Als der Erzbischof von Sydney das verbrecherische Schweigen seiner Kirche erklären musste, entschied er sich schließlich doch für die Wahrheit. Keine Ausflüchte, keine Beschönigungen, keine Entschuldigungen mehr. Anthony Fisher legte eine Beichte ab. Über das Vertuschen sexueller Gewalt, das auch in australischen Bistümern jahrzehntelang üblich gewesen war, sagte der Erzbischof: "Kein Mitleid" habe seine Kirche mit den Opfern von Priestern gehabt, "denn wir wollten keinen Skandal. Wir wollten den Leuten keinen Grund geben, schlecht vom Klerus, von den Bischöfen, von der ganzen Institution zu denken." Der Missbrauch sei ihnen ins Auge gestochen. "Aber wir wollten ihn nicht sehen."

Fisher war einer von fünf australischen Erzbischöfen, die gemeinsam vor der Royal Commission zur Aufklärung von Kindesmissbrauch in Australien aussagen mussten. Das Ziel der Kommission: Nicht nur Täter zu ermitteln, sondern auch die Macht der Vertuscher zu brechen – in Schulen, Sportclubs, Internaten ebenso wie in Kirchen, Ordensgemeinschaften und bei den Zeugen Jehovas. Zehntausende Fälle wurden geprüft, über 15.000 Zeugen befragt, davon mehr als 8000 mutmaßliche Opfer. Über fünf Jahre hinweg fanden 57 öffentliche Anhörungen statt.

Das Ergebnis war bitter für das ganze Land: 2559 Anzeigen bei der Polizei und 230 Anklageerhebungen allein während des Ermittlungszeitraumes, dazu die immense Zahl von 60.000 Opfern, die Anspruch auf Entschädigung haben könnten. Der Premierminister sprach von einer "nationalen Tragödie". Tragischer nur als für die Nation ist das Ganze aber für die katholische Kirche. Hier sollen die meisten sexuellen Übergriffe auf Kinder stattgefunden haben. Der Royal Commission zufolge betrafen gut 36 Prozent der Berichte die Kirche: "Wir haben 2489 Opfer von Kindesmissbrauch in katholischen Einrichtungen gehört, das waren fast zwei Drittel der Opfer aus dem religiösen Bereich und mehr als ein Drittel aller von uns befragten Opfer."

Die katholische Kirche Australiens hat darauf in der einzigen Weise reagiert, die jetzt noch hilft: mit dem Eingeständnis ihrer Schuld. Erst sagten hochtrangige Bischöfe wie Anthony Fisher zugunsten der Opfer aus. Dann stellten sie sich den Opfern selbst. Erzbischof Denis Hart beispielsweise traf sich mit der 92-jährigen Eileen Piper aus Melbourne, deren Tochter Stephanie sich 1994 als junge Frau das Leben genommen hatte. Stephanie war bereits als Teenager in den Siebzigerjahren von ihrem Gemeindepfarrer missbraucht worden. Als sie sich fast zwanzig Jahre später offenbarte, wies die Kirche sie als Lügnerin zurück. Der Priester wurde schließlich doch noch wegen Missbrauchs zweier Mädchen inhaftiert, die mit Stephanie befreundet gewesen waren. Deren Selbstmord aber blieb, als Folge einer Vertuschung, ungesühnt.

Brisant ist, dass Australiens Kirche solche Schuld nun bekennt. Hier geht es ja nicht mehr nur um "Einzeltäter", sondern um systematische Verbrechen der Kirche. Bereits im Dezember 2017 hatte die australische Bischofskonferenz den Abschlussbericht der Royal Commission widerspruchslos akzeptiert. Außerdem kündigte sie Entschädigungszahlungen in Milliardenhöhe an, bis zu 150.000 Dollar pro survivor (als Überlebende bezeichnen sich Missbrauchsopfer im angelsächsischen Sprachraum selbst). Nur eine Sache überprüften die Bischöfe, nämlich die Empfehlungen der Kommission, wie Kindesmissbrauch künftig zu verhindern und zu ahnden sei. Über vierhundert Punkte auf über hundert Seiten hatte die Kommission aufgelistet, mehrere Dutzend davon betrafen die Kirche direkt. Am vergangenen Freitag endlich erklärte die Bischofskonferenz: Ja, wir akzeptieren, wir unterstützen alle Empfehlungen! Mehr noch: Wir geben sie an den Heiligen Stuhl in Rom weiter! Alle, bis auf eine.

Leider geht es in den australischen Medien seither hauptsächlich um diese Ausnahme – das Beichtgeheimnis. Die Bischöfe sind nämlich nicht bereit, es zu brechen, genauer gesagt, seinen Bruch durch den Beichtvater zu verordnen, für den Fall, dass ein Missbrauchstäter seine Taten gesteht. Ganz Australien ist deswegen nun empört. Das ist schade.

Denn so geht das Wegweisende der Entscheidung, geht die epochemachende Bedeutung all der anderen Punkte unter. Die Bischofskonferenz unterstützt ja mehrere Vorschläge zur Änderung des Kirchenrechts, so soll beispielsweise im Codex Iuris Canonici der sexuelle Missbrauch künftig nicht mehr als "moralische Verfehlung", sondern als "Verbrechen" gelten. Die Bischofskonferenz empfiehlt dem Heiligen Stuhl darüber hinaus, den Pflichtzölibat abzuschaffen und durch einen freiwilligen Zölibat zu ersetzen. Sie empfiehlt eine verschärfte Anzeigepflicht bei Missbrauch sowohl von Minderjährigen wie von Erwachsenen. Sie empfiehlt außerdem eine Strafverfolgung bei Vertuschung, auch wenn diese hohe Kleriker betrifft. Kurz: Sie will grundstürzende Änderungen im Umgang mit einem Delikt, dessen Nichtahndung durch die Kirche sich jetzt zur weltweiten Krise ausgewachsen hat.

Man könnte auch sagen: Australiens Bischöfe sind Avantgarde in Sachen Reue, Sühne und Prävention. Wenn sie sich durchsetzen würden, wäre das der Beginn einer neuen Kirchenpolitik. Sie könnte jahrhundertealte klerikale Schweigekartelle sprengen und eine falsche Priorität umkehren in die einzig richtige: Opferschutz vor Täterschutz. Während sich jetzt in den USA, nach dem Missbrauchsbericht der Grand Jury von Pennsylvania, die katholischen Bischöfe darüber streiten, ob ihr Chef, Papst Franziskus, der oberste Vertuscher und somit der Hauptschuldige sei, ziehen ihre australischen Amtsbrüder die Konsequenz aus ihren Fehlern der Vergangenheit. Sie bekennen sich zu ihrer Schuld und treiben, indem sie die radikalen Vorschläge der Royal Commission akzeptieren, den Vatikan vor sich her.