einsamkeit: eine beglückende sexuelle Begegnung. Antonia befreit sich im Bett mit Enno endlich von ihren Schuldgefühlen. Und Simon läuft doch tatsächlich, nachdem er schon alle Hoffnung hat fahren lassen, Paulus in die Arme. Die aufregende Nacht, die die zwei miteinander verbringen, beschreibt Elisabeth Steinkellner angemessen explizit und wunderbar selbstverständlich. Peinlich oder kitschig wird es auch jetzt nicht: weil der Zauber am Morgen danach schnell verfliegt und Paulus vom Sexgott zum beziehungsscheuen Rumdruckser mutiert. Nicht weil er ein Idiot ist übrigens, sondern weil in dieser klug konstruierten Geschichte auch die Nebenfiguren ein Recht auf eigene Befindlichkeiten haben und so einem allzu simplen Happy End im Weg stehen.

Ein hinreichend gutes Ende findet der Roman trotzdem: Nach fünf Tagen setzt sich Simon wieder in den Zug. Ohne Paulus, dafür Richtung Meer. Dass er sich nicht mehr von Antonia verabschiedet hat, macht beiden nichts aus: Sie wissen jetzt, dass das Leben Begegnungen an jeder Ecke bietet. Und dass der rettende Blick auch der eigene sein kann. Er muss sich nur etwas weiten, findet Simon und ahnt auch schon, wie: "Ein bisschen mehr Fischauge und ein bisschen weniger Tunnelblick."

Elisabeth Steinkellner: Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen. Beltz & Gelberg 2018; 236 S., 13,95 €;