Hätte doch nur jemand das Patentrezept fürs stets gelingende Zusammenleben! Liegt es im Konzept der Familie verborgen, und wenn ja, von welcher reden wir denn nun eigentlich? Groß, klein, Patchwork oder doch die ganze Dorfgemeinschaft, die ein Kind aufzieht? Dieser Frage ging die ZEIT im vergangenen Monat auf vier Seiten nach. Unter der Überschrift "Kann das gut gehen?" schrieben die beiden Autorinnen Katrin Hörnlein und Jeannette Otto: "Die Idealisierung von Patchwork hat auch zu tun mit der Sehnsucht nach der verloren gegangenen Großfamilie." Frei nach dem Motto: Sie haben nur zwei Kinder, hätten aber gerne mehr? Satteln Sie um auf Patchwork!

Keine Generation möchte die Fehler ihrer Eltern wiederholen, und so nimmt es nicht wunder, dass jene, die in einer Zeit aufwuchsen, in der Scheidungen kein Ausnahmephänomen mehr waren, dies anders hinterfragen als noch die Generation davor, die eher die repressive Kleinfamilie als Feindbild sehen mochte, jenes in Konventionen erstarrte Aushalten, aus dem es kein statthaftes Entkommen gab.

Doch Vorsicht, heute laufen wir Gefahr, dass sich durch die Akzeptanz des Patchworkmodells glückliche Kernfamilien trennen, nur um auch mal diese Lebensform auszuprobieren – die soll ja so toll sein. Als Belegquelle für diese beängstigende Begeisterung für Familienmodelle, die nicht der Kernfamilie entsprechen, dienten in dem Beitrag Gala und Bunte. Man könnte auch bei Antonio Gramsci nachschlagen, der die Stärkung der Familie als Regelung und Stabilisierung der Sexualbeziehungen sieht, um sie den Erfordernissen der Arbeitsmethoden anzupassen, und so schon vor fast hundert Jahren aufzeigte, dass es immer auch mit der bestmöglichen Nutzbarmachung unserer menschlichen Ressourcen zu tun hat, wie wir lieben und leben. So frei gewählt ist das alles gar nicht, und Ruhe zu Hause schaffen wir nicht nur für uns, sondern auch für unsere Arbeitgeber.

Um vor der verführerischen Idee Patchwork zu warnen, werden im Artikel und in vier Erfahrungsberichten unter dem Titel "Der Schein trügt" bekannte Probleme miteinander verquickt, die bei Weitem nicht alle Patchwork-spezifisch sind, vom Streit zwischen den Geschwistern ums beste Bett im Ferienhaus über den im Beruf erfolgreichen Mann, der leider bei Familienkonflikten überfordert ist, bis hin zum Kind, das nicht in eine andere Stadt ziehen will. Die Belastungsproben werden zum Teil auf eine Weise dramatisiert, die annehmen lässt, es ginge hier um unverarbeitete Kriegserfahrungen. "An dieser Stelle reden vier Menschen über Dinge, die sie in ihrer Familie nur schwer aussprechen können. Deshalb bleiben sie anonym." Alle von mir zu dem Thema befragten Menschen aus Kernfamilien wollten allerdings ebenfalls anonym bleiben, zu groß die Angst vor dem nächsten Elternabend.

Der Einbruch des Fremden scheint sich als Lebenstrauma für Kinder gut zu eignen, ansonsten ist man natürlich weltoffen, wer das bestreitet, kratzt am Stolz der liberalen Mittelschicht. Wenn als Vergleichsfolie fürs Patchwork das Löwenrudel bemüht wird, dessen neues Leittier alle Jungen tötet, die nicht von ihm abstammen, soll das nicht etwa zeigen, dass sich der Mensch genauso verhielte. Wirklich besser läuft es bei uns aber nicht, vielmehr werde genau andersherum verfahren, Patchworkmitglieder würden Meister im Runterschlucken, was ja ungefähr so drastisch ist wie Töten. Runterschlucken wie in so vielen Kernfamilien auch. Das allerdings wird nicht erwähnt.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass diese Familienerzählung gerade jetzt erscheint, während in dem größeren Sozialsystem, der deutschen, auch der europäischen Gesellschaft, darum gestritten wird, wie integrationsfähig unser Miteinander sein kann. Ob gewollt oder nicht, schreibt sie gewissermaßen den Subtext zu der Frage, wie viel Fremdes wir aushalten können, wie irritationsresistent wir sind und wie weit sich die eigene Scholle verändern darf. Es ist bezeichnend, auch ein wenig bestürzend, dass scheinbar die Integrationsfähigkeit bereits überstrapaziert wird, wenn die neue Partnerin des Vaters weniger als die leibliche Mutter auf gesunde Ernährung achtet. Dass wir verletzlich sind in Bezug auf die Liebe zwischen Kindern und Eltern, steht außer Frage und auch, dass der Ernährungsstreit deshalb natürlich mehr meint. Trotzdem darf nicht aus dem Blick verloren werden, dass das Private spätestens dann politisch wird, wenn an ihm öffentlich die Frage danach gestellt wird, wie tolerant wir gegenüber Abweichungen sind. Im kleinen Modell spiegelt sich eben das große wider.

Als Familie der offenen Grenzen könnte man die Variante bezeichnen, für die Remo Largo plädiert, der in einem Interview zu Wort kommt. Er sieht die heutige Partnerschaft als oft überfrachtet mit Erwartungen, daher die Kernfamilie gar nicht als ideal für das Großziehen von Kindern. "Die Familie war in der Menschheitsgeschichte nie eine Insel, auf der Eltern ihre Kinder allein aufzogen." Die Gemeinschaft sei es, auf die es ankomme. Auch er sieht allerdings das Patchworkmodell kritisch. Sind wir tatsächlich so wenig fähig zu Veränderungen, können wir andere Gewohnheiten nur aus der Distanz ertragen?

Kompromisse sind in jeder Form des Zusammenlebens notwendig, das ist bekannt und muss immer wieder geübt werden. Problematisch werden sie dann, wenn sie einseitig sind oder über Belastungsgrenzen hinausgehen, aus Verlustangst oder weil es neben dem klassischen Konstrukt der "heilen" Kleinfamilie keine realistische Möglichkeit gibt, alles andere wäre ja noch schwieriger. Kaum jemand wird bestreiten, dass Trennungen schmerzhaft sind, dass sie mindestens für eine Zeit überfordern und dass es die Wundheilung enorm erschwert, wenn keiner der Beteiligten einen guten Umgang damit findet. Diesen guten Umgang zu finden wird allerdings nicht erleichtert, indem man alternative Modelle überproblematisiert, neuerlich mit Schuld belädt, wenn auch nur indirekt, und dadurch die Angst vor dem Scheitern im Standardmodell steigert. Deshalb ist es auch für alle konventionellen Familien heilsam, wenn andere Lebensmodelle nicht zur Großdramatik hochstilisiert werden, es verändert nämlich die innerfamiliäre Verhandlungsbasis und bewahrt vor Zwangsduldung aus Furcht vor dem sogenannten Scheitern und dem Abweichen von der wieder erstarkenden Norm.