Ich war noch nicht lange in Deutschland, da hat ein afghanischer Bekannter, der schon länger hier lebt, mich auf den Weihnachtsmarkt mitgenommen. Er hatte erzählt: Es gibt dort viele Süßigkeiten, allerlei Spezialitäten und Spielzeug für die Kinder.

Ich fand die Atmosphäre dann wirklich zauberhaft und habe – obwohl ich Muslima bin – auch Glühwein getrunken. Er schmeckte völlig anders als alles, was ich je zuvor getrunken habe ... großartig! Den Becher habe ich mitgenommen und bis heute aufgehoben. Er zeigt das Rathaus, den Weihnachtsmann auf einem Schlitten und Gebäude der Stadt und steht für eine wunderbare Erfahrung: In meinem Land nämlich sitzen die Leute im Winter alle zu Hause. Hier in Deutschland aber, wo die Menschen eher zurückhaltend sind, kommen alle ausgerechnet in der kältesten Jahreszeit draußen zusammen.

Sahar Mohammad Reza, 31, 2014 aus Afghanistan gekommen, lebt in Hamburg.

Ola Suliman © Jewgeni Roppel für DIE ZEIT

Hätte ich mir nicht ganz schnell diesen Aktenordner gekauft, nachdem ich in Deutschland angekommen war – ich wäre längst verrückt geworden. Ich habe einen dicken genommen, mit Trennblättern, damit ich wirklich alle Papiere sortieren und abheften kann. Das ist nämlich das Erste, womit man hier fertigwerden muss: Papier.

Die Ausländerbehörde, die Krankenkasse, das Jugendamt, alle schreiben dir. Was sie bieten, ist oft super, zum Beispiel die Unterstützung für mein Kind. Aber wie sie das tun, darüber wundere ich mich immer noch. Dass so ein hoch entwickelter Staat alles auf Papier macht, das ist doch antiquiert! Allein mein Asylverfahren hat bestimmt schon vier Bäume das Leben gekostet. Und es ist noch nicht mal vorbei.

Ola Suliman, 31, 2017 aus Syrien gekommen, lebt in Leipzig.

Waseem Jawish © Jewgeni Roppel für DIE ZEIT

Es gibt ein Wort im Deutschen, das mir besonders gut gefällt. Es heißt "sicherheitshalber". Ich meine das ernst. Die Deutschen denken immer an die Zukunft. Das macht ihnen manches leider schwer, zum Beispiel das Kinderkriegen, denn die jungen Leute fragen sich schon vor der Geburt: Wo soll unser Kind schlafen? Auf welche Schule gehen? Was wird das alles kosten?

Aber dieses Denken schützt auch vor Gefahren. In Damaskus bin ich viel Inlineskates gefahren, Treppen runter, halbe Stunts – niemand trug einen Helm. Als ich in Deutschland wieder damit anfing, sah ich: Alle tragen Helme. Sicherheitshalber! Inliner, Skater, auch Radfahrer. Im Nachhinein habe ich mich über meinen Leichtsinn in Syrien erschrocken. Und habe mir bei Ikea einen Helm gekauft. Ich trage ihn sogar beim Radfahren. Wenn meine Freunde fragen: "Warum trägst du den?", dann frage ich zurück: "Warum tragt ihr keinen?"

Waseem Jawish, 24, 2015 aus Syrien gekommen, lebt in Hamburg.

Amir A. © Jewgeni Roppel für DIE ZEIT

Wenn meine syrischen Freunde manchmal scherzhaft sagen, ich sei "zu viel integriert", dann liegt das am Käsehobel in meiner Küche. Meine Freunde können es kaum fassen: "Ein Gerät, nur um Käse zu schneiden?!"

Es ist so: Bis heute vermisse ich das Essen meiner Heimat, die syrische Küche ist sehr vielfältig, eine richtig reiche Kultur. Was Käse angeht, scheint die deutsche Esskultur allerdings reicher zu sein.

In Syrien haben wir immer nur Käse gegessen, den meine Mutter selbst aus Schafsmilch zubereitet hat. In unserem Dorf aß niemand Kuhkäse oder Ziegenkäse. Der Schafskäse meiner Mutter war weiß und weich, solange wir ihn frisch aßen. Wenn wir ihn reifen ließen, wurde er etwas fester. Wir schnitten ihn mit dem Messer meist in flache Rechtecke.

In Deutschland habe ich anfangs bei einer deutschen Familie gewohnt. Dort gab es Kuhkäse, gelb und hart, oft drei unterschiedliche Sorten. Drei Arten Käse! Dieser Käse, egal welcher, hat mir am Anfang gar nicht geschmeckt – oder besser: Ich habe vermieden, ihn zu essen! Vor allem "Bergkäse" stinkt ja wie ein Bauernhof.

Mittlerweile, nach mehr als drei Jahren, ist die Sache anders. Fast täglich esse ich verschiedenste Arten Käse. Ich schneide ihn mit meinem Käsehobel auf unterschiedliche Sorten Brot. Ich reibe ihn über Nudeln. Sogar Soße aus Gorgonzola mit Blauschimmel koche ich.

Einmal, als ein syrischer Freund bei mir zu Besuch war, hat er diesen Gorgonzola im Kühlschrank gefunden und sofort weggeschmissen. Da habe ich mich totgelacht.

Amir A., 26, 2015 aus Syrien gekommen, lebt in Schleswig-Holstein.