Absurd schön, diese Elbsicht, und weil gleich zur Genüge von Streit und Verdruss die Rede sein wird, soll kurz diese Schönheit besungen werden. Wie Flüssigsilber liegt der Strom da, über den sich die ganze Stadt definiert, den aber nur wenige Hamburger so schon mal gesehen haben, jede Wette, die Auen am Hanskalbsand, durch die der Morgenwind streicht, die Regenpfeifer, die aufsteigen im Singsang, und elbabwärts, hinter dem Falkensteiner Ufer, das erste Licht des Tages. Lothar Buckow, das Gesicht eine Marsch aus Furchen und Falten, die Hand am Außenborder, schweigt, also fragt man: Finden Sie das denn auch immer noch so absurd schön? Da brummt Buckow, weißes Haar: Jo, find ich.

Ist ja nicht so, dass Buckow sich nicht freuen kann, aber als Fischer, einer der letzten der Elbe, der letzte im Alten Land, mischt sich in jede Freude immer auch Wut und Angst. Wut auf jene, die den Fluss kaputt machen. Angst vor dem, was kommt.

Gelernt hat er Softwaretechnik

Um das Jahr 1910 gab es 1200 Fischerfamilien beiderseits der Hamburger Elbe, heute nur noch vier, dazu die Hobbyangler. Die Hamburger Elbe ist heute Kampfzone von Containerriesen, Musicalfähren, Kreuzfahrtschiffen, und ihr Symbol ist die Elphi. Buckow braucht keine Symbole, Buckow braucht Fisch.

Er steuert die Luca, die alte Jolle, vorbei an zwei Kranichen zu einem Plastikkanister, erste Reuse. Fingert mit gespreizter Hand die Taue hoch, und bevor man fragen kann, sagt er: Muskelatrophie, in Händen und Beinen, vererbt. Ein Fischer, der Daumen und Zeigefinger nicht zusammenkriegt, das muss man sich mal vorstellen, sagt er, deshalb stellt man sich das mal vor: Buckow, geboren am 1. Oktober 1957 im Leuchtturm, ins Krankenhaus schafft es die Mutter nicht. Der Vater unterwegs, schießt drei Gänse. Weil der Sohn nicht Elbfischer werden will, lernt er Softwaretechnik und sitzt erst mal im Büro. Bis der Muskelschwund einsetzt. Der Arzt rät zum Berufswechsel, Buckow sagt, dann halt Elbfischer, und der Arzt darauf, nein, so sei das nicht gemeint gewesen, nicht Elbfischer, aber Buckow hat sich entschieden. Heute glaubt er, dass ihn die Elbe vor dem Rollstuhl bewahrt hat. Er kann keine Münze in einen Schlitz stecken, aber fischen, das kann er. Im Oktober wird Buckow 61 Jahre alt.

Sieht gut aus, brummt er, die Aale aalen sich in den Reusen, einige untermaßig, die wirft er zurück, mit zu kleinen Brassen, zu kleinen Zandern, dem Beifang, nach dem achtern die Möwen stoßen. Die langen Aale kommen in den Eimer, später ins Becken auf dem Kutter, noch später auf Eis in die Auslage. 1983, das weiß Buckow noch genau, wurde es mal weniger mit dem Aal. Er fing nach Stint zu fischen an, fing sich Sprüche ein. Die, die gelacht haben, fischen heute nicht mehr. Sind in Rente oder auf Containerschiffen in Heuer oder, noch übler, auf den Fähren im Hafen. Buckow ist noch da und fischt, weil der Stint gegen null geht, wieder mehr Aal. Eigentlich ist er ein Elbwesen eigener Art, müsste lexikalisch erfasst werden: anpassungsfähig, widerständig, dazu aber die Frage: Wie lange noch?

Vorbei am Hahnöfersand, am Watt, das aufgetragen wurde als Ausgleichsfläche, mitten rein in das eine, das große, vielleicht das letzte Thema, das ihn umtreibt, umtreiben wird bis zum Lebensende. Elbvertiefung, die neunte, in diesen Tagen starten die bauvorbereitenden Maßnahmen.

Buckow war bei der Klage in erster Reihe, hat vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig seine Verzweiflung ausgebreitet und mit Entsetzen gehört, wie die Richter urteilten, die Belange der Elbfischer seien gegenüber einer besseren Nutzbarkeit der Elbe nicht schutzwürdig.