Jahrelang hat der Fall der Narkoseärztin, die mit dem Gleichstellungsgesetz gegen das Berner Inselspital prozessiert hat, die Schweiz bewegt. Nun ist der Fall rechtskräftig. Natalie Urwyler gewinnt. Das Berner Inselspital akzeptiert das Urteil des Berner Obergerichts. Dieses kam zum Schluss, dass die Ärztin im Juni 2014 zu Unrecht entlassen worden war. Dass die Kündigung also aufgehoben ist und der Lohn nachträglich bezahlt werden muss. Darüber hinaus hat Urwyler das Recht, an ihren alten Arbeitsort zurückzukehren. Ob sie das tun wird, ist noch offen.

Was bedeutet der Fall für die Gleichstellung von Mann und Frau in der Schweiz?

"Das Urteil ist ein Meilenstein", sagt die Genfer Arbeitsrechtsprofessorin Karine Lempen. Sie beforscht das Gleichstellungsgesetz seit seiner Entstehung. Einzigartig sei der Fall Urwyler, weil er erst der zweite in der Schweiz sei, bei dem die Gerichte eine sogenannte Rachekündigung festgestellt haben. Eine Kündigung also, die ausgesprochen wurde, weil sich die Klägerin gegen Diskriminierung gewehrt hat. "Beim Fall Urwyler ging es nicht in erster Linie darum, ob die Ärztin persönlich diskriminiert wurde, sondern vielmehr darum, dass das Inselspital sie zu Unrecht entlassen hat, weil sie innerbetrieblich gegen Diskriminierung gekämpft hat, sich beispielsweise für besseren Mutterschutz eingesetzt hat", sagt Lempen.

"Der Fall wird zum Maßstab"
Karine Lempen, Arbeitsrechtsprofessorin

Wie schwierig es ist, eine Rachekündigung, also Artikel 10 des Gleichstellungsgesetzes (GlG) nachzuweisen, zeigt ein Forschungsbericht zur Wirksamkeit des Gleichstellungsgesetzes. Darin analysiert Lempen zusammen mit Aner Voloder 190 kantonale Gerichtsentscheide aus den Jahren 2004 bis 2015. Bloß in zwölf Fällen stand dabei Rachekündigung zur Debatte, in einem einzigen Fall wurde das Vorhandensein einer solchen bejaht.

Nun gibt es also einen zweiten Fall. Für Lempen ist es ein Präzedenzfall, selbst wenn das höchste Schweizer Gericht nicht darüber befunden hat. "Die Urteile sind sehr detailliert und so gut argumentiert mit Hinweisen aus der Lehre, dass sich Anwälte und Gerichte in Zukunft darauf beziehen werden. Der Fall wird zum Maßstab", sagt Lempen.

Auch für Kurt Pärli, Professor für Soziales Privatrecht an der Uni Basel, ist klar: Man wird sich am Fall orientieren. Zumindest so lange, bis ein künftiger Konflikt bis vors Bundesgericht gelangt ist. Darüber hinaus habe der Fall Urwyler, weil er so ausgiebig in der Öffentlichkeit diskutiert worden sei, das Zeug, "sich in den Köpfen der Menschen einzunisten". Er werde jüngeren Ärztinnen und Ärzten Mut machen, sich für neue Führungsmodelle, familienverträgliche Arbeitszeiten und für Gleichberechtigung bis in die Chefetagen einzusetzen. Das Urteil sei aber auch ein Signal an alle Chefs in den hierarchisch und männlich geprägten Berufswelten, überholte Vorstellungen zu überwinden. "Etwa jene, dass eine noch so talentierte Medizinerin aus Prinzip nicht befördert wird, weil sie eines Tages Mutter werden könnte. Die alte Männerwelt bekommt Risse", sagt Pärli.

"Es gibt keinen Ärztemangel. Es gibt nur diskriminierte Frauen."

Am Inselspital haben Urwylers Interventionen einige Spuren hinterlassen. Die Arbeitszeit von schwangeren Frauen wurde auf die gesetzlichen 45 Stunden reduziert, und es wurde eine Anlaufstelle für Mitarbeiterinnen eingerichtet, die ein Kind erwarten.

Und auf einmal wurde öffentlich über die Frage diskutiert, warum an den hiesigen Universitäten zwar mehr Frauen als Männer das Studienfach Humanmedizin wählen, ihr Anteil aber mit jeder Hierarchiestufe schwindet; sodass es von den 55 Prozent Studentinnen gerade mal zwölf Prozent bis zum Chefarztposten schaffen. Für Natalie Urwyler ist klar, warum das so ist. "Es gibt keinen Ärztemangel. Es gibt nur diskriminierte Frauen", sagte sie in einem Porträt (ZEIT Nr. 15/18).

Ob Urwyler, die inzwischen am Spital Wallis arbeitet, je wieder dorthin zurückkehrt, wo ihre Karriere ein jähes Ende fand, ist offen. Zustehen würde es ihr.

Das Recht auf Wiederanstellung ist eine Besonderheit des Gleichstellungsgesetzes und kollidiert mit der liberalen Kündigungskultur in der Schweiz. Wird eine Entlassung in einem privatrechtlichen Arbeitsverhältnis als missbräuchlich taxiert, erhalten Betroffene im besten Fall sechs Monate Lohnfortzahlung. Anders verhält es sich bei Anstellungen nach öffentlichem Recht. Kantons- oder Bundesangestellte haben die Möglichkeit, auf Wiedereinstellung zu pochen. Allerdings verzichten sie häufig darauf und lassen sich finanziell entschädigen.

Das Berner Inselspital kann sich eine weitere Zusammenarbeit mit der siegreichen Ärztin nicht vorstellen – und stellte sie von der Arbeitspflicht umgehend wieder frei, wie die Berner Zeitung berichtete. Urwyler stelle unübliche Forderungen an ihre Wiederbeschäftigung, hieß es. Das stimme nicht, gab diese via Anwalt zu Protokoll.

Der Streit nach dem Streit wird die Parteien weiter beschäftigen. Für Karine Lempen ist das Recht auf Wiedereinstellung trotzdem keine Fehlkonstruktion im Gleichstellungsgesetz. "Auch wenn der Zwang zur Wiedereinstellung im Einzelfall schwierig, vielleicht sogar unrealistisch erscheinen mag, so ist es doch fundamental, dass die Frauen, welche sich gegen Diskriminierung wehren, das Recht haben, ihre Weiterbeschäftigung zu verlangen."

Fürs Erste muss sich Natalie Urwyler damit zufrieden geben, Geschichte geschrieben zu haben.