Laura Perez ist die erste Frau, die sich in einem Schweizer Kernkraftwerk zur Pikettingenieurin ausbilden lässt. Sie ist überzeugt, ihre Branche hat eine große Zukunft vor sich.

Kaum ist die Türe ins Schloss gefallen, klingelt im Kommandoraum des Kernkraftwerks das Telefon. Die Wache. Sofort müssen Fotograf und Reporter den eben betretenen Saal wieder verlassen. Ein Fehler beim Registrieren. Diskussion zwecklos, Fehler werden keine toleriert, die Wächter tragen geladene Pistolen. Die Schaltzentrale des KKWs Gösgen im solothurnischen Dorf Däniken betritt nur, wer das wirklich darf.

Hier, in dem futuristisch anmutenden, vierzig Jahre alten Saal arbeitet Laura Perez, 26. Als erste Frau der Schweiz lässt sich die Bündnerin zur Pikettingenieurin ausbilden. Nach rund neun Jahren soll sie die Anlage in- und auswendig kennen, damit sie im Fall einer Störung oder eines Notfalls den nötigen Einsatz leiten kann.

131 neue Kernkraftwerke weltweit

Ihre Berufswahl birgt Risiken. Was die ETH-Absolventin lernt, kann sie einzig in Gösgen anwenden, da jedes KKW leicht anders funktioniert. Als Sackgasse sehen manche die Branche. Nach der Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima im März 2011 beschloss die deutsche Regierung den Ausstieg aus der zivilen Kernkraft. Die Schweiz will die KKWs zwar am Netz belassen, aber keine neuen mehr anschließen. "Wir werden bei der Kernenergie bleiben", behauptet Laura Perez. "In vielen Ländern entstehen derzeit neue Anlagen." Geplant sind weltweit 131 neue Kernkraftwerke, im Bau befinden sich 57. Allein China will 40 neue KKWs ans Netz bringen.

Laura Perez redet über den heißen Sommer. "Unser dringendstes Problem ist der Klimawandel", sagt sie. "Die durchschnittliche Temperatur darf bis 2050 nicht um mehr als zwei Grad ansteigen." Das gehe durch eine Reduktion des CO₂-Ausstoßes, also weniger Verbrennung von Kohle und Erdöl. Als Alternative sieht sie die Kernkraft. "Greenpeace müsste sich für die Kernkraft starkmachen", sagt sie. "Wir sind fast CO₂-frei." Lastwagen karren die Brennelemente nach Däniken. Sie fährt im Auto zur Arbeit. Beim Uranabbau gibt es Emissionen. "Aber sonst sind wir sauber."

Das Problem mit der Registrierung ist gelöst, der fensterlose Kommandoraum zugänglich. Laura Perez trägt Sicherheitsschuhe und ihre Arbeitsuniform: bordeauxrotes T-Shirt, graue Hose, bordeauxrot-graue Weste, worauf ihr Name prangt. Das Haar hat sie zum Zopf geflochten. Im weichen Bündner Dialekt erklärt sie die blinkenden Lämpchen und analogen Anzeigen. Die Kühltemperatur geben sie wieder, den primären und sekundären Druck, die Leistung des Generators. Erdbebensichere Bildschirme zeigen die Reaktorleistung an.

Rund um die Uhr ist der Kommandoraum besetzt, auch an Weihnachten und während des Finales der Fußballweltmeisterschaft. Leise rieselt Pop aus Lautsprechern. Sonst lenkt nichts von den Lämpchen ab. Eine "große Monotonie-Resistenz" müsse mitbringen, wer hier arbeite, sagt der diensthabende Schichtchef, der uns auf dem Rundgang begleitet. Acht Stunden lang könne nichts passieren – und doch müsse man stets bereit sein, kleinste Abweichungen zu bemerken.

Es gab Diskussionen, bevor Perez anfing. Ob es Frauen brauche in einer der letzten Männerbastionen der Schweizer Arbeitswelt. Auf der Schicht bringe eine Frau Unglück, hieß es in den Pionierjahren der Kernkraft, ähnlich wie Matrosen sich das auf Schiffen einreden und Mineure im Tunnelbau. Die lange Ausbildung zur Pikettingenieurin sei nicht mit einer Familie vereinbar. Bis ins Jahr 2000 war Schweizerinnen die Nachtarbeit untersagt.

30 Frauen unter 600 Studierenden

Für sie sei es einfacher als für die Männer, sagt Perez. "An der ETH war es normal, eine Frau unter vielen Männern zu sein." Offenen Widerstand erlebe sie in Gösgen nicht, zuweilen subtilen. Einige nörgelten, als ein Männer-WC in eine Frauen-Garderobe umgebaut wurde. Bei ihrer ersten Reaktorrevision fiel ein Werkzeug zu Boden. "Frauen beim Reaktor bringen Unglück", fuhr sie einer an.

Laura Perez wuchs im bündnerischen Bonaduz auf, wo Vorder- und Hinterrhein zusammenfließen. Der Großvater, ein Bauzeichner, wanderte aus Spanien in die Schweiz ein. Ihr Vater ist Bauingenieur, die Mutter studierte Architektur. Nach der Matura in Chur – Schwerpunkt: Chemie, Physik, Mathematik – schrieb sie sich an der ETH Zürich für Maschinenbau ein. Unter den 600 Studierenden ihres Jahrgangs waren 30 Frauen. In Gruppenarbeiten war sie meist die einzige Frau. "Da musst du dich halt durchsetzen."

Gezielt fördert die ETH Frauen, um den Fachkräftemangel in technischen Berufen zu lindern. Perez nutzte die Angebote kaum. "Meinen Weg will ich schon allein finden." Allzu schwierig sei es nicht, in der Schweiz Ingenieurin zu werden. "Nimm dir, was du möchtest, warte nicht, bis dich jemand fördert", rät sie. Sie schrieb für die Studentenzeitung, ihr Chefredaktor empfahl ihr den Schnuppertag in Kerntechnik an der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) in Lausanne. Die Experimente und Reaktor-Typen begeisterten sie, sie hatte ihr Master-Studium gefunden. "Mir war klar: Das ist cool."