Es ist Nacht im Wald. Stockdunkel, bis auf ein paar Smartphones und eine Lichterkette, die zwischen zwei Bäumen baumelt. Darunter zupft ein Mann Ende zwanzig an einer Gitarre. Vor ihm hocken einige Dutzend junger Menschen auf dem Waldboden, sie wippen im Takt der Musik. Man könnte sie für Pfadfinder halten auf einem Sommerausflug. Doch dann flüstert eine Frau: "Der hinter mir könnte ein Polizist in Zivil sein." Sie nickt in Richtung eines Mannes mit Lederjacke, der den Blick über die Menge schweifen lässt. Der Gedanke ist keineswegs abwegig. Denn sie, der Sänger und sein Publikum, sitzen im Hambacher Forst. Der wiederum gehört dem RWE-Konzern und soll Anfang Oktober abgeholzt werden. RWE will dort Braunkohle abbaggern und dann verfeuern. Vorher aber müssen die Menschen verschwinden. Doch die campen hier, um genau das zu verhindern. Sie wissen, dass sie damit Hausfriedensbruch begehen. Jeden Moment kann also die Polizei anrücken. Mit Hubschraubern, Wasserwerfern, Hunden.

Der Hambacher Forst liegt zwischen Köln und Aachen. Seit 2012 halten ihn Umweltschützer besetzt, seit sechs Jahren leben hier Menschen in und unter den Bäumen, sogar im tiefsten Winter. Es begann mit ein paar Naturschützern. Irgendwann kamen Linksautonome dazu, Leute, die auch mal Steine auf Polizeiautos werfen. Heute schauen an vielen Wochenenden Anwohner vorbei, Großstädter nehmen an den Naturführungen der Umweltverbände teil, an Konzerten und Demonstrationen. Und auch Politiker der Grünen lassen sich immer wieder blicken.

Inzwischen ist es jedoch schwieriger, in den Wald zu kommen. Die Polizei hat ihn Anfang der Woche als "gefährlichen Ort" deklariert und kann nun ohne Anlass jeden Spaziergänger durchsuchen. Sie bereitet sich so auf die Räumung vor – den größten Polizeieinsatz in der Geschichte Nordrhein-Westfalens.

Der Konflikt um das 600 Hektar kleine Stückchen Wald erregt mittlerweile so viel Aufmerksamkeit, dass sich auch im Rest der Republik die Öffentlichkeit fragt: Was ist da eigentlich los?

Der Hambacher Forst wirft ein Schlaglicht auf die Schwächen der Klimapolitik der Bundesregierung. Zwar wird der Ausstieg aus der Kohleverstromung immer dringender, will Deutschland die Klimaziele einhalten. Zu denen hat sich die Bundesregierung vertraglich verpflichtet, als sie das Abkommen von Paris unterschrieb. Doch bisher hat sie konkrete Entscheidungen vermieden, auch über das Ende des Braunkohle-Tagebaus. Deswegen rücken die Bagger immer näher an den Hambacher Forst heran.

Die junge Frau, die sich beim Gitarrengeklimper vor Polizisten in Zivil fürchtet, nennt sich Noah und ist um die zwanzig Jahre alt. Ihren wahren Namen und ihr genaues Alter soll niemand erfahren. "Damit die Polizei meine Identität nicht herausfindet", sagt sie.

Noah hat sich gut auf eine mögliche Räumung vorbereitet. Sie trägt eine Hose in Tarnfarben und ein Halstuch, das sie sich im Notfall schnell über die Nase ziehen kann. Zur Tarnung, wie sie sagt. An ihrem Arm hängt ein Band mit einer Nummer, unter der sie anrufen kann, sollte sie verhaftet werden. An ihrer Hose baumelt ein Karabinerhaken. "Wenn sie kommen, muss ich auf den Baum", sagt sie. Noah findet, dass die alten Eichen, die hier stehen, nicht gefällt werden dürfen, sie sorgt sich um die Fledermäuse, die im Wald leben. Und sie meint, Naturschutz müsse nun mal irgendwo anfangen. Auch heute, wo öko angeblich in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, eignet sich tief empfundenes Umweltbewusstsein noch für wilden, enthusiastischen Protest.

Um den Wald zu retten, haben die Aktivisten in den vergangenen Jahren Dutzende Baumhäuser in die Äste gebaut. Inzwischen sind es so viele, dass sie sie in "Barrios" unterteilen, Stadtviertel. Sie heißen Gallien, Beech Town und Oak Town, es gibt Gemeinschaftsküchen und Treffpunkte. Wäre es kein Protestcamp, könnte man sich die Szenerie gut in einem Film wie Herr der Ringe vorstellen. Manche Baumhäuser sind provisorisch zusammengezimmert, andere haben Öfen, Fenster und Balkone. Um sie zu erreichen, muss man sich an einem Seil hochhangeln, das höchste liegt 28 Meter über der Erde. Das macht es für die Polizei schwer, den Protest mit einer Hundertschaft zu beenden. Aber nicht nur das.

Das Ganze ist auch politisch kompliziert. Während der Koalitionsverhandlungen konnten sich CDU, CSU und SPD zwar auf kein konkretes Datum für den Kohleausstieg einigen. Aber sie verabredeten die Schaffung einer Kommission. Diese Runde mit dem offiziellen Namen Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung tagt nun seit dem Frühsommer in Berlin. 28 Energie- und Klimaexperten, Gewerkschafter, Umweltaktivisten und Politiker sollen gemeinsam einen Fahrplan entwerfen und am Ende einen Bericht vorlegen, wie sich eine Schließung der Reviere im Rheinland und in der Lausitz sozialpolitisch abfedern lässt. Der Kohleausstieg soll nicht so viele Wunden reißen wie einst der Atomausstieg.