Echt jetzt? Aber was ist schon echt. Ein Wort, das in der Sprache der Baukunst wenig bedeutet, kaum existiert. Einige der berühmtesten Gebäude der Welt sind pure Kopien, wenn man sie denn so nennen mag: Pekings Tor des Himmlischen Friedens zum Beispiel, 1969 abgerissen und in Beton nachgegossen. Oder der Campanile von Venedig, 1902 eingestürzt und gleich neu gebaut, jetzt mit Fahrstuhl. Oder der Kinkakuji, Kyotos Goldener Tempel, 1950 niedergebrannt und Balken für Balken wiedererrichtet. Oder drei der bekanntesten Bauwerke Deutschlands: der Kölner Dom, Hamburgs Michel, Schloss Neuschwanstein. Wie echt, wie original und ursprünglich sind sie? Der Dom mehr eine Fantasie des 19. Jahrhunderts als ein Monument des Mittelalters. Der barocke Michel nach der völligen Zerstörung durch einen Brand 1906 komplett rekonstruiert. Und Neuschwanstein natürlich nicht hohe Ritterzeit wie prätendiert, sondern höchster Historismus. Aber selbst der Dom von Siena, der Dom von Florenz wurden erst im 19. Jahrhundert "vollendet". Rein falsch sozusagen, alt, aber neu, teils, teils und so weiter. Architektur ist eine Kunst der sexuellen Zwischenstufen, Freunde rassischer Reinheit muss sie immer wieder bitterlich enttäuschen.

Wir sind in Frankfurt am Main. Der Stadt, die in den vergangenen vier Jahren für 200 Millionen Euro ihre Altstadt neu errichtet hat. Und die sich jetzt feiert, wie sich Hamburg gefeiert hat 2017 zur glücklichen Vollendung der Elbphilharmonie und Berlin sich feiern wird im nächsten Jahr für das Plattenschloss. Am letzten Septemberwochenende ist es so weit, dann eröffnet Frankfurt mit einem 1,5-Millionen-Euro-Fest seine Neue Altstadt.

Altstädtchen. Zwei, drei Gassen, ein Teilstück des Krönungswegs, auf dem seit 1562 die deutschen Könige und römischen Kaiser nach ihrer Krönung im Dom zum Festmahl im Römer zogen. Zwei, drei Höfe, ein wundersamer kleiner Platz: der Hühnermarkt, darauf das Denkmal des Frankfurter Mundartdichters und deutschen Demokraten Friedrich Stoltze, mit Brünnlein. Fassaden aus allen Epochen, alte Hauszeichen, geschnitzte Balken, Schiefertürmchen. Das Ganze millimeterscharf eingefügt zwischen Römer und Dom, Braubachstraße und der Kunsthalle Schirn.

Alles in allem nicht viel größer als die "Traditionsinseln", die man in Braunschweig nach den Bombenbränden des Weltkriegs beließ oder neu schuf. Wie es überhaupt der Vorbilder viele gibt für das Frankfurter Quartier, von Münster bis Nürnberg, auch jenseits der Grenzen: von Barcelona, mit seinem kunstgotischen Viertel, bis Warschau. Rein falsch, alt, aber neu, teils, teils und so weiter. Es würde sich lohnen, zu vergleichen. Denn überall, wo rekonstruiert und nachempfunden wurde, gibt es besondere Versionen, übrigens auch in kleineren Orten wie Freudenstadt im Schwarzwald oder Xanten am Niederrhein, in Wesel und in Halberstadt. Überall entwickelten sich eigene Mischungen aus Interpretation und Imitation.

Nichts wird, wie es war

Nichts bleibt, wie es ist; nichts wird, wie es war. Still stehen nur die verlassenen Städte, die im Wüstensand versanken, die sich dem Dschungel ergaben, die auf dem Grund des Meeres liegen. Wir sind in Frankfurt am Main. Deutschlands wahres Tor zur Welt, mehr als 60 Millionen Passagiere zählt der Flughafen jedes Jahr, eine halbe Million der Hauptbahnhof jeden Tag. Wer die gigantenbekrönte Bahnhofshalle verlässt, im Jahr der Eröffnung 1888 die größte des Kontinents, und weitergeht in die Kaiserstraße, in Frankfurts Bahnhofsviertel mit seiner multisozialkulturellen Mischung aus Highend-Gentrifizierung und Rotlicht, Kleinsthandelsresten, orientalischer Systemgastronomie, Pissecken und den cornernden Kinderbankern in ihren slimfitten Konfirmationsanzügen, der weiß, was die Weltenstunde geschlagen hat. Und wer dann vom Holbeinsteg über dem Main auf die globalisierte Stadtkrone schaut, der mag kaum glauben, wie noch Rudolf Binding vor dem Zweiten Weltkrieg die Stadt ansprach: "Eine südliche Magie des Lichtes, nirgends sonst zu finden in deutschen Städten, zu zart fast für feste Konturen, zu fein für wuchtige Farben, ein wenig weiblich, ist über dich hingebreitet, ein Gemisch atmosphärischer Ingredienzien: ein Gran Brüssel, ein Deut Paris, ein Stäubchen Florenz über dich hingehaucht."

Das schöne Gesicht von Frankfurt am Main heißt das Bilderbuch mit Bindings Hymnus, erschienen 1924 im Verlag des Frankfurter Kunstvereins. Es zeigt uns, vor allem in den Fotos von Carl Abt, Ansichten aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Schon vor dem Ersten Weltkrieg war die Altstadt im Umbau begriffen, all die krummengen Gässchen, steilen Giebel, die Fachwerkhäuser mit ihren überhängenden Stockwerken, die winzigen Plätze, Ladenbuden, Hinterhoflabyrinthe. Damals wurden bereits die ersten Durchgangsschneisen in den Fachwerkwald geschlagen, wie die Braubachstraße, und in den Zwanzigern träumte mancher Stadtplaner davon, alles abzureißen, endlich Platz zu schaffen für "Luft und Licht". Für Hochhäuser und, natürlich, "Grünflächen".

Dann machten Deutschlands Rechtspopulisten Krieg. Zwei Luftangriffe im März 1944 ließen Frankfurt in Trümmer sinken. Viele Architekten waren begeistert: Tabula rasa! Nie habe er die Paulskirche so schön gesehen wie 1945, schwärmte der Baumeister Rudolf Schwarz und ging gleich daran, sie durch seinen "Wiederaufbau" ein zweites Mal zu zerstören.

In der historischen Mitte, im weiteren Umkreis um die begnadigten, vorm Abriss bewahrten Herzbauten Dom und Römer, wurde weggeräumt, was überlebt hatte, wurden Straßen neu gezogen und auf "Grünflächen" Häuser hingestellt: schlichte drei- bis fünfstöckige Zeilenbauten mit Satteldach. Mitten in der Stadt entstand so eine pastellfarbene Vorortsiedlung. Nur das Kernterrain, zwischen Dom und Römer, blieb Brache; Fotos noch aus den Sechzigerjahren zeigen dort nichts als lange Reihen parkender Autos.