Es kann einem schwindlig werden ob der vielen literarischen und außerliterarischen Bezüge, ob der Drehungen und Wendungen der Handlung in Nachtleuchten, dem zweiten Roman der in Buenos Aires geborenen, seit 1996 in Berlin lebenden und auf Deutsch schreibenden Autorin María Cecilia Barbetta. Drei Abteilungen mit jeweils 33 Kapiteln umfasst ihr neuer Roman, der 1974, im Jahr von Juan Domingo Peróns Tod, in Argentinien spielt.

Aus spiritistischer Sicht ist diese Romanaufteilung nicht unbedeutend, und spiritistischen Eingebungen folgen auch einige Romanfiguren. Zu gern möchte der Inhaber des Friseursalons Ewige Schönheit beispielsweise glauben, dass seine geliebte, jüngst verstorbene Mutter, wenn er die esoterische Lehre nur ausreichend intus hat, zu ihm Kontakt aufnehmen werde. Die Hoffnung, den Tod zu überwinden, hegt auch, und dies entspringt keineswegs nur der überschäumenden Fantasie María Cecilia Barbettas, José López Rega, als er den soeben dahingeschiedenen Präsidenten mittels okkulter Techniken versucht, wieder zum Leben zu erwecken.

Dieser José López Rega ist die heimliche, selbst aber nie in Erscheinung tretende Hauptfigur des an Figuren nicht armen Romans. Für kurze Zeit Minister, agierte er unter Peróns Witwe und Nachfolgerin im Präsidentenamt als graue Eminenz der argentinischen Politik, vor allem aber gründete er die Alianza Anticomunista Argentina, die AAA, jene paramilitärische Organisation, die Angst und Schrecken verbreitete, die Gesellschaft weiter spaltete und schließlich dem Militärputsch den Boden bereitete.

Gekontert wird das furchteinflößende AAA, zumindest im Roman, von einem dreifachen T, von einem Bolero-Sänger namens Tony TormenTa, der dem Friseur Celio im Friseursalon Ewige Schönheit und seiner zumeist weiblichen Kundschaft mit seiner süßen Stimme den Kopf verdreht. Denn so wie der spiritistische Minister Rega im Hintergrund agiert, bilden auch die ideologischen Kämpfe um die Zukunft Argentiniens die Folie, vor der Barbetta ihr Zeitpanorama entfaltet; nicht die große Politik und die mächtigen Männer stehen im Mittelpunkt von Nachtleuchten, sondern die kleinen Leute aus Ballester im Großraum von Buenos Aires, Menschen mit italienischen oder libanesischen Wurzeln: Bäcker, Wäschereibesitzer, Zeitungsverkäufer oder die Mechaniker der Kfz-Werkstatt Autopia. Lebhaft wird hier zwischen Schraubenschlüsseln und Motoröl die politische Lage diskutiert, ja mehr als das, in Person des Mechanikers Saberio und der wohlbetuchten Kundin Lara Viamonte Rey kommt es auch zur physischen Überwindung der ideologischen Gräben.

Immer wieder lässt es Barbetta auch sprachlich krachen. Da reiht sich etwa in der Rede des gehörnten Rechtsanwalts Viamonte Rey eine Phrase an die andere, bis er sich am Ende selbst entlarvt: "Auch ich bin Pazifist, Saberio. Ich kenne euch. Ich habe euch im Visier. Ich weiß, wie ihr denkt. Ich werde mit Leuten deines Schlages fertig. Wahrscheinlich noch nicht im Rahmen dieser Regierung, aber bald, bald kriegen wir euch alle, denn Typen wie dich bringen wir mit der ganzen Härte des Gesetzes dazu, zu singen, und nachdem sie gesungen haben, zum Schweigen. Dann herrscht in diesem Land endlich Frieden." Der Militärputsch von 1976 ist da nicht mehr weit entfernt, der Beginn jener grausigen Diktatur, die inzwischen freilich längst der Geschichte angehört.

Warum erzählt Barbetta, die 1972 geboren wurde und keine Erinnerung an das Jahr von Peróns Tod haben kann, von jener fernen Zeit ihres Heimatlandes? Womöglich weil sich dort im Kleinen abspielt, was sich heute im Großen wiederholt: eine Spaltung der westlichen Gesellschaften, wie sie noch vor wenigen Jahren undenkbar erschien, das Desinteresse an rationalen Argumenten und offensichtlichen Tatsachen, stattdessen der Glaube, mit dem Brecheisen ließen sich die besten Lösungen finden.

Dabei ist Nachtleuchten alles andere als hoffnungslos, im Gegenteil, Barbetta liebt das Sprachspiel, das Spiel auch mit grafischen Elementen. Von Komik durchwirkt kommen bei ihr auch Freunde des gepflegten Kalauers auf ihre Kosten. Sie beherrscht die Kunst des nicht selten ins Absurde abdriftenden Dialogs, behält ihre Figuren dabei aber stets fest im Griff.

Innerhalb der kleinen Leute gilt das Augenmerk der Autorin nicht zuletzt den ganz kleinen, den Kindern und Jugendlichen, die eine Art Parallelleben führen zu dem der Erwachsenen, die eine fluoreszierende Plastikmadonna von Haustür zu Haustür tragen, in der Hoffnung, sie möge für Ruhe und Einkehr sorgen, die sich, als hätten sie mit ihren zehn oder dreizehn Jahren schon zu viel Roberto Bolaño gelesen, als Detektive betätigen, ohne dass sie wüssten, wem sie eigentlich auf der Spur sind.

Ähnlich kann man sich als Leser in María Cecilia Barbettas Roman mitunter vollkommen verirren. Aber wer auf das Kind in sich hört, der wird dabei großen Spaß haben.

María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten. Roman; S. Fischer, Frankfurt a. M. 2018; 528 S., 24,– €, als E-Book 19,99 €