Was haben der kalifornische Elektroauto-Hersteller Tesla, der Streaming-Anbieter Netflix, der Fertigkost-Hersteller-Produzent Campbell Soup, die chinesische HNA-Gruppe und die deutsche Reederei Hapag-Lloyd gemeinsam? Sie alle haben in den vergangenen Jahren Milliarden Dollar an Schulden angehäuft. Tesla etwa, dessen Produktion des Model 3 zeitweise 8000 Dollar pro Minute kostete, hat sich über Kredite, darunter auch Anleihen, zehn Milliarden Dollar Kapital bei Investoren geliehen. Weil das Ausfallrisiko der Anleihen als hoch angesehen wird, gelten Tesla-Papiere als Ramschanleihen. Ebenfalls mit Schulden und Ramschanleihen hat der Streaming-Service Netflix, der an der Börse mehr wert ist als die Walt Disney Company, acht Milliarden Dollar eingesammelt, um seine eigenen Serien und Filme zu finanzieren.

"Titanen der Ramschkredite", schrieb der Finanznachrichtendienst Bloomberg kürzlich über diese jungen Unternehmen. Doch auch eine Traditionsfirma wie Campbell Soup, dessen Dosen Andy Warhol künstlerisch zur Unsterblichkeit verhalf, drücken nach einer teuren Übernahme neun Milliarden Dollar Schulden – dreimal so viel wie noch im Vorjahr. Hapag-Lloyd, Deutschlands führende Reederei, sitzt nach Zukäufen auf knapp sechs Milliarden Euro Verbindlichkeiten. Und das sind nur einige prominente Beispiele für einen Kreditrausch historischen Ausmaßes.

Auf der Suche nach Rendite verleihen Investoren Geld selbst an Unternehmen, die bereits hoch verschuldet sind. Nicht nur, dass Pensionskassen, Investmentfonds, Stiftungen und Versicherungen die Ramschkredite so begierig aufschnappen, wie sie vor der Finanzkrise die Wackelhypotheken kauften. Auch die Mechanismen, mit denen das Risiko weltweit verteilt wird, sind die gleichen. Schon mehren sich die Warnsignale, dass auch diese Blase in einer globalen Rezession enden könnte.

Zehn Jahre sind vergangen, seit Lehman Brothers im September 2008 zusammenbrach. Dem Konkurs der Wall-Street-Bank folgte ein weltweiter Absturz, erst des Finanzsystems und dann der Wirtschaft. Allein in den USA kostete die Krise nach Berechnung des Kongresses 20 Billionen Dollar – das ist mehr als die amerikanische Wirtschaftsleistung eines Jahres. Weltweit verschlangen Rettungsaktionen Milliarden an Steuergeldern, Millionen Jobs wurden vernichtet. In ökonomischer Hinsicht übertraf das Ausmaß der Zerstörung das der Terroranschläge vom 11. September 2001. Politiker, Aufseher und Banker versprachen, dass eine derartige Entgleisung nicht mehr vorkommen werde. Doch zehn Jahre danach ist das Risiko an den Finanzmärkten wieder gefährlich gestiegen. Anders als damals sind es dieses Mal Unternehmen, die einen nie da gewesenen Schuldenberg angehäuft haben.

Die Summe aller Kredite und Anleihen, die Unternehmen ausstehen haben, beläuft sich auf weltweit 66 Billionen Dollar, so eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey. Damit habe sich die Verschuldung von Firmen innerhalb eines Jahrzehnts mehr als verdoppelt.

Es ist ein globales Phänomen. Führend bei dem Boom auf Pump sind chinesische Unternehmen. Sie haben, gemessen an der Wirtschaftsleistung des Landes, den höchsten Verschuldungsgrad. So ging die HNA-Gruppe auf weltweite Einkaufstour und erwarb unter anderem New Yorker Bürotürme, Schweizer Airline-Dienstleister und sogar einen Anteil an der Deutschen Bank. Derzeit liegt der Schuldenstand der Gruppe bei 80 Milliarden Dollar und das, obwohl das Unternehmen bereits Dutzende Objekte abgestoßen hat.

In Europa befeuerte ausgerechnet die Europäische Zentralbank den Trend. Um das Wirtschaftswachstum zu beschleunigen, kaufte die EZB unter anderem Anleihen von Unternehmen. Die Nachfrage der Notenbanker ließ die Zinsen sinken, die die Unternehmen zahlen müssen. Die Folge: Für viele Finanzchefs wurde geliehenes Geld unwiderstehlich billig. Mit 21 Milliarden Euro war Volkswagen im vergangenen Jahr der führende Herausgeber von Euro-Unternehmensanleihen. Insgesamt gaben europäische Firmen Anleihen in Höhe von 270 Milliarden Euro aus – das entspricht beinahe dem Bundeshaushalt. Die "hochverzinslichen Anleihen", so werden an der Wall Street Ramschanleihen mit schlechter Bonität schöngeredet, erlebten mit einer Ausgabesumme von 100 Milliarden Euro ein historisches Jahr. "Investoren sind verrückt nach europäischem Ramsch", titelte das Online-Journal Business Insider.

Wo Investoren verrücktspielen, ist die nächste Krise nicht weit. Das Office of Financial Research, das von der US-Regierung nach der Lehman-Krise eingerichtet wurde, um auf Gefahren im Finanzsystem hinzuweisen, meldete in seinem Jahresbericht 2017 "Alarmstufe Rot". Die Qualität der Kredite sinke in bedrohlichem Tempo. Tatsächlich weckt die Entwicklung unangenehme Erinnerungen an die Hypothekenblase. Wie einst bei den Darlehen auf die amerikanischen Eigenheime sinken die Standards für Unternehmenskredite, während dieser Markt immer weiter wächst. Der weltweite gesamte Ausgabewert der Ramschanleihen lag zuletzt bei jährlich zwei Billionen Dollar – zweieinhalbmal so viel wie noch 2007.

Und noch ein anderer Markt legt rasant zu: sogenannte Leveraged Loans. Dabei handelt es sich ebenfalls um Kredite an Unternehmen mit einer niedrigen Bonität. Anders als bei den Ramschanleihen ist der Zinssatz allerdings nicht fest, sondern variabel – meist wird er als Aufschlag auf den aktuellen Interbankenzinssatz kalkuliert. Der Vorteil für die Gläubiger: Sie profitieren von steigenden Zinsen. Die Unternehmen, die ja bereits eine wackelige Kreditbewertung haben, riskieren dagegen eine wachsende Belastung.

Die Nachfrage nach diesen Firmenkrediten ist so groß, dass die Unternehmen die Bedingungen diktieren können. Noch vor wenigen Jahren waren Leveraged Loans sicherer als Anleihen. Bei einer Pleite durften Gläubiger mit diesen Papieren sich vor den Anleihe-Inhabern aus der Konkursmasse bedienen. In ihrem Eifer, sich die attraktiven Zinsen dieser Kredite zu sichern, verzichten Investoren inzwischen immer häufiger auf dieses Recht. Das Resultat sind Papiere, die den Subprime-Hypotheken entsprechen, jenen Wackeldarlehen, die in dem Debakel von 2008 die unrühmliche Hauptrolle spielten.