DIE ZEIT: Frau Viernickel, Sie sind Professorin für frühkindliche Pädagogik in Leipzig. In Ihrem Landkreis ist eine Erzieherin für 6,6 Unter-Dreijährige verantwortlich. Können Eltern ihr Kind dort guten Gewissens in die Kita geben?

Susanne Viernickel: Es gibt durchaus Einrichtungen, die mit einem schlechten Personalschlüssel gute Arbeit leisten. Aber die Teams haben es wirklich schwer unter solchen Bedingungen. Sie sollen ja nicht nur am Fließband wickeln und die wichtigsten Grundbedürfnisse erfüllen, Kitas sollen Bildungseinrichtungen sein. Bei den jungen Kindern ist das Risiko, übersehen oder nicht genug gefördert und abgehängt zu werden, besonders hoch. Ich finde so einen Betreuungsschlüssel wirklich kritisch.

ZEIT: Die Kluft zwischen Ost- und Westdeutschland ist immens, das zeigt der aktuelle Ländermonitor frühkindliche Bildung der Bertelsmann-Stiftung.

Viernickel: Immerhin sieht man auch, dass sich die Strukturen der Kita-Qualität tendenziell verbessern, wenn auch langsam.

ZEIT: Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist: In Ostdeutschland liegt das Verhältnis von Kind zu Betreuerin im Krippenbereich bei 1 zu 6, im Westen bei 1 zu 3,6. Wird das "Gute-Kita-Gesetz" der Familienministerin für mehr Gerechtigkeit sorgen?

Viernickel: So wie es jetzt angelegt ist, nicht. Das Gesetz wäre die Möglichkeit gewesen, die Länder sanft mit Geld zu einer Angleichung zu bewegen. Stattdessen sind die Eckpunkte so vage formuliert, dass das Geld weitgehend unkontrolliert fließen wird. Die Situation in den Ländern könnte dadurch sogar noch heterogener werden als bisher. Etwa wenn Bundesländer lieber in Beitragsfreiheit als ins Personal investieren, um sich damit zu brüsten.

ZEIT: Sind Sie grundsätzlich gegen kostenlose Kitas?

Viernickel: Nein. Deutschland hätte genug Geld, um die Betreuung beitragsfrei zu gestalten. Da das Bildungsangebot in Kitas allen Familien zugutekommen soll, fänd ich das sogar gut. Ich würde die Beitragsfreiheit aber immer nachrangig behandeln, solange die Qualität der Betreuung nicht stimmt. Gewinner sind sonst eindeutig nicht die Kinder. Das ist frustrierend! Wenn bei dem "Gute-Kita-Gesetz" nicht nachgebessert wird, verspielen wir eine historische Chance, für mehr Gerechtigkeit und bessere Bildung bei den Jüngsten zu sorgen.

ZEIT: Selbst wenn Kitas die Mittel für mehr Personal hätten, müssten sie erst mal Erzieherinnen finden. Dem nationalen Bildungsbericht zufolge fehlen bis zum Jahr 2025 mehr als 300.000 Fachkräfte in Deutschland.

Viernickel: Auf die Ausbildung von Nachwuchs haben die Bundesländer auch sehr unterschiedlich gut geachtet, da ist viel versäumt worden.

ZEIT: Haben Sie ein Beispiel?

Viernickel: Bis zum Jahr 2017 war ich Professorin an der Alice Salomon Hochschule in Berlin. Wir hatten jedes Jahr vier- bis fünfmal so viele Bewerber wie Plätze und haben uns schon seit Jahren für mehr Studienplätze eingesetzt. Unsere Anträge wurden vom Senat aber immer abgelehnt. Jetzt plötzlich sollen meine Kollegen von heute auf morgen doppelt so viele Studenten aufnehmen. Natürlich sind Studienplätze kein Allheilmittel, aber für mich scheint dieser Vorgang symbolhaft dafür zu sein, dass an anderen Stellen wahrscheinlich ähnlich etwas schiefgelaufen ist. Auch deshalb haben wir jetzt viel zu wenig Erzieherinnen.

ZEIT: Was halten Sie davon, dass nun verstärkt Quereinsteiger angeworben werden? Können die für mehr Qualität sorgen?

Viernickel: Ich bin nicht der Meinung, dass in einer Kita nur ausgebildete Erzieherinnen arbeiten dürfen. Es gibt aus anderen Ländern durchaus Beispiele, wo es gut funktioniert, wenn hoch qualifizierte Pädagogen Hilfskräfte anleiten. Mit klugen Konzepten, in die man investieren müsste, können Fachfremde eine Bereicherung sein. Aber sie können ganz sicher nicht von heute auf morgen die Verantwortung für eine ganze Kindergruppe übernehmen.

ZEIT: Für Eltern von Kleinkindern sind diese Nachrichten mitunter ziemlich beängstigend. Woran können sie eine gute Kita erkennen?

Viernickel: Mütter und Väter können schauen: Wie sehen die Räume aus? Welche Materialien gibt es zum Spielen? Treffen sie den Nerv der Kinder? Gibt es Rückzugsmöglichkeiten? Werden die Kinder respektvoll behandelt, oder müssen sie funktionieren? Ist die Atmosphäre fröhlich? Tatsächlich ist die Qualifikation des Personals entscheidend. Gute Erzieherinnen wissen genau, was sie tun, sie achten auf die Kinder, unterstützen sie, lassen ihnen dabei aber größtmögliche Freiheit beim Entdecken. Das ist die beste Art zu lernen.