Jeden Morgen entsteigen Millionen Europäer den Baumwoll-Laken ihres Bettes, stellen sich unter die Dusche, deren Wasser durch Kupferrohre fließt, waschen sich mit Seife, die auf Palmöl basiert, nehmen Kaffee oder Tee zu sich und essen Brot mit gut gezuckerter Marmelade oder Aufschnitt von sojagemästeten Tieren. So gut wie nichts von dem, was ihren Morgen so angenehm macht, stammt vom europäischen Kontinent. Die Baumwolle kommt höchstwahrscheinlich aus China, das Palmöl aus Malaysia und das Kupfer aus Minen im Kongo. Der Kaffee wurde vielleicht in Kenia geerntet, der Tee in Indien, das Zuckerrohr auf Kuba und das Soja in Brasilien.

So wie die Rohstoffe liegen auch die ökologischen und sozialen Folgen ihrer Gewinnung für uns in weiter Ferne. Nur allmählich dringen sie ins Bewusstsein: Zwei unlängst in Brüssel vorgelegte Berichte, einer zur Wirksamkeit von EU-Maßnahmen gegen globale Entwaldung, ein weiterer zu Umweltschäden durch Palmölkonsum, kommen zu dem Schluss, dass der europäische Ressourcenverbrauch weltweit gravierende Auswirkungen hat.

Diese Auswirkungen sind indes weitreichender, als es die Berichte ahnen lassen. Denn was in der EU so schön als "Nachhaltigkeit" bezeichnet wird, lässt eine lange Vorgeschichte der Ausbeutung außer Acht: Historikern wie dem US-Amerikaner Kenneth Pomeranz zufolge liegt das Geheimnis des europäischen Wirtschaftswunders in der außergewöhnlichen Fähigkeit des Kontinents, die Ressourcen anderer Erdteile zu erschließen und zu verbrauchen. So kam es Ende des 18. Jahrhunderts zu dem, was Pomeranz die "Große Divergenz" nennt: Westeuropa und Teile Nordamerikas erlangten enormen Wohlstand, während die Regionen, die den Treibstoff für diesen Reichtum in Form von Rohstoffen, billiger Arbeitskraft oder gar Sklaven lieferten, arm blieben.

Wo und wie diese Rohstoffe abgebaut und die nötigen Arbeitskräfte rekrutiert wurden, hat sich im Lauf der Zeit verändert. Historiker nennen dieses Phänomen die Expansion von "Rohstoffgrenzen", die nichts anderes sind als der geografische Ausdruck kapitalistischen Wachstums seit dem 16. Jahrhundert. Wenn wir diesen "Grenzen" folgen, können wir sehen, wohin und wie der Kapitalismus sich bewegt. Auf der Suche nach unangezapften Ressourcen haben sie sich ständig verschoben – und nicht selten eine Spur der Zerstörung hinterlassen. Die Kolonialherrschaft war dabei nur eine von vielen Strategien europäischer Länder, Zugang zu landwirtschaftlichen Gütern und Mineralien zu bekommen.

Anfangs war es vor allem der von Sklaven in der Karibik produzierte Zucker, der Europa die Kalorien für sein beispielloses Wachstum lieferte.

Über Jahrhunderte war Zucker ein Luxusprodukt, das sich nur die Wohlhabendsten leisten konnten. Angebaut wurde er auf einigen Inseln des südlichen Mittelmeeres; so wertvoll war er, dass er in Apotheken verkauft wurde. Arme Leute kannten Süße allein von Früchten und Honig. Dies sollte sich im Zuge der Expansion Europas im 15. Jahrhundert ändern.

Auf der Suche nach geeignetem Land und billigen Arbeitskräften verlagerten unternehmerisch gesinnte Kaufleute den Zuckerrohranbau zunächst auf Inseln vor der afrikanischen Küste wie die Kanaren. Dann überquerten sie den Atlantik, hin zu den neuen europäischen Kolonien in Südamerika und in der Karibik. Zucker wurde zum wichtigsten Agrarexport dieser Regionen, und Europäer vertilgten ihn in steigenden Mengen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts süßte auch die Arbeiterklasse ihren Kaffee oder Tee ganz selbstverständlich mit dem begehrten Stoff und aß Marmelade in solchen Mengen, dass der Zuckerkonsum pro Kopf in Großbritannien 1914 auf 50 Kilogramm stieg – heute liegt er im EU-Durchschnitt bei etwa 37 Kilo.