Ein Mädchen, fünfzehn Jahre alt, ist tot, erstochen von ihrem Ex-Freund, einem Asylbewerber. Keine Strafe, wie drastisch auch immer, kann sie wieder lebendig machen, kann den Schmerz ihrer Angehörigen mildern.

Aber das ist auch nicht Zweck der Strafe. Sie soll, grob gesagt, zweierlei: den Täter davon abhalten, wieder gegen das Gesetz zu verstoßen. Und der Gesellschaft zeigen, dass der Rechtsstaat Unrecht nicht duldet.

Achteinhalb Jahre Jugendstrafe hat der Mörder der Schülerin von Kandel bekommen, anderthalb Jahre weniger, als die Staatsanwaltschaft beantragt hatte. Das hat Unverständnis und Unmut ausgelöst, auch fette Schlagzeilen. Warum das Gericht nicht die Höchststrafe verhängt hat, wird die Öffentlichkeit nicht erfahren, weil in Jugendsachen die Urteilsbegründung komplett unter Verschluss bleibt. So will es das Gesetz, das selbstredend auch für Asylbewerber gilt. Zur Befriedung aber trägt dieses Schweigen nicht bei.

Mehr noch als andere Institutionen ist die Justiz auf das Vertrauen der Bürger angewiesen. Es wird immer Schelte für "Schandurteile" geben, und natürlich darf das gesunde Volksempfinden, oder was der Boulevard dazu erklärt, nicht Richtschnur des Rechts sein. Eine Rechtsprechung aber, die allzu oft auf Unverständnis stößt, die den Einklang mit der Bevölkerung einbüßt, in deren Namen sie Recht spricht, droht an Legitimation zu verlieren.

Noch genießt die Justiz in Deutschland hohes Vertrauen. In vielen Fragen jedoch, die mit der Flüchtlingskrise zu tun haben, gibt es Anzeichen für eine Erosion. Manches fließt da zusammen, was juristisch nicht zusammengehört, wohl aber politisch: straffällige Migranten, die bleiben dürfen; Abschiebungen, die nicht durchgesetzt werden; Verwaltungsgerichte, die unter einer Asylklage-Flut an den Rand des Stillstands kommen; und, wie in Kandel, vermeintlich zu milde Urteile.

Das Beste am Rechtsstaat ist seine Fähigkeit, Fehler zu erkennen und abzustellen. Dazu gehört auch, besser zu kommunizieren. Wenigstens im Kern zu erklären, warum Entscheidungen fallen – auch in Fällen wie dem in Kandel. Justitia ist blind. Aber nicht stumm.