Bildungsnation zu werden ist ein ziemlich großes Ziel in einem Land, in dem Zehntausende Lehrer fehlen und Zehntausende Kinder ohne Abschluss und Perspektive die Schulen verlassen. Und doch ist Deutschland diesem Ziel gerade ein Stück näher gekommen.

Was ist passiert? Die Chefs von FDP und Grünen im Bundestag – Christian Lindner, Katrin Göring-Eckardt, Anton Hofreiter – haben einen bemerkenswerten Brief an die Bundeskanzlerin geschrieben. "Uns wieder zu einer international führenden Bildungsnation zu machen, in der alle jungen Menschen ihre Potenziale entfalten können, wird eine fortwährende Anstrengung aller Beteiligten und staatlicher Ebenen auf Dauer bedeuten", heißt es dort. Die Oppositionspolitiker bieten Angela Merkel an, "den Bildungsföderalismus sinnvoll, ergebnisorientiert und zielführend zu reformieren".

Reformieren? Was Grüne und FDP vorschlagen, wäre fast schon eine Revolution. Bildungsföderalismus, das bedeutet: Schulen und Hochschulen sind Sache der Länder, der Bund hat wenig zu melden. Damit er überhaupt in Bildung investieren kann, bedarf es komplexer Sonderkonstruktionen. Um dieses Hemmnis aus dem Weg zu räumen, muss Deutschland aber seine Verfassung ändern. Das geht nur mit einer Zweidrittelmehrheit im Bundestag – und für diese ganz große Koalition stehen FDP und Grüne nun bereit. Sie greifen damit eine Idee auf, die sie schon in den Jamaika-Verhandlungen vorgebracht hatten.

Solch ein Vorstoß war längst fällig.

Der Bildungsföderalismus leidet nämlich an vier großen Überforderungen. Erstens: an der Überforderung des Wettbewerbs. Früher hieß es, die Bildung in den Ländern werde besser, weil die Länder konkurrierten. Doch die Konkurrenz verläuft heute nicht mehr zwischen Stuttgart und Steinfurt, sondern zwischen Stuttgart und Shenzhen; Bildung ist daher eine Aufgabe von nationaler Bedeutung. Zweitens: an der Überforderung der Unterschiede. 16 Bundesländer bedeuten 16 Schulsysteme. Eltern, die mit Schulkindern umziehen mussten, können darüber viele Geschichten erzählen – auch davon, dass Kinder mancherorts viel weniger lernen. Drittens: an der Überforderung der Organisation. Dass sich die Kultusbürokratien bei den Schülerzahlen so verschätzt haben, dass in manchen Bundesländern so viele Lehrer fehlen, zeugt auch von einem strukturellen Problem. Viertens: an der Überforderung der Haushalte. Es kostet Milliarden, die Schulen zu digitalisieren – das schaffen Bund, Länder und Gemeinden nur gemeinsam.

Eine Reform des Föderalismus könnte diese Überforderungen beseitigen. "Bildungsnation" könnte mehr sein als nur ein Schlagwort für Grundsatzreden.

In einer Bildungsnation verschöbe sich übrigens auch die Tektonik im Bundeskabinett: Bildungsminister wäre dann nicht mehr ein Job für Seiteneinsteiger, sondern ein Job für Schwergewichte – solche wie die machtbewussten Chefs von Bundestagsfraktionen, die sich nun anschicken, den Föderalismus zu reformieren.