Wenn angesichts dieses Buches die Rede umgeht vom sogenannten Roman der Stunde, dann ist das bereits gelogen. Denn keine einzelne Stunde, kein Tag, überhaupt keine Zeitspanne der Gegenwart erklärt, was im Laufe der letzten Woche in Chemnitz geschah. Die Gewalt, die Verachtung für Flüchtlinge, Journalisten und Polizei, die deutschen Grüße, die da zu sehen waren, das alles wurzelt tief in der Vergangenheit.

Wie tief genau? Bis ins Jahr 2000 zurück zumindest führt uns Lukas Rietzschels Debütroman Mit der Faust in die Welt schlagen, dem die Nachrichtenlage nun viel Aufmerksamkeit verschafft. Der 1994 geborene, im Osten Sachsens aufgewachsene Autor erzählt von zwei Brüdern, die im Osten von Sachsen aufwachsen. Ihre Eltern sind Arbeiter, im Dorf passiert nichts mehr. Das Schamottenwerk hat schon vor Jahren zugemacht, der Schornstein bröselt vor sich hin. Einmal im Jahr ist Rummel. Dann "trafen sich die Männer zum Prügeln im Schatten des ausgeschalteten Kettenkarussells". Alles um die beiden Brüder herum verfällt oder wird abgewickelt; auch die Eltern trennen sich schließlich. Wer es gar nicht mehr aushält, ertränkt sich in einem der künstlichen Seen, die das alte Bergbaugebiet durchziehen. So tut es Uwe, der für die Stasi spitzelte und dem die Frau weglief in den Westen; der sich jeden Tag betrinkt und eine Regenjacke trägt mit Druckknöpfen, die er nie schließt. Und dann fährt der Wind hinein, und die Jacke bläst sich auf wie ein Segel. Dieses Bild von Uwe, dem Verlierer, bleibt den Brüdern im Kopf.

Der Ältere der beiden bewundert dagegen die Jungs, die morgens vor der Gesamtschule im VW sitzen und dem Verfall mit Brutalität trotzen. Er will zu ihnen gehören, und dass seine neuen Freunde Nazi-Rock hören, stört ihn nicht; vielleicht gefällt es ihm sogar. Einmal bewerfen sie nachts die Hausfassade einer türkischstämmigen Mitschülerin mit fauligem Schweinefleisch. Und dann kommen die Flüchtlinge. Von hier führt die Geschichte in die tagesaktuelle Gegenwart. Dazwischen stehen Erinnerungen an eine deutsche Kindheit, die gerade erst zu Ende ging. An Großvaters Insulin-Spritzen, die Fettflecken auf der Autoscheibe, an die man sich auf langen Fahrten mit der Stirn lehnte. Jungs, die stolz sind, dass ihre Hände rau werden und nicht mehr glatt sind wie die eines Kindes. Fast hilflos nehmen sich dagegen die Versuche aus, einen Zusammenhang zu stiften zwischen dieser Jugend und der politischen Großwetterlage. Allzu regelmäßig tauchen in Rietzschels Buch solche Verweise auf: Die Nachrichtensprecherin redet im Hintergrund vom Irak-Krieg, am Weltgeschehen völlig desinteressierte Jugendliche kritisieren plötzlich die Griechenland-Rettung.

Zur Literatur habe er gefunden, sagt Lukas Rietzschel, als er sechzehn war und Liebeskummer hatte. Im Internet suchte er nach Rat und fand ihn auf der Seite www.gutefrage.net: Man solle gegen Liebeskummer Anna Karenina lesen. Leider sagt Rietzschel nicht, ob das Buch ihm half. Hilft Literatur noch? Helfen vom Wind aufgeblähte Regenjacken und Erinnerungen ans Schamottenwerk? Helfen sie in dieser Stunde? 

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen. Roman; Ullstein Verlag, Berlin 2018; 320 S., 20,– €, als E-Book 16,99 €