So eine Nachmittagsvorstellung im Kino ist eigentlich der pure Luxus. Ein Luxus, den ich mir, offen gestanden, noch nie zuvor im Leben gegönnt habe. Am Kassenschalter nur ein paar Leute, die aber alle in den Film von Wim Wenders wollen. Papst Franziskus. Ein Mann seines Wortes ist zwar schon im Juni angelaufen, auf dem Kirchentag in Münster wurde er hierzulande wohl das erste Mal gezeigt, damals standen endlose Schlangen vor dem Kinosaal, aber die Menschen mögen ihn einfach so sehr – den Film? den Papst? –, dass er nun in erstaunlich vielen Berliner Kinos noch immer gezeigt wird, obwohl der Sommer eigentlich in den letzten Zügen liegt. Aber eben in den Nachmittagsvorstellungen.

Im Saal selbst sind wir zu viert und kommen natürlich sofort ins Gespräch, wie man auch an einsamen Bushaltestellen oder an Rastplätzen im Wald ziemlich schnell mit Fremden ins Gespräch kommt. Aber weil wir über das Wetter in dem freilich überdachten Kinosaal nicht reden können, freuen wir uns gemeinsam über das Offensichtliche: die Leere. Darüber, dass wir heute nur zu viert im Kino sind. Und als die ältere Dame noch einmal laut und glücklich geseufzt hat, dass man so den Film wenigstens ohne Popcorntütengeraschel genießen könne, wird der Saal auch schon dunkel, und in dieses Dunkel hinein stürmt eine Schulklasse. Wie aus dem Nichts. Die meisten von ihnen haben natürlich riesige Popcorntüten in der Hand, das sehen wir nicht, das hören wir aber sofort und rücken dennoch freundlich zusammen. Versuchen fortan irgendwie gemeinsam, das Popcorntütengeraschel zu überhören, obwohl es bis zum Ende des Films keine Sekunde versiegen wird. Ein Gottesdienst also war diese Kinovorstellung eher nicht.

Wim Wenders, das ist der deutsche Filmregisseur, der aus seinem Größenwahn oft höchst sehenswerte Filme gemacht hat. Wie größenwahnsinnig bitte muss man denn sein, um einen Dokumentarfilm über den Papst drehen zu wollen? Noch dazu über einen wie Franziskus, der die katholische Kirche zwar einerseits zu ihren einfachen Wurzeln zurückbringen will und andererseits damit genau das Gegenteil ausgelöst hat: einen Hype, einen großen Kult, eine beinahe messianische Hoffnung auf eigentlich alles. Aber vor allem auf Veränderung.

Wenders weiß natürlich um diesen Kult, und deshalb reicht es ihm auch im Wesentlichen, den 81 Jahre alten Jesuiten aus Argentinien in seinem Film, der in Zusammenarbeit mit dem Vatikan entstanden ist, größtenteils einfach nur auf einen Stuhl zu setzen und reden zu lassen. Ganz nah kommt er ihm, und auch jeder Zuschauer soll das Gefühl bekommen, der Stellvertreter Gottes auf Erden rede nur zu ihm. Weil er das ja offensichtlich auch tut, weil er das ja, so sagen viele, die ihn kennen, besonders gut kann. Auf die Menschen zugehen, mit den Menschen reden, egal, ob sie an Gott glauben oder nicht. Auch das zeigt der Film, wie nahe der Papst zu den Menschen auch in Krankenhäusern, auch in Armenhäusern, auch in Gefängnissen, auch in Krisengebieten geht. Die wahre Größe eines Menschen zeigt sich doch in den Details, in den kleinen Gesten. Das gilt für den Papst wie für alle anderen.

Ein Beispiel: Einmal habe ihm eine Mutter geschrieben, erzählt Franziskus im Film, deren Sohn unheilbar an Krebs erkrankt sei, und ihn gebeten, er möge doch noch einmal mit ihrem Kind reden, bevor es gehen muss. Papst Franziskus erreicht nur die Mailbox und hinterlässt eine Nachricht, er versucht es noch ein zweites Mal, wieder ist nur der Anrufbeantworter dran, am dritten Tag schließlich erreicht er den Jungen, der von der Krankheit inzwischen so gezeichnet ist, dass er nur noch Danke sagen kann. Noch am selben Abend stirbt er.

Es ist nur einer von vielen Momenten während des Films, in dem man, zugegeben, ein bisschen weinen muss. Und in dem man auch eine Vorstellung davon bekommt, wie viel Leid dieser Papst ganz ausdrücklich auf seine Schultern zu nehmen bereit ist. Hätte Benedikt auch mehrmals versucht, den Jungen zu erreichen?

Vor allem aber ist es die Klarheit und Überzeugungskraft, mit der Franziskus erzählt, worum es ihm im Glauben geht und wie jene Institution katholische Kirche, der er ja nun einmal vorsteht, beschaffen sein muss, um der Welt zu dienen. Gerade weil es an jeder Straßenecke Überzeugungen wie Sand am Meer zu kaufen gibt, überrascht es einen tatsächlich, fast naiv kommt man sich dabei vor, wie unglaublich glaubhaft er in all seinen Gedanken wirkt. Sein Weltbild ist nicht besonders kompliziert, eher ist es minimalistisch, aufs Äußerste von allem Überflüssigen entschlackt und reduziert. Es kreist, darin ganz seinem Vorbild, dem Heiligen und Reformer Franz von Assisi, folgend, um den Begriff der Armut, also der materiellen Armut. Assisi nannte die Armut eine Schwester. "Sollten wir nicht alle etwas ärmer werden?", fragt Franziskus in die Kamera. An einer anderen Stelle sagt er: "Solange die Kirche reich ist, wird Jesus nicht in ihr zu Hause sein."

Armut bildet für ihn das Zentrum des Evangeliums, die Besitzlosigkeit gilt ihm als das Sinnstiftende überhaupt. Das ist für diese Zeit natürlich eine äußerst radikale Einstellung, die an Radikalität dadurch noch zunimmt, dass der Papst, im Gegensatz zu vielen anderen, diese Einstellung tatsächlich auch lebt. Einmal sieht man im Film, wie er am Weißen Haus vorfährt, vor ihm große Sicherheitsautos, hinter ihm große Sicherheitsautos und mittendrin ein kleiner Fiat, in dem er selber sitzt. Viele Amerikaner werden lachen, wenn sie das sehen, und sich dennoch insgeheim fragen, ob er nicht recht hat. Vielleicht ist es ja so, wie eine ältere Frau am Rand einer Veranstaltung in dem Film sagt: Gott schickt uns den Papst, den die Welt braucht. Wieder so ein Satz, der an Einfachheit einerseits nicht zu überbieten ist, und erneut, ja, man kommt sich naiv vor, das zu sagen, absolut evident erscheint.