Früher war weniger Moral. Nicht in dem Sinne, dass die Menschen zu anderen Zeiten unmoralischer gehandelt hätten, gemeint ist etwas anderes: Der Geltungsbereich des Moralischen, das also, was überhaupt einem moralischen Urteil und Disput unterworfen wird, scheint sich zuletzt rasant ausgedehnt zu haben. Essen, Trinken, Rauchen sowieso, das Verhältnis zwischen den – zwischen all den – Geschlechtern; wie man sich fortbewegt, was man sagt und wie man guckt – überall ein Du sollst, Du darfst nicht, Du musst.

Zehn Gebote? Tausende!

Deutschland insbesondere ist zurzeit ein moralisch aufgedunsenes Land. Mit gewaltigen moralischen Ansprüchen und gegenseitigen Vorwürfen werden öffentliche Debatten bestritten. Doch weil Moral eigentlich zu wertvoll ist, um damit so verschwenderisch umzugehen, sollen hier zwei Fragen beantwortet werden: Wie sind wir zu diesem Zuviel gekommen? Und was lässt sich dagegen tun?

Weil die Deutschen so moralisch sind?

Eine Ursache für die Übermacht des Moralischen in Deutschland kann von vornherein verworfen werden: Dieses Land ist keineswegs moralischer, gutwilliger, harmloser oder sonst was als vergleichbare Länder. Man denke nur daran, wie sich die meisten Deutschen nach einem Anflug von humanitärer Großherzigkeit seit zweieinhalb Jahren jeden Tag ein bisschen härter gegenüber Flüchtlingen verhalten. Dasselbe gilt für deutsche Waffenexporte und für die mit allem nationalen Egoismus seit Langem behauptete Exportweltmeisterschaft; noch mehr sticht ins Auge, wie die zwischenzeitliche Öko-Vormacht Deutschland sich verhält, wenn es um die engen Interessen der Automobilindustrie geht. Was immer da alles grüngeredet wird, die deutsche Realität des Jahres 2018 lautet: immer mehr neue Autos, immer mehr Flächenverbrauch, verfehlte Klimaziele.

Der ganze moralische Aufwand drängt also nicht zwingend zur Tat, oft müssen Worte genügen.

Sind die linken Akademiker schuld?

Etwas näher kommt man dem Phänomen der Übermoral schon mit einer anderen Begründung, die freilich aus den USA importiert wurde. Demnach wird der deutsche öffentliche Diskurs von den Universitäten und von links her moralisiert. Linke und Liberale hätten sich, so geht das Argument, von der klassischen Politik weitgehend verabschiedet, würden nur noch Identitätspolitik betreiben und von einem ethnisch oder geschlechtlich gesicherten, per definitionem durch keinerlei Urteil von außen angreifbaren Standpunkt aus den Rest der Gesellschaft moralisch unter Druck setzen. Ein falsches Wort – und schon ist die Hölle los.

Der öffentliche Diskurs entlockt dem Gewohnten den normativen Gehalt

Das mag in den USA sehr ausgeprägt sein, wo insbesondere die Elite-Unis ziemlich zugespitzte Sonderkulturen erzeugen, die dann massiv und provokativ in die Gesellschaft hineinstrahlen. Hierzulande gibt es keine Elite-Unis, und der Einfluss des akademischen Milieus auf den öffentlichen Diskurs ist überschaubar. Die berühmte dritte Toilette, die Pissoir gewordene Manifestation gendergerechter Moral, kommt in der Wirklichkeit kaum vor. Auch das Gendersternchen findet sich in keiner größeren deutschen Zeitung, tatsächlich verwenden Printmedien noch nicht einmal das Binnen-I der Neunzigerjahre. Und eine vegane Kochkolumne sucht man ebenfalls vergeblich. Aus linken Unis allein kann die Moralisierung der Republik also schwerlich kommen.

Die wahren Gründe sind größer, viel größer.

Der moralische Permafrost taut auf

In den fortgeschrittenen liberalen Gesellschaften darf heute jeder seine Ansprüche anmelden und abweichende moralische Auffassungen vorbringen, während das Internet und die sozialen Medien jeder und jedem die Mittel an die Hand geben, dies auch jederzeit zu tun. Kommunikativ war die Öffentlichkeit noch nie so egalitär wie heute. Allein damit ist schon mal mehr Moral im öffentlichen Raum. Doch liegt der eigentliche Effekt nicht darin, dass Menschen nun öffentlich Managern sagen können, Managergehälter seien obszön, den Rauchern, Rauchen sei asozial, ja nicht einmal darin, dass Männer sich für ihr verbliebenes Patriarchat entschuldigen müssen – der größte Effekt liegt vielmehr darin, dass die herrschenden Verhältnisse ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Viel fliegen, männliche und weiße Privilegien, Millionen Tiere täglich töten und essen, aber auch linkes Tabu-Management – das brauchte alles jahrzehntelang kaum begründet zu werden, es war eingehüllt in Selbstverständlichkeit, die moralischen Urteile mussten als solche gar nicht hervortreten. Normalität ersetzte weithin Normativität.

Nun jedoch, und jeden Tag mehr, entlockt der öffentliche Diskurs dem Gewohnten seinen normativen Gehalt. Wenn einer sagt, es ist nicht legitim, Tiere für den Geschmack zu töten, dann muss ausgesprochen werden, was ungesagt viel bekömmlicher war: Doch, es ist legitim, Tiere nur für den Geschmack zu töten; wenn einer sagt, es ist moralisch nicht vertretbar, dass Frauen auch nur einen Cent weniger verdienen als Männer, dann muss sehr aufwendig begründet werden, warum das etwas mit Leistung oder Natur zu tun hat. Mit anderen Worten: Auf breiter Front wird gewissermaßen der ethische Permafrost dieser Gesellschaft aufgetaut – was Normalität war, wird plötzlich Moral.

Das Paradies des Herrschenden ist das Selbstverständliche, darum wüten jetzt so viele dagegen an, darum hat sich publizistisch schon ein ganzer Geschäftszweig herausgebildet, der in Kolonnen von Kolumnen versucht, die alten Ansprüche gegen die neuen zu verteidigen. Was sich damit erreichen lässt, sind gelegentliche diskursive Geländegewinne, mal haben die Maskulinisten einen guten Tag, mal die Feministen, mal die Ökologinnen und mal die Klimawandelskeptiker. Was sich aber auf keinen Fall erreichen lässt, das ist die Rückkehr ins Paradies. Es wirkt so, als würde mit Ingrimm, ja mit Verzweiflung in vielen Debatten gewettert, etwa gegen #MeToo oder #MeTwo. Bloß: Man kann die Frauen und die Migranten kritisieren, verspotten oder auch anschreien, man wird aber nie mehr vergessen und aus der Welt bringen können, was sie gesagt haben.

Gehlens Hypermoral und die Fernstenliebe

Viele versuchen nun, die Ausdehnung moralischer Argumente mit einem Generalangriff auf das Moralische zu bekämpfen. An die Stelle der verlorenen Normalität tritt dabei der "Realismus". Doch kann das nicht funktionieren, weil auch die Verurteilung des Moralischen ein moralisches Argument darstellt und damit die Gesamtsumme der Moral weiter erhöht. Und weil den "Realismus" natürlich auch jeder für sich reklamieren kann. Auf dem Felde der Moral ist jeder ein König Midas, alles, was man berührt, wird unweigerlich zur Moral.

Nur noch Gesinnung

Diejenigen, die für eine Entmoralisierung kämpfen, berufen sich gern auf den Philosophen Arnold Gehlen, der Mitte der Sechzigerjahre das Wort "Hypermoral" populär gemacht hat. Er beklagte unter dem Eindruck der beginnenden Studentenrevolte und des Feminismus eine neue Übermacht der Moral. Aus jeder gesellschaftlichen Gruppe und von überall in der Welt gelangt die Kenntnis von Missständen in die deutsche Öffentlichkeit, Missstände, für die man sich in einem klassen- und grenzübergreifenden Akt der Fernstenliebe zu interessieren habe. Da dies aber den Menschen überfordere, werde eine Moral etabliert, die nur noch Gesinnung ist und der Tat nicht mehr bedürfe, das Urteil genüge sich selbst. Die Agenten dieser Hypermoral hat Gehlen auch sogleich identifiziert, und es lohnt sich, ihn wegen der offenkundigen Bezüge zur gegenwärtigen Lügenpresse-Debatte ausführlich zu zitieren: "Privilegierte Kreise (...), die die Folgen ihrer Agitation nicht zu verantworten haben, weil sie diese mangels Realitätskontakt gar nicht ermessen oder sich alles erlauben können. Das sind (...) Schriftsteller und Redakteure, die Theologen, Philosophen und Soziologen, also ideologisierende Gruppen, erhebliche Teile der Lehrerschaft und Studenten und schließlich die generellen Nutznießer der gesellschaftlichen Nachsicht: Künstler und Literaten."

Nun war Arnold Gehlen selbst sowohl Philosoph wie zeitweise auch genereller Nutznießer der Nazis, doch das allein widerlegt seine Grundidee ja noch nicht: Moralische Überforderung durch Fernstenliebe schafft eine Kaste von privilegierten Moralpriestern mit gesellschaftlicher Macht, aber ohne praktische Verantwortung. (Die dann von ebenso privilegierten Gegenpriestern ohne Verantwortung dafür kritisiert werden.)

Der ökologische Imperativ

So wie Gehlen argumentieren heute viele, die sich geistig rechts von Angela Merkel ansiedeln. Was Gehlen nicht wissen konnte, die heutigen Kritiker einer angeblichen Hypermoral jedoch wissen müssten: Das Maß der Nächsten- oder Fernstenliebe oder schlichter der Verantwortung kann nicht im moralischen Sättigungsgefühl einer Gesellschaft liegen. Vielmehr müssen Verantwortung und Moral einer Gesellschaft in etwa so weit reichen wie ihre materiellen Wirkungen. Der Name für diesen moralischen Tatbestand heißt: Ökologie. Wenn fast alles, was wir tun – was wir essen und trinken, wie wir uns fortbewegen und welche Produkte wir kaufen –, weltweit erhebliche Wirkung hat, dann schafft das eine moralische Verantwortung für die Folgen dieses Tuns.

Man kann den ökologischen Imperativ anerkennen oder ihn aggressiv verdrängen, zum Verschwinden bringt man ihn durch das Beschimpfen von Theologen oder Redakteuren nicht mehr. Überhaupt geht er durch reines Reden nicht weg.

Dennoch wird genau das immer öfter versucht. Kürzlich hat es der ehemalige Bürgermeister von Berlin-Neukölln geradezu paradigmatisch vorgeführt. In seiner Bild-Kolumne fragte Heinz Buschkowsky: "Bin ich ein KLIMAKILLER, wenn ich FLEISCH GRILLE?" (Großbuchstaben im Original.) Die sachlich schlichte Antwort darauf lautet: "Ja." (Wenngleich nicht so sehr, dass es sich nicht mit einer Woche Rad- statt Autofahren ausgleichen ließe.) Buschkowsky weiß das vermutlich, darum startet er den gehlenschen Angriff auf die "sich selbst so empfindenden Experten, die Autohasser, die Flugzeuggegner, die Sozialgerechten, die Weltbürger, die Allesversteher". Diese Sondermenschen wollen den Normalmenschen, wie Buschkowsky einer zu sein vorgibt, den Spaß am Grillen verderben.

Durch Ideologiekritik an Konservativen kein Problem gelöst

Das ist natürlich ein moralischer Hütchenspielertrick: Man nehme einen materiellen Tatbestand (Fleischkonsum, Flugzeuge, Autos schädigen das Klima), verwandle ihn in eine moralische Zumutung (Weltverbesserer wollen uns erziehen), weise diese empört zurück und bringe so den materiellen Tatbestand diskursiv zum Verschwinden.

Damit wird aber nicht nur die Erdatmosphäre aufgeheizt, sondern auch die ökologische Debatte moralisiert. Interessanter und entmoralisierender wäre die Antwort auf die Frage, was für eine Idee Buschkowsky hat, wie man weiterhin seine tägliche Fleischration essen kann, ohne dass sich die Erdatmosphäre um mehr als zwei Grad aufheizt.

Die gute alte Ideologiekritik

Desselben Verfahrens – nur mit akademischen Begriffen – bedient sich die in Deutschland beliebte Ideologiekritik. Dabei werden dann politisierte Radfahrer als Radikale entlarvt, Veganer als Missionare und Ökologen als Volkserzieher. Was sie auch alles sein mögen, aber entscheidend wäre doch die Frage, was sie ökologisch beitragen zu einer verträglichen Entwicklung der Umwelt – und was ihre Kritiker. Mit Ideologiekritik an Ökologen kriegt man kein Milligramm Nitrat aus dem Grundwasser, macht man keine Hummel wieder lebendig und lässt man keinen Regenwald wieder wachsen. Andersherum aber auch: Durch die Ideologiekritik an Konservativen wird kein einziges Problem mit Flucht und Migration gelöst.

Die Ideologiespiele aus dem vergangenen Jahrhundert haben ohnehin viel von ihrer Bedeutung eingebüßt. Es droht schließlich kein neuer Faschismus, die Rechten von heute kommen ohne eine zusammenhängende Ideologie aus; es droht auch keine Öko-Diktatur, jedenfalls nicht durch irgendwelche Öko-Ideologen, wenn, dann bildet sich Zug um Zug ein ökologischer Notstandsstaat heraus, weil die Folgen unseres heutigen Handelns nicht mehr anders zu bewältigen sind.

Im vergangenen Jahrhundert diente Ideologiekritik dazu, den Weg zur Wirklichkeit frei zu machen; heute wird sie überwiegend dazu benutzt, die Wirklichkeit auszublenden.

Mehr Luft und mehr Lässigkeit

Wie lässt sich nun der öffentliche Raum entmoralisieren, wie bekommt man wieder mehr Luft, gar neue Lässigkeit? Zunächst einmal, indem die unausweichlichen Katalysatoren von Moral – die Vertreibung aus dem Paradies der Selbstverständlichkeit und das ökologische Mandat – akzeptiert werden. Dagegen anzureden und loszuschimpfen verstärkt nur den Effekt. Zum Zweiten muss mehr über die Dinge geredet werden anstatt über ihre Luftspiegelungen in der Moralwüste, es muss einen Wettbewerb um Lösungen geben. Noch wichtiger ist jedoch etwas Drittes: die Rückverwandlung von Moral in Politik.

In den letzten Jahren ist die Kluft zwischen der Größe der realen Probleme – bei Digitalisierung, Migration, Klima und in vielen anderen Bereichen – und der Größe der Politik von Union und SPD immer tiefer geworden. Und in die Lücke strömen Moraldebatten. Insbesondere bei der Ökologie erhöht das Nicht- oder Fast-nicht-Handeln der großen Koalition den Druck auf den Konsumenten, den Autofahrer oder den Fluggast. Die Moralisierung des privaten Handelns ist ein direkter Reflex auf die Entpolitisierung der Politik. Um es klar zu sagen: Manches muss einfach verboten werden oder wenigstens gesetzgeberisch so klar reguliert, dass die Gesellschaft von ethischen Debatten entlastet wird. Moralische Debatten gehen nicht so leicht zu Ende, sie bedürfen auch nicht des Kompromisses – Politik hingegen hat beides: Kompromiss und Entscheidung. Damit nimmt sie eine Last auf sich und der Gesellschaft von der Seele. Genau das ist ihre Aufgabe.

In den USA mag die Hauptquelle der Übermoralisierung in den Elite-Unis liegen. Hierzulande ist es die jahrelange Politik-Verzwergung und -Verschleppung der großen Koalition. So gesehen hatte Arnold Gehlen schon recht: Der Mangel an Taten lässt die Moral wuchern. Das allerdings ist hier und heute weniger die Schuld der Theologen und Redakteure als die der Politik.

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