Martenstein, interessant, ich lese ja seine Kolumne immer als Erstes, lasse also das Magazin aus der ZEIT herausrutschen, um mich seinem Text zu widmen. Dann erst entfalte ich das Blatt zu seiner vollen Größe.

Das hat zwei Gründe. Der erste ist, dass wir (also er und ich) seit Jahrzehnten beruflich insofern verbunden sind, als wir auf ganz unterschiedliche Weise das Gleiche tun, nämlich Woche für Woche für Woche für Woche ... (also jedenfalls: alle sieben Tage) eine Magazinseite mit einer Kolumne zu füllen. Da interessiert man sich für die Arbeit des anderen. Das ist wohl so, wie zwei Nachbarn immer wieder mal unauffällig in den Garten des jeweils anderen hinüberlinsen und in sich hineinmurmeln: Da schau her, sein Salat ist noch mehr von Schnecken zerfressen als meiner. Und was macht er bloß mit dem Kohlrabi, dass er solche Prachtexemplare heranzüchtet – andererseits: Wer isst schon Kohlrabi, und dann noch so viel?!

Zweitens aber, und nun kommen wir zur Sache, gefällt mir sein, wie soll ich sagen?, beinharter Individualismus, das Beharren darauf, dass eine Kolumne nur dann einen Sinn hat, wenn darin ein Ich die Zeit, in der es lebt, kontinuierlich reflektiert und also in den Texten, die entstehen, einerseits das Ich sichtbar wird, das sie verfasst, dann aber auch – in den Reaktionen der Leser darauf – die Welt.

Was dieser Autor auslöst, ist gewaltig. Es gibt eine Menge Leute, die, was auch immer er schreibt, großartig finden, und es existieren mindestens genauso viele, die ihn geradezu verachten und ihm mit manchmal schwer nachvollziehbarer Aggression begegnen. Der Journalist Stefan Niggemeier hat über ihn geschrieben (wohl die bekannteste aller Schmähungen), er äußere sich "stellvertretend für die sich für schweigend haltende Mehrheit weißer, heterosexueller, alter Männer, die die Welt nicht mehr verstehen". Der grundlegende Irrtum in diesem Satz besteht darin, dass Harald Martenstein nicht "stellvertretend" schreibt, sondern ausschließlich für sich.

Genau das scheint schwer hinnehmbar zu sein: dass sich einer nicht kategorisieren, einordnen und dann bekämpfen lässt. Martensteins Kolumnen sind nicht apodiktisch, kämpferisch, pathetisch. In ihnen liest man sehr oft "Ich finde" oder "Ich bin der Meinung" oder "So sehe ich es", mit anderen Worten, hier stellt sich einer mit seiner Sicht der Dinge hin, bezweifelt dies und jenes, hält die Genderforschung für überschätzt und das eine oder andere Kirchentagsmotto für weltfremd – und begegnet dann einer Radikalität, die befremdlich ist: Manche fragen, schäumend vor Wut, wie lange die ZEIT dem Mann noch "Raum geben" will, manche nennen ihn "rechts" und Schlimmeres, manche zeigen ihn an, ja, sehr häufig will man einfach, dass er irgendwie verschwindet.

Ich verstehe das nicht, oder, nein, ich verstehe es doch, weil ebendiese Radikalisierung ein Zeichen unserer Zeit ist: der Versuch, in ungewissen und bedrohlichen Zeiten Sicherheit in einer Absolutheit des eigenen Standpunkts zu finden, die keinen Widerspruch duldet, also aufgibt, worum es doch im Wesentlichen geht: Freiheit. Es gehört zu Martensteins Verdiensten, das sichtbar zu machen und denen, die vor lauter Angst keine Freiheit mehr aushalten können, seinen Individualismus vor die Nase zu setzen. Seine Kolumne ist nicht nur wegen der Texte selbst ein großes Projekt, sondern eben auch wegen der Reaktionen darauf. Ein Gesamtkunstwerk.

Mit anderen Worten: Ich bin bisweilen nicht seiner Meinung, aber gerade deswegen finde ich ihn großartig. Ich bewundere die Lebendigkeit seines Stils, freue mich an seinem Mut, beneide ihn um gute Nerven und wünsche ihm – über den Zaun – alles Gute zum bevorstehenden 65. Geburtstag.