Bei Menschen, die viel sprechen, verraten manchmal die Momente am meisten, in denen sie schweigen. Am vergangenen Sonntagabend sitzt Michael Kretschmer in seinem Dienstwagen, mit bis zu 200 km/h rauscht der schwarze BMW über die Autobahn von Leipzig nach Berlin. Kretschmer sitzt auf der Rückbank, hinter getönten Scheiben, seine Finger tippen auf der Mittelkonsole.

Die Frage war: Haben Sie Angst vor dem, was kommt?

Stille.

Ein Blick aus dem Fenster. Kein Wort. Die Ruhe in einem schallisolierten Wagen kann bedrückend sein.

Michael Kretschmer ist seit Weihnachten 2017 Ministerpräsident des Freistaats Sachsen, und er steckt mitten in seiner größten Krise. Nun fährt er durch sein Land mit einer Mission, um die er nicht zu beneiden ist; einer Mission, von der manche sagen: Sie ist gar nicht zu bewältigen.

Noch 165 Kilometer, sagt das Navigationsgerät, vorn im Blickfeld seines Fahrers.

Noch exakt ein Jahr, sagt der Kalender, den Michael Kretschmer immer im Kopf hat.

165 Kilometer, das ist das kurzfristige Ziel, Kretschmer ist an diesem Abend in Anne Wills Talkshow eingeladen, wo er sich rechtfertigen soll – für das, was in Sachsen passiert ist in den vergangenen ein, zwei Wochen.

365 Tage, das ist das langfristige, das eigentliche Ziel: Am 1. September 2019 wird Sachsen einen neuen Landtag wählen. Ausgerechnet jetzt, da nur noch 364 Tage Zeit sind, die Stimmung zu drehen, klebt an Kretschmer das größte denkbare Problem: Er wird, stellvertretend für ein ganzes Bundesland, in Haftung genommen für das, was in Sachsen gerade geschieht, in Chemnitz. In jener Stadt, in der erst ein Deutscher ums Leben kam, weil mutmaßlich mehrere Asylbewerber die Messer zückten. In der daraufhin Tausende Bürger auf die Straße gingen, unter ihnen viele Neonazis, Hitlergrüßer, Parolenbrüller. Kretschmers Regierung erweckte zeitweise den Eindruck, nicht Herr der Lage zu sein. Der Spiegel hat seine aktuelle Titelseite schlicht mit dem Wort "Sachsen" aufgemacht, der zweite Teil des Wortes in Fraktur.

Der Ruf des Landes, und damit seiner Regierung, ist im Keller, nein: tief unterirdisch. Da, wo kein Licht mehr hinscheint.

Wie will Michael Kretschmer aus diesem Desaster wieder herauskommen? Gar eine Wahl gewinnen im nächsten Jahr?

Das muss er erklären, aber jetzt fragt man ihn, in seinem Wagen, erst einmal, ob es ihn belastet, dass so viele Erwartungen auf ihm lasten. Und er knurrt: Ach. "Die Leute können erzählen, was sie möchten. Die, die so weit weg sind, können mir ohnehin nicht helfen, dieses Land regierungsfähig zu halten."

Ist es schon so weit? Dass der Ministerpräsident in einem Bundesland, dem es eigentlich gut geht, davon spricht, dass sein Land bald unregierbar sein könnte?

Ja, so ernst ist es. Vielleicht muss man das wissen, um zu verstehen, wieso Kretschmer in diesen Tagen aussieht, wie er aussieht: abgekämpft. Blass. Tiefe Augenringe, belegte Stimme. Er spürt eine riesige Last. Denn da ist nicht nur Chemnitz; eine Stadt in Aufruhr. Da sind auch die Umfragen: Sie legen nahe, dass 2019 die AfD gewinnen könnte. Dass eine Regierungsbildung unter Auslassung der AfD fast ein Ding der Unmöglichkeit werden könnte. Wird Kretschmer der erste Regierungschef in Deutschland sein, den diese Partei besiegt?

Noch 140 Kilometer bis Anne Will.

Kretschmer sagt auf dieser Fahrt oft kurze Sätze, die er dann so stehen lässt. Manche klingen eigenartig. Wie Beschwörungen. Sätze wie: Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Oder: Nützt ja alles nichts. Jetzt sagt er: "Die Lage ist verfahren."

Ja, er ist nervös vor dem Auftritt bei Anne Will. Er mag solche Formate nicht. "Aber wenn man jetzt nicht da ist, wird nur über uns gesprochen." Uns, das meint in dem Fall: die Sachsen. Er sieht sich als ihr Anwalt.