Die Umweltverbände, die in der Kohlekommission mitarbeiten, wünschen sich, dass der Hambacher Forst zumindest so lange nicht gerodet wird, bis der Abschlussbericht fertig ist. Schließlich leuchte es niemandem ein, dass erst ein Wald gerodet werde und kurz darauf der Kohleausstieg komme. Die Verbände drohen, die Kommission zu verlassen, sollten die Bäume gefällt werden. Das wiederum würde die Kommission ihrer Legitimität berauben. Die Gegenseite argumentiert, in der Kommission gehe es überhaupt nicht um den Hambacher Forst, sondern um das Große und Ganze.

Tatsächlich steht im Mandat nichts von dem Wald. Doch längst ist er zum Symbol geworden, an diesem Schauplatz könnte der nächste große Konflikt der Umweltpolitik stattfinden. Und er könnte gewalttätig werden, sodass auch vermeintliche Gegner der Protestler sich eine Atempause wünschten.

"Ob angesichts des unvermeidbaren Energiewandels eine Abholzung des Hambacher Forsts noch vertretbar ist?", fragt Michael Mertens. Der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei erinnert daran, dass bei den Atomprotesten in Wackersdorf vor Jahrzehnten zwei Demonstranten und ein Polizist ums Leben gekommen seien.

Auch die sozialdemokratische Bundesumweltministerin Svenja Schulze mahnt zur Besonnenheit. Sie hat RWE gebeten, vorerst auf die Rodung zu verzichten. Damit machte sie sich nicht nur Freunde. Denn gerade die SPD will die Gewerkschaften und die Kohlearbeiter nicht verprellen, die ihr wichtiger sind als ein paar junge linksgrüne Demonstranten. Am Wochenende sorgte sich der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke – ihm stehen Landtagswahlen im kommenden Jahr bevor – in einem Interview, dass ein schneller Kohleausstieg die AfD stärke. Und Parteichefin Andrea Nahles warnte vor einer "Blutgrätsche" in der Klimapolitik. Im Fall der SPD ist der Streit um den Hambacher Forst ironischerweise also auch das Symbol einer Umweltpolitik, die sich vor unangenehmen Entscheidungen drückt.

Die CDU dagegen sucht die Eskalation. Ministerpräsident Armin Laschet steht in seinem Bundesland Nordrhein-Westfalen parteiintern unter Druck, weil er als weich gilt und immer Angela Merkels liberale Flüchtlingspolitik verteidigt hat. Er könnte mit einem Durchgreifen in Hambach zeigen, dass er zu Härte imstande ist und außerdem an der Seite der Energiewirtschaft steht. Gerichte hätten eine Rodung ausdrücklich gestattet, argumentiert der Ministerpräsident. Er will deswegen nicht zwischen Demonstranten und Konzern vermitteln.

Tatsächlich ist das Recht aufseiten von RWE. Nicht nur hat die frühere rot-grüne Landesregierung einst die Erweiterung des Tagebaus genehmigt, es wurden vor Gericht auch Klagen gegen die Rodung verworfen. Sollte jetzt noch die Kohlekommission platzen, wäre zudem kein festes Datum für den Ausstieg in Sicht. RWE könnte also weiterbaggern.

Kritiker finden die Parallelen zum Beginn des Atomausstiegs in den Achtzigerjahren verblüffend: Auch damals seien die Energiekonzerne im Recht gewesen, auch damals habe die Regierung Protestcamps im Wald von der Polizei abreißen lassen und Demonstranten vertrieben. Politisch aber hatte der Atomstrom verloren. Der Ausstieg kam. Doch da war der Wald bei Wackersdorf schon gerodet.

Noah aus dem Hambacher Wald hat inzwischen ihr Studium abgebrochen, um sich ganz auf die Rettung der Bäume zu fokussieren. Sie könnte verhaftet und von einem Gericht verurteilt werden. Dann würden ihr ein Prozess und ein Eintrag in ihr Führungszeugnis drohen, was es schwer machen könnte, einen Job zu bekommen. Doch das nimmt sie in Kauf. Warum? "Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun", sagt sie. "Wenn ich ein Jahr ins Gefängnis gehe, ist das nichts gegen das, was woanders auf der Welt Menschen für den Klimawandel aushalten müssen."

Ist das naiv oder mutig? Viele Klimaexperten sagen, dass von dem Stückchen Wald der Klimaschutz nicht abhänge. Damit Deutschland seine Ziele erreiche, sei ganz anderes nötig als die Rettung von 600 Hektar Forst. Echte Einschnitte. Doch solange die ausbleiben, speist die Untätigkeit in Berlin die Verzweiflung. Und so ist der Wald kein Wald mehr, sondern ein Symbol: Die einen wollen beweisen, dass sie Recht durchsetzen können, die anderen, dass Deutschland den Naturschutz vernachlässigt und erst recht den Klimaschutz. Und wieder andere kämpfen den Kampf gegen den Großkapitalismus und den Staat. Während in Deutschland wieder ein Rekordsommer zu Ende geht.