Was sind die Lehren von Chemnitz? Holger Stark hat in der vergangenen Woche in der ZEIT den Kanon der Appelle gegen rechts wiederholt: Die Polizei muss besser, der Staat stärker, der Bürger müssen engagierter werden, besonders in Sachsen sollen Medien und Regierung klare Kante zeigen, und, ach, die AfD möge eine nationalkonservative Kraft sein und nicht die Partei des rassistischen, gewaltbereiten Pöbels (ZEIT Nr. 36/18). Daran ist nichts falsch, doch das Rezept gleicht der Therapie eines Arztes, der alarmiert feststellt, dass die Krankheit seines Patienten schnell voranschreitet, und dennoch unbeirrbar an der Gabe des einmal gewählten Medikaments festhält. Nur die Dosis wird erhöht. Mehr vom Gleichen, obwohl es erkennbar gar nicht wirkt.

Die Menschen, die AfD wählen oder sich das überlegen, sprechen auf die Argumente aus humanistisch-liberaler Weltanschauung einfach nicht mehr an. Es fehlt offenkundig an der Fähigkeit, sich in diejenigen hineinzuversetzen, um die es geht, also nicht einige Hundert Nazis in der Chemnitzer Innenstadt, sondern mindestens 25 Prozent der sächsischen und 15 Prozent der deutschen Wähler, die auch die bewusste Öffnung der AfD zum Rechtsextremismus nicht mehr abschreckt.

Für diese Menschen fand der Kontrollverlust des Staates nicht auf den Straßen von Chemnitz, sondern 2015 an den deutschen Grenzen statt. Sie sehen im Mord an Daniel H., der den Aufmärschen in Chemnitz vorausgegangen war, keinen Einzelfall, sondern lesen, dass jeden Tag irgendwo in Deutschland ein Asylbewerber einen Menschen tötet. Sie fürchten sich weniger vor der Wiederkehr eines mörderischen Staates als vor Messern in der Hand eines Syrers oder Irakers.

Für diese "besorgten Bürger" sind Sexualmorde und Messerstechereien, an denen Asylbewerber beteiligt sind, nicht einfach nur Verbrechen, sondern das Ergebnis der Merkelschen Flüchtlingspolitik. Und das finden sie umso unerträglicher, als sie nie damit einverstanden waren, dass so viele Fremde in ihr Land kamen, von denen nach ihrer Meinung die meisten gar keinen Asylanspruch haben. Kurz: Für diese Menschen ist der Mord in Chemnitz das Problem, nicht der Mob. Und sie sind damit nicht allein.

Ich bin grüner Oberbürgermeister in einer liberalen Universitätsstadt. Als die NPD vor zehn Jahren versucht hat, in Tübingen eine Demonstration abzuhalten, haben wir sie durch eine Gegendemonstration mit einer zwanzigfachen Übermacht in den Bahnhof zurückgeschickt. Tübingen ist gewiss nicht Chemnitz. Aber auch in meiner Stadt erlebe ich, wie groß die Verunsicherung und wie emotional der Streit ist, nachdem Asylbewerber eine Serie von Gewalttaten verübt haben. Eine repräsentative Umfrage der Stadt ergab, dass die Hälfte der Menschen über ein deutlich verschlechtertes Sicherheitsgefühl klagt. Die andere Hälfte will davon aber partout nichts wissen.

Boris Palmer © Futter Image/imago

Zehn Tage vor den Ereignissen von Chemnitz hat ein Asylbewerber einen Arzt in seiner Praxis in Offenburg mit einem Messer umgebracht. Der Chefredakteur der Tagesschau, Kai Gniffke, schrieb dazu: "Wo die Meinungen auseinandergehen, ist die Frage, ob wir darüber berichten sollten, wenn es sich beim Tatverdächtigen um einen Asylbewerber handelt. Aus meiner Sicht sollten wir das dann tun, wenn Asylbewerber überproportional an Tötungsdelikten beteiligt wären. Das ist, soweit wir es recherchieren können, nicht der Fall. Deshalb haben wir uns gegen die Berichterstattung entschieden."

Die These, die hier referiert wird, ist bis heute die offizielle Lesart der Kriminalstatistik: keine Auffälligkeiten bei Asylbewerbern. Die unbequeme Wahrheit im Sicherheitsbericht des für Offenburg zuständigen Innenministeriums von Baden-Württemberg lautet, dass im Jahr 2017 bei Tötungsdelikten 14 Prozent der Tatverdächtigen Asylbewerber waren. Da sie nur einen Anteil von 2 Prozent an der Bevölkerung haben, entspricht das einer siebenfach erhöhten Häufigkeit. Ja, für einen korrekten Vergleich müsste man einrechnen, dass unter den Asylbewerbern viele junge Männer ohne Arbeit und Perspektive sind. Gewalterfahrungen und Traumata kommen hinzu. Das sind alles Faktoren, die auch bei Deutschen zwangsläufig mehr Straftaten zur Folge hätten. Das wissenschaftlich zutreffende Argument, dass Asylbewerber kriminell nicht auffallen würden, wenn nur viel mehr Frauen und ältere Menschen unter ihnen wären und alle ein stabiles soziales Umfeld hätten, ist praktisch dennoch wertlos. Denn das sind nun mal nicht die Asylbewerber, die wir derzeit haben. Die Zahl der schweren Straftaten von Asylbewerbern ist um ein Vielfaches größer, als die Zahl von einer Million mehr Menschen in Deutschland erwarten ließe. Das zu relativieren oder zu verharmlosen verstärkt nur die Wut.