DIE ZEIT: Herr Ströbele, wir möchten mit Ihnen über Nicaragua und linke Träume reden. In den 70er- und 80er-Jahren war Nicaragua eines der Sehnsuchtsländer der Linken, große Hoffnungen waren mit der Revolution verbunden. Wie war das damals? Was war Nicaragua für Sie?

Hans-Christian Ströbele: Damals, in den 70er- und 80er-Jahren, standen Süd- und Mittelamerika im Zentrum des europäischen Interesses. In fast allen Ländern Lateinamerikas gab es Militärdiktaturen, häufig mit Unterstützung der US-Amerikaner. Nach dem jahrelangen Protest gegen den mörderischen US-Vietnamkrieg mit zwei Millionen Toten spielte der Protest gegen die Unterdrückung dort eine zentrale Rolle.

ZEIT: Hing die Solidarität der Linken also damit zusammen, dass es gegen die USA ging?

Ströbele: Ja, es ging auch um die Beteiligung der Hauptmacht des Westens an der Unterdrückung der Völker. Das hat die gesamte Linke mobilisiert, nicht nur die Kommunisten, auch die Spontis (undogmatische linke Gruppen, Anm. d. Red.). Nicaragua hatte eine besondere Bedeutung, weil dort die Sandinisten überraschend schnell das Land eroberten und den Diktator stürzten.

ZEIT: Die Sandinisten waren die Rebellen, die sich nach General Sandino benannt hatten. Ihr Chef war Daniel Ortega, der heute als autoritärer Herrscher regiert und seinerseits die Opposition unterdrückt. Aber damals glaubten Sie: Wir gewinnen, das Gute gewinnt?

Ströbele: Ganz sicher, ja. In Nicaragua sahen auch wir uns als Gewinner. Das war alles sehr nah. Ein Freund etwa, der Arzt war in einem Westberliner Krankenhaus, ging noch im Krieg dort zur Guerilla. Sein Deckname war Carlos. Nach der Befreiung war er Leiter eines großen Krankenhauses in Managua. Wenn die Rebellen krank waren, ließen sie sich von ihm behandeln.

ZEIT: Es gab auch Geldsammlungen, zum Beispiel für Waffen.

Ströbele: Da ging es um El Salvador. Dort gab’s auch bewaffneten Widerstand einer Guerilla, die in die Berge ging, gegen eine Militärdiktatur.

ZEIT: Sie waren damals im Vorstand der linksalternativen Tageszeitung taz.

Ströbele: Genau. Wir als taz haben eine Kampagne gestartet: Waffen für das Volk in El Salvador, nachdem der Erzbischof der Armen vom Militär am Altar erschossen worden war.

ZEIT: Es kamen Millionen zusammen. Das Geld wurde in bar, in Plastiktüten dorthin gebracht. Haben Sie auch Geldtüten geschleppt?

Ströbele: Ein Mal hab ich’s auch gemacht. Das Geld konnte man ja nicht auf ein Konto überweisen, weil die Guerillas gar kein Konto hatten. Also musste es direkt überbracht werden. Meistens in einer Kaufhaustüte. Das sollte unauffällig aussehen. Da lagen dann 200.000 Mark drin, in Dollar umgetauscht. Diese Sammlung war die größte, die die Linke überhaupt nach dem Krieg gemacht hat, über vier Millionen Mark kamen zusammen.

ZEIT: Wie lief das genau ab, wem haben Sie das Geld gegeben?

Der RAF-Anwalt und spätere Grünen-Abgeordnete Ströbele (hier 1982 in Berlin) organisierte in den Achtzigerjahren Spendenaktionen für südamerikanische Guerillas – und brachte das Geld auch schon mal selbst hin. © Klaus Mehner

Ströbele: Man flog meist über Kuba nach Managua. Dort traf man sich mit Führern aller vier Guerilla-Gruppierungen aus El Salvador, damit keiner sagen könnte, wir ziehen eine vor. Dann wurde das Geld übergeben. Alle vier unterschrieben eine Quittung.

ZEIT: Selbst die linken Revoluzzer haben mit Quittungen gearbeitet ...

Ströbele: Die wurden abgeheftet!

ZEIT: Das klingt – trotz Quittungen – alles auch nach einem großen Abenteuer. Wie wichtig war dieser Abenteuer-Aspekt?

Ströbele: Gar nicht. Revolution war auch anstrengend. Genossen waren in Kuba zu Solidaritäts-Einsätzen bei der Zuckerrohr-Ernte. Das war Schwerstarbeit in der Hitze, manche haben nach einer Woche aufgegeben.

ZEIT: Haben Sie in Nicaragua auch Daniel Ortega kennengelernt?

Ströbele: Ja, 1999 – da war er in der Opposition – mit Kollegen aus dem Bundestag. Die Sandinisten hatten ja die erste Wahl nach der Machtübernahme verloren.

ZEIT: War Ortega da noch ein Guter?

Ströbele: Ortega beklagte sich bei uns, wie die Opposition von der rechten Regierung Arnoldo Alemán und der katholischen Kirche unterdrückt werde. Nach der nächsten Wahl schloss er ein Bündnis mit dem rechten Alemán und der Kirche, ein Arrangement, um den Machterhalt zu sichern: Mal kommst du dran, mal komme ich dran. Schon da hat er Grundsätze, für die die Sandinisten standen, aufgegeben. Viele begannen zu zweifeln, ich auch. Aber wir dachten: Na ja, der muss das machen, sonst kriegt der kein Bein auf den Boden. Seitdem blieb er an der Macht. Die Zweifel wurden immer größer, und irgendwann war klar, dass die Entwicklung schlimm war.