Bei Missbrauchsskandalen ist die evangelische Kirche fein raus. Durch die schiere Masse der Fälle in der katholischen Weltkirche hat sich in der öffentlichen Wahrnehmung das Vorurteil verfestigt, Missbrauch sei eine rein katholische Angelegenheit. Und liegt all das nicht sowieso am Zölibat?

Bei manchen Protestanten führt dieses Vorurteil groteskerweise sogar zu Hochmut. So war nach den jüngsten Missbrauchsskandalen in den USA, Chile und Australien in den sozialen Netzwerken vermehrt von Protestanten zu lesen, sogar von Wissenschaftlern und Pfarrern, dass die Katholiken das jetzt langsam gefälligst in den Griff kriegen müssten! Da ist man – bei aller Ökumene – dann doch ganz froh, dass es dank Kirchenspaltung die anderen gibt und bei denen alles viel schlimmer ist. Ganz abgesehen davon, dass Überheblichkeit den vorgeblich so bescheidenen Protestanten nicht gut zu Gesicht steht, ein klassischer Fall von: den Balken im eigenen Auge wegen des Splitters im Auge des anderen nicht sehen wollen (Matthäus 7,4).

Demut ist zudem geboten, weil die Zahlen nun gar nicht so eindeutig allein die katholische Kirche belasten, wie man erwarten mag: Ein Drittel aller Fälle, die der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs gemeldet werden, finden in evangelischen Zusammenhängen statt.

Das jüngste Beispiel: Brutale Schläge, Psychoterror, sexuelle Übergriffe – Straftaten wie diese waren in drei Kinderheimen der Evangelischen Brüdergemeinde in Korntal bei Stuttgart und Wilhelmsdorf bei Ravensburg bis in die 1980er-Jahre Alltag. Ein langjähriger Hausmeister hat mindestens dreißig Kinder zu sexuellen Handlungen gezwungen, stellt der Abschlussbericht der unabhängigen Untersuchungskommission fest, der im Juni dieses Jahres veröffentlicht wurde.

Keine Frage, was im US-Bundesstaat Pennsylvania ans Tageslicht befördert wurde, ist schockierend: 300 Priester der katholischen Kirche in Harrisburg missbrauchten über 1000 Kinder. Das Leid der Opfer auf evangelischer Seite aber wird nicht gemildert dadurch, dass es katholischerseits schlimmer ist, dass auch anderswo nicht inständig aufgearbeitet, vorgesorgt und um Vergebung gebeten wird.

Denn in Sachen Aufklärung sieht es in der evangelischen Kirche nicht unbedingt besser, sondern nur anders aus. Die Kirchen sind verschieden gewachsen, und so sind auch die Beharrungskräfte der Institutionen unterschiedlich. Verschwiegen und verschleppt werden die Fälle überall gleichermaßen – mal aus mangelndem Willen zur Aufklärung, mal aus Täterschutz, mal aufgrund systematischen Dilettantismus.

Keine Frage: Die evangelischen Landeskirchen, allen voran die Nordkirche, arbeiten dem seit Jahren entgegen. Es wurden Gesetze und Richtlinien erlassen, Kontaktstellen für Opfer wurden eingerichtet. Die Systematik des Problems aber wurde noch immer nicht anerkannt und angegangen, beklagt etwa Betroffenenvertreterin Kerstin Claus, die selbst von ihrem Jugendpfarrer in Bayern nach der Konfirmation über Jahre hinweg missbraucht wurde. Bis heute, beklagt sie, wurde etwa keine zentrale Kontaktstelle für Opfer auf Ebene der EKD eingerichtet. Wer Hilfe sucht, muss sich durch den bundesprotestantischen Föderalismus kämpfen und die zuständige Stelle in einer langen Liste finden. Ein weiteres Problem der evangelischen Kirche ist es laut Kerstin Claus, dass die Kirche jeden Fall als Einzelfall behandele und somit keine Vernetzung von Betroffenen möglich sei.

"Die evangelische Kirche unterstützt die von sexualisierter Gewalt Betroffenen und tritt nachdrücklich für Aufarbeitung und Prävention derartiger Übergriffe in ihren Einrichtungen ein", steht in einem Beschluss der Kirchenkonferenz von 2012. Doch der Nachdruck verliert sich durch die vielen Ebenen und Zuständigkeiten. "Die EKD hat keine Aufsichts- und Durchgriffsrechte", heißt es in einer jüngeren Vereinbarung von 2016 zur Umsetzung der Empfehlungen des Runden Tisches Sexueller Kindesmissbrauch. Kurz: Die evangelischen Kirchen stehen sich selbst und damit der Aufklärung im Weg. Es wäre Zeit, mehr aus Sicht der Opfer zu handeln, als mit Rücksicht auf Organigramme zu verfahren (die in anderen Zusammenhängen ihren Sinn haben).

Man muss, nach allem, was in den vergangenen Jahren öffentlich geworden ist, davon ausgehen, dass, wo Zuwendung organisiert wird, auch Übergriffe ermöglicht werden. Denn nicht der Zölibat macht den Übergriff möglich – auch wenn er seinen Teil dazu beitragen mag –, sondern der Machtmissbrauch im Vertrauensverhältnis. Konfirmanden- und Firmunterricht sollte schlicht nicht mehr stattfinden ohne Schutzkonzept, Prävention und entsprechende Fortbildungen.

Menschen sind aus der evangelischen Kirche ausgetreten, weil der katholische Bischof Tebartz-van Elst einen Koiteich in seine Limburger Residenz hat bauen lassen. Ökumene endet nicht bei schlechten Nachrichten. Die beiden großen Kirchen werden längst als eine Kirche wahrgenommen. Doch da die öffentliche Wahrnehmung eh im Eimer ist, versuchen wir es mit einem theologischen Argument: Es gibt nur eine Kirche – die Kirche Jesu Christi. Mag mancher noch so prominente Katholik behaupten, die evangelische sei nur eine "kirchenähnliche Gemeinschaft", zumindest Protestanten werden das – solange es nicht um Missbrauch geht – wohl kaum gelten lassen. Warum also nicht ein gemeinsames Schuldbekenntnis verabschieden, gemeinsam eine unabhängige Anlaufstelle für Opfer einrichten? Warum nicht in der Ökumene vorankommen?

Oder wie es die Franziskanerschwester Julia Walsh in einem Blog-Beitrag in Bezug auf den massenhaften Missbrauch in Pennsylvania geschrieben hat: "Ich kann mich nicht scheiden von dem Leib, zu dem ich gehöre. Und ich weiß auch, dass dieser Leib nicht wieder heilen oder erstarken kann, ohne das klitzekleine Ich, das ein Teil dessen ist."

Die eine Kirche hat ein Missbrauchsproblem, das nur die eine Kirche lösen kann.