"Ich gehe morgens nicht mehr in die Werkstatt, sondern in die Waschbären-Gruppe"

"Wenn ich unter Handwerkern rauslasse, dass ich Erzieher werde, blicke ich in verständnislose Gesichter. Was macht der? Ich bin gelernter Tischler und war zehn Jahre lang selbstständig. Jetzt gehe ich morgens nicht mehr in die Werkstatt, sondern in die Waschbären-Gruppe.

Ich begrüße die Kinder, trage sie in eine Liste ein, frage: Musst du aufs Klo, willst du was essen?, plane mit ihnen zusammen den Tag. Mein jüngeres Ich hätte mit so einem Alltag auch nichts anfangen können. Erst mit meinem Sohn, der 2014 geboren wurde, kam der Wunsch, mit Kindern zu arbeiten. Gerade ältere Männer können das nicht nachvollziehen: ein Mann in der Kita! Bei denen hat sich der Kontakt zu ihren Kindern wahrscheinlich auf eine Runde Memory am Abend oder aufs Wochenende beschränkt. Ich war sechs Monate Vollzeitpapa und habe später im Kindergarten meines Sohnes öfter mal Hausmeisterjobs übernommen. Außerdem habe ich mit Kleinkindern getischlert und gemerkt: Ich kann denen wirklich etwas mitgeben! Vorher saß ich ja auch nicht allein im Keller und habe auf Holzklötze eingekloppt, das Schreinerhandwerk ist oft filigran und sensibel – man erschafft Dinge.

Bei mehr Kindern kann man aber nicht immer aus dem Bauch raus reagieren, ich erhoffe mir durch die Ausbildung ein sicheres Denken dabei. Vor dem Stress und dem Lärmpegel habe ich nicht so Angst. Momentan gerate ich immer in meine Schäferlaune, wenn es trubelig wird, und konzentriere mich darauf, die Kinder so zu verteilen, dass jeder etwas zu turnen, basteln oder bauen findet. Schäferlaune klingt vielleicht nach Kuschelwolke, mal sehen, ob dieses Bild überdauert. Aber in einem bin ich sicher: Was Erzieher machen, ist alles andere als banal, wir schaffen die Basis."

Sylvio Napp, 36, macht seine Ausbildung als Quereinsteiger in der Kita Am Behnckenhof in Lübeck.

"Kranke Menschen, schlechte Bezahlung, nix mit Karriere – viele schreckt der Beruf ja ab"

"Mit alten Menschen hatte ich im Alltag bisher nichts zu tun. Meine Großeltern in Ghana waren immer weit weg, und auch sonst war da niemand. Trotzdem werde ich jetzt Altenpflegerin beim ambulanten Pflegedienst.

Kranke Menschen, schlechte Bezahlung, nix mit Karriere – viele schreckt der Beruf ja ab. Mich gar nicht! Ich möchte das Gefühl haben, dass ich was Gutes tue. Vielleicht weil ich von klein auf das Gefühl hatte, ich muss helfen, werde gebraucht. Ich bin die dritte von sechs Geschwistern und habe viel auf die Kleinen aufgepasst. Mit Kindern wollte ich beruflich aber nichts zu tun haben. Ich bin nicht kreativ genug, um mir jeden Tag tolle Späße für eine Horde Kinder auszudenken. Mit Alten ist das anders. Für mich sind das Menschen, die ich respektieren muss, weil sie mehr Erfahrungen haben als ich. Menschen, denen ich das Leben in den letzten paar Jahren, die ihnen bleiben, so schön wie möglich machen will.

Das Klischee, dass man als Altenpflegerin nur Popos waschen muss, stimmt einfach nicht. Aber auch das ist nicht so wild. Früher hätte ich gedacht, dass ich so was nicht kann. Aber seit ich eine Tochter habe, kommt mir von Kotze bis Kacke alles normal menschlich vor. Um zu schauen, ob das auch für fremde Senioren gilt, habe ich zwei Wochen Praktikum gemacht – und wirklich: Altenpflege ist so viel mehr als körperliche Pflege! In Deutschland sind alte Leute oft den ganzen Tag lang allein zu Hause. Die haben etwas geleistet für unsere Gesellschaft, und jetzt sitzen die da und kommen nicht an ihr Wasserglas ran. Die freuen sich so, wenn wir dreimal am Tag nach ihnen gucken. Unglaublich!"

Angela Aukthun, 24, ist Azubi bei der AWO-Sozialstation Mümmelmannsberg in Hamburg.

Wir werden Aukthun und Napp weiterhin bei ihrer Ausbildung begleiten.