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Ein automatisches Ja zur Spende macht den Menschen nicht verfügbar, sondern ist ein Anstoß zu mehr Gemeinnutz

Neue Vorstöße von Jens Spahn werden automatisch mit einem Malus versehen. Der konservative Gesundheitsminister von der CDU will noch mehr werden in der Politik, und deshalb stehen seine Ideen unter dem Generalverdacht, mehr ihm als der Allgemeinheit zu dienen. Das ist gerade im Moment schade, weil er eine wichtige Idee verfolgt – und dazu eine, die auf jahrelanger Forschung fußt und von allen Seiten beleuchtet worden ist.

Spahn also will bei der Organspende die Widerspruchsregelung einführen mit dem erklärten Ziel, dass mehr Bundesbürger ihren Körper zur Verfügung stellen. Zum Wohle anderer. Nach ihrem Tod beziehungsweise in manchen Fällen "Hirntod". Der Begriff ist ein Paradox. Die Gehirnströme sind dann versiegt, und nur die moderne Medizin – sonst nichts – kann den Menschen noch für eine Zeit am Leben halten. Der Hirntod wird heute von verantwortungsvollen Ärzten in einem mehrstufigen Verfahren eindeutig festgestellt.

Künftig soll das Gemeinwesen davon ausgehen, dass seine Bürger ihre Organe spenden – es sei denn, sie sagen dem Staat einmal Nein. Bisher war es genau umgekehrt: Keiner spendete, es sei denn, er sagte einmal Ja. Zwar werden die Menschen in Deutschland mittlerweile aufgefordert, bewusst zu entscheiden, aber wenn sie es nicht tun, bleiben sie einfach Nichtspender. Mit dem Ergebnis, dass hierzulande immer noch viele Kandidaten kein Ersatzorgan erhalten oder lange darauf warten müssen. Leben gehen deshalb zu Ende, die zu retten wären. Klar, das hat nicht nur mit zu wenigen Spendern zu tun – manche Krankenhäuser arbeiten ineffizient, manch passendes Organ findet nicht zu dem Menschen, der es brauchen könnte. Aber zu erheblichem Teil liegt es eben doch am Spendenmangel.

Der lässt sich beheben, wenn man den Entscheidungsrahmen so ändert, wie sich Jens Spahn das nun vorstellt. Woher wir das wissen?

Erstens aus dem Vergleich mit anderen europäischen Ländern, die Organspenden bei sich schon immer so geregelt haben – und bei denen ein ungleich höherer Anteil der Bürger spendet. Zum Beispiel bei den Nachbarn in Österreich, die, auf die Einwohnerzahl gerechnet, rund doppelt so viele Transplantationen vornehmen wie die Deutschen.

Zweitens zeigt die Verhaltensforschung der Ökonomen, dass Menschen in vielen Fragen faule Denker sind und nur intuitiv reagieren. Und die Intuition rät oft, es einfach beim Status quo zu belassen, auch wenn der Aufwand, ihn zu ändern, denkbar gering ist. Deshalb hat es einen solch großen Effekt, ob der Staat vom Ja oder vom Nein ausgeht.

Dieser Staat sollte bewusst den geeigneten Rahmen wählen, statt sich einfach mit dem zu begnügen, was zufällig gewachsen ist, also dem automatischen Nein. Auch mit einem Schreiben der Krankenkasse kommt man der Faulheit des Denkens kaum bei. In Abwägung mit dem lebensrettenden Effekt ist das automatische Ja deshalb geboten. Es ist genauso wenig Manipulation wie das bisherige Nein, sondern ein Anstoß zu mehr Gemeinnutz.

Wer das nicht will, hat ein Leben lang Zeit, Nein zu sagen. Und wenn er das versäumt, können es Spahns Plan nach immer noch seine Angehörigen tun. Es ist deshalb falsch zu sagen, der Mensch werde verfügbar gemacht. Wenn er seine Würde bedroht sieht, kostet es ihn nur ein Wort, dem vorzubeugen. Verantwortungsvoller geht es nicht.
Von Uwe-Jean Heuser