Treffen sich drei Minister zur Pressekonferenz und schwören, dass sie gegen den Pflegenotstand vorgehen wollen. Der Gesundheitsminister fordert "keine Denkverbote", der Arbeitsminister erklärt, bei guter Pflege drehe sich "alles um den Menschen", und die Familienministerin will, dass Pflege endlich "cool" wird. Ein schlechter Scherz? Nein, die von den Ministern ausgerufene "Konzertierte Aktion Pflege" für mehr Wertschätzung, bessere Arbeitsbedingungen und gerechte Bezahlung.

Der Plan: Zusammen mit den Bundesländern, mit Arbeitgebern, Gewerkschaften, Kirchen, Wohlfahrtsverbänden, Betroffenenverbänden und mit der Bundesagentur für Arbeit werden Maßnahmen zur Verbesserung der Situation der Pflegenden entwickelt und deren Umsetzung verbindlich festgehalten. So soll etwa das Schulgeld abgeschafft werden, und Pflegeschüler sollen ab 2020 eine Ausbildungsvergütung bekommen, damit sich mehr Menschen für den Beruf entscheiden. Auch zusätzliche Stellen, eine bessere betriebliche Gesundheitsförderung und ein Flächentarifvertrag sind geplant. Und pflegende Angehörige sollen besser beraten werden.

Offensichtlich muss allen das Wasser bis zum Hals stehen, bis in Bewegung gerät, was Experten schon seit Jahrzehnten für dringend nötig halten. Nicht fünf vor, sondern erst fünf nach zwölf findet die skandalöse Situation vieler Pflegekräfte, pflegender Angehöriger und zu Pflegender politisch Gehör. Aber können die geplanten Schritte Probleme wie den eklatanten Fachkräftemangel in den Einrichtungen, die oft dramatische Überlastung der Pflegenden und die professionelle Pflege im Minutentakt wirklich lösen?

Ihren Ursprung haben diese Probleme in einer historisch gewachsenen Schieflage von gesellschaftlichen Prioritätensetzungen und staatlichen Ausgaben. So deckt beispielsweise die 1995 eingeführte Pflegeversicherung die Kosten für Pflege nur zum Teil ab; der verbleibende "Rest" an Finanzierung und an Arbeit wird weiterhin als Schwarzer Peter an die Familien (sprich: überwiegend die Frauen) weitergereicht. Das bedeutet konkret, dass über 70 Prozent der anerkannt Pflegebedürftigen in Deutschland zu Hause betreut werden. Dabei ist das Ausmaß von Pflege- und Hilfebedürftigkeit bei Weitem nicht mit dem sozialrechtlich anerkannten Bedarf gleichzusetzen. Nötige Unterstützung beginnt oft lange davor – zum Beispiel bei der Hausarbeit, beim Einkaufen oder bei der Mobilität. Die Zahl der Hilfebedürftigen schätzt das Robert-Koch-Institut mit 4,5 Millionen Menschen deutlich höher ein als die Zahl der anerkannt Pflegebedürftigen.

Das Hohelied auf die Familie als weiterhin zentrale Instanz der Fürsorge führt dazu, dass die öffentlichen Ausgaben für Pflege, gemessen am Anteil des Bruttoinlandprodukts, hierzulande mit 1,3 Prozent deutlich niedriger ausfallen als in anderen europäischen Ländern, etwa in Dänemark mit 2,6 Prozent.

"Die Pflegeversicherung deckt die Kosten für Pflege nur zum Teil ab; der verbleibende 'Rest' an Finanzierung und an Arbeit wird weiterhin an die Familien (sprich: überwiegend die Frauen) weitergereicht."

Hinzu kommt, dass immer weniger Menschen in Deutschland Pflege als Berufsfeld wählen. Darum müssen Krankenhäuser und Altenheime seit Jahren Pflegekräfte aus dem Ausland anwerben. Etliche Pfleger mit deutschem Pass verrichten ihre Arbeit dagegen wegen der besseren Arbeitsbedingungen lieber anderswo, etwa in Skandinavien. Kein Wunder, denn in Schweden versorgt eine Pflegekraft durchschnittlich sechs Patienten – in Deutschland zehn.

In den privaten Haushalten geht es individueller zu, wenn Ehepartner oder erwachsene Kinder ihre Angehörigen pflegen. Inzwischen ist aber auch die "Polin für Opa" zu einer weiteren fast selbstverständlichen Lösung für die häusliche Versorgung alter Menschen geworden – dort, wo man sich das leisten kann. Entsprechende Vermittlungsagenturen sind in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen.

Die Geldtransfers dieser Migrantinnen sind in ihren Herkunftsländern zwar willkommen, weil sie ein besseres Einkommen ermöglichen. Aber ist das wirklich eine reine Win-win-Situation wie vielfach angenommen? Wer denkt schon über die alltagspraktischen Folgen dieser Pflegemigration in den Heimatgemeinden der Arbeitskräfte nach, und zwar nicht nur in den dortigen Familien und Krankenhäusern, sondern auch in den Wohnvierteln? Fürsorge lässt sich nicht mit Geld allein decken – dafür braucht es Menschen vor Ort, die sich für andere einsetzen, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Polen oder in Rumänien. Wer schaut nach dem gehbehinderten Nachbarn, wenn die hilfsbereite Frau von nebenan in einem deutschen Haushalt arbeitet? Wer engagiert sich in der Schule oder in der Gemeinde?