Auf den ersten Blick mag es extravagant anmuten, dass der Italiener Luca Guadagnino gleich drei Horrorklassiker seines Kollegen Dario Argento neu verfilmt und zu einem einzigen Werk verdichtet hat: Suspiria – In den Krallen des Bösen. Und auf den zweiten wirkt es völlig plausibel, dass ein geheimer Hexenorden im Berlin der Siebzigerjahre eine Tanzschule unter der Leitung von Tilda Swinton betreibt. Die Schule, eine Mischung aus Akademie und Internat, befindet sich in einem heruntergekommenen Gebäude aus den Zwanzigerjahren, in dem noch die deutsche Geschichte herumzuspuken scheint. Hier will eine junge Amerikanerin (Dakota Johnson) modernen Ausdruckstanz lernen. Während auf der Straße Studenten demonstrieren und aus dem Radio Nachrichten über die neuesten Aktionen der RAF dringen, gehen unter dem Parkett und hinter den verspiegelten Wänden der Schule rätselhafte Dinge vor. Beim Vortanzen der Neuen stirbt im Nebenraum ein Mädchen unter grotesken Verrenkungen im Rhythmus der Musik. Eine andere Mitschülerin verschwindet. Die Lehrerinnen treffen sich zu geheimnisvollen Abstimmungen. Die Handlung von Suspiria ist ein kruder Mix aus Hexenritualen, Tanzstunden, blutiger Körperlichkeit und Anspielungen auf die Verdrängung der Nazi-Zeit. Doch Guadagnino gelingt es, im grau verschleierten Berlin der Siebzigerjahre eine Atmosphäre spezifisch deutscher Unheimlichkeit zu erzeugen, flankiert von großen Schauspielerinnen-Hexen: Angela Winkler moduliert ihre Stimme zum Gänsehautkriegen und zählt den Tanzschülerinnen das Eins- zwei-drei, Eins- zwei-drei so vor, dass man dazu marschieren könnte. Die Fassbinder-Darstellerin und Sängerin Ingrid Caven verströmt sonnenbebrillt eine perfide Eleganz. Wenn sie "Guten Abend, gut’ Nacht, mit Rosen bedacht" singt, glaubt man, die Dornen zu spüren.

Man könnte die so überraschend interpretierten Kino-Genres auch als Versuchsanordnungen begreifen, in denen es zu immer neuen Reaktionen kommt. Als Kameraexpeditionen, die in der Schwärze der menschlichen Seele weitere Gänge, tiefere Abgründe ausleuchten. Eines dieser Experimente geht so: Man stecke eine Königin und zwei um ihre Gunst konkurrierende Frauen in ein Schloss und schaue, was passiert. In dem Kostümfilm The Favourite des griechischen Regisseurs Giorgos Lanthimos entstehen daraus: Intrigen, Erpressungen, lesbischer Sex, Verleumdungen, Mordversuche.

Seit zehn Jahren denkt Lanthimos die Moderne in grotesken, dystopischen Ausformungen zu Ende. Seine Filme sind klaustrophobische Endspiele über Familien (Dogtooth), Paarbeziehungen (The Lobster), die mythischen Schuldverstrickungen unserer Gesellschaften (The Killing of a Sacred Deer). Sein neuer Film The Favourite ist ein großes Dekadenzbild. Rachel Weisz und Emma Stone spielen zwei Palastdamen von Queen Anne (Olivia Colman) im England zu Beginn des 18. Jahrhunderts. In Tableaus von imperialer Pracht inszeniert Lanthimos den Aufstieg der Zofe Abigail Hill und den Abstieg der Herzogin von Marlborough. Von Emma Stone mit sichtlicher Lust an der Durchtriebenheit gespielt, installiert die Dienerin im Palast ein System der Täuschungen und Zweckbündnisse. Die pragmatisch-politische Herzogin (Rachel Weisz verleiht ihr die Verwegenheit einer Mantel-und-Degen-Heldin) erkennt zu spät, dass ihr die Fäden aus der Hand genommen wurden. Über allem thront die Königin, launisch und übergewichtig, humpelnd zwischen Himmelbett und Kaninchenzoo, geplagt von Gicht und unendlicher Langeweile. Jedes Mal, wenn der Film ein vermeintlich nicht mehr steigerbares Maß an Bösartigkeit erreicht hat, folgt beiläufig eine noch schlimmere Szene.

Ein mit zu viel Macht ausgestattetes, politisch unberechenbares, mit dem Krieg spielendes infantiles Staatsoberhaupt, umgeben von Günstlingswirtschaft und Sexerpressungen – man könnte erschauern darüber, wie wenig historisch Giorgos Lanthimos’ Vorspiel zu den Endspielen der Gegenwart anmutet.