Herrscht in der katholischen Kirche "Bürgerkrieg", wie die New York Times jüngst behauptete? Die Vokabel mag übertrieben sein, Fakt ist: Nach der Rücktrittsforderung von Carlo Maria Viganò, dem ehemaligen Nuntius in den USA, an die Adresse von Franziskus (Christ&Welt, Nr. 36/18), regiert das Gegen- und nicht das Miteinander in der Weltkirche. Hier die Liberalen, die noch hoffen auf die Franziskus-Revolution. Dort die Konservativen und Benedikt-XVI.-Verehrer, die den Papst vom anderen Ende der Welt schon immer für eine Fehlbesetzung hielten.

Was die Eskalation um den Nuntius so gefährlich macht: Mit der Rücktrittsforderung eines Erzbischofs verlagert sich der Richtungsstreit vom Hinterzimmer auf die Weltbühne. Der Anlass ist klug gewählt: Der Grand-Jury-Bericht über tausendfachen Missbrauch in Pennsylvania löste weltweites Entsetzen aus. Zudem agierte Franziskus bei der Aufarbeitung vergleichbarer Fälle zaghaft und ungeschickt. Dem vermeintlichen Reformer das Etikett des Vertuschers anzuheften, diskreditiert ihn vor seiner treuesten Anhängerschaft: der liberalen Mitte in den westlichen Demokratien. Die bleibt dem Gottesdienst zwar oft fern, fand aber den Pontifex lange sympathisch. Der demonstrierte Bescheidenheit und las seiner Kurie die Leviten. Das ließ ihn menschlich wirken und führungsstark. Von dieser Stärke ist kaum etwas übrig. Statt sich selbst zur Dreistigkeit des Herrn Viganò zu äußern, schickt Franziskus Untergebene vor für Solidaritätsadressen – in der Politik ein sicheres Zeichen, dass dem Regenten die Macht langsam entgleitet.

Vor aller Augen vollzieht sich Unglaubliches in diesen Tagen: Ausgerechnet die konservativen Kräfte, die gestern noch Gehorsam vor dem Papstamt predigten, degradieren es heute zum politischen Amt unter vielen, verweltlichen es, beschädigen es irreparabel, indem sie den Amtsinhaber freigeben zum Abschuss. Man mag sich gar nicht vorstellen, was geschähe, wenn Franziskus der Aufforderung Folge leisten und zurücktreten würde. Jeder Stellvertreter Christi wäre nur noch Stellvertreter probeweise. Das klerikale System käme ins Wanken. Chaos wäre die Folge. Allein deshalb wird, ja muss Papst Franziskus durchregieren. Sein Pontifikat werde kurz währen, prophezeite der Papst vor Jahren. Jetzt muss er sich selbst widerlegen, damit von seiner Kirche überhaupt noch etwas übrig bleibt.

Wäre Franziskus ein General, lautete das Urteil der Geschichte: Als er die Initiative verlor, verlor er mit ihr auch den Krieg. Doch zum Glück ist Franziskus kein Feldherr von dieser Welt. In der Defensive befindet er sich gleichwohl. Gestalten war gestern, jetzt heißt der Auftrag: Überleben! Jeder neue Missbrauchsskandal wird sein Skandal sein. Jede Vertuschung wird dem Papst zur Last gelegt werden. Denn wenn ein Erzbischof mit Dreck wirft auf den Mann in Weiß, ist das Ziel markiert. Das gilt besonders in stürmischen Zeiten.

Jahrelang interessierte sich kaum jemand für Berichte über den systematischen Missbrauch an Kindern durch Geistliche. Dabei gab es von Australien über Irland bis Chile genug Anlässe, um sich weltweit zu empören. Aber so plötzlich, wie das Thema seit 2010 aus den Medien verschwand, ist es nun zurück. Dabei sind die systemischen Ursachen bekannt, dabei hat die Kirche viel getan, um einem erneuten Systemversagen vorzubauen. Ende September wird das "Zentralinstitut für seelische Gesundheit" eine groß angelegte Studie über den Missbrauch in den deutschen Diözesen seit 1945 veröffentlichen. Und obwohl den Forschern kein direkter Zugang gewährt wurde zu den bischöflichen Geheimarchiven, ist schon jetzt klar: Die Zahl der Fälle wird groß sein, das Erschrecken umso größer. Im Namen der Kirche wird Papst Franziskus sich wohl bei den Opfern entschuldigen. Er wird, wie zuletzt oft bei solchen Anlässen, Worte der Scham und Reue finden. Aber das reicht nicht mehr. Manche werden Konsequenzen fordern, Rücktritte sogar. Nachdem mit Carlo Maria Viganò ein Erzbischof den Anfang machte, werden auch in der Kirche immer mehr behaupten, der Fisch stinke am Kopf besonders.

Das ist der Moment, wo man genau hinhören und sich fragen muss: Wer genau will den Papst herunterstoßen vom Stuhl Petri? Und wichtiger noch: Warum will er das? Denn nicht jeder, der da rüttelt, meint es gut mit den Opfern, der Wahrheit und der Kirche.