Boom, boom, clap, clap – Seite 1

Auf den ersten Blick birst das Berliner Museum für Kommunikation derzeit vor musikalischer Vielfalt. Die Ausstellung Oh Yeah! lässt gerade 90 Jahre Popmusik in Deutschland Revue passieren – von den Wanderliedern der Jugendbewegung um die Jahrhundertwende bis zur musikalischen Elektronisierung, die am Ende in Techno und Trap mündet. Auch die Interpreten könnten kaum unterschiedlicher sein. Der Elvis-Presley-Verschnitt Peter Kraus etwa klingt wie ein jodelnder Rock ’n’ Roller, die Ostband Sputniks, DDR-Stars der 1960er, verzichtete meist auf Gesang, während die Hip-Hop-Gruppe Absolute Beginner ihre Musik mit einem Satz charakterisiert: "Der Rhyme is’ fett."

Doch während der Besucher durch die Ausstellung schlendert, die noch bis Mitte September zu sehen ist, und sich in die Hörproben vertieft, die neben den soziologischen Erklärungen der Genres immer wieder geboten werden, beschleicht ihn nach und nach ein merkwürdiges Gefühl: Die Vielfalt scheint im Laufe der Zeit immer geringer zu werden, und unterschiedliche Gattungen scheinen sich einander angenähert zu haben.

Einen ähnlichen Eindruck gewinnt, wer sich durch die deutschen Tophits dieses Sommers hört. Ob die Interpreten nun Drake heißen, Dynoro & Gigi D’Agostino, El Profesor oder Clean Bandit: Ihre Songs klingen fast verwechselbar. Alle haben ein schleppendes Tempo, dominante Beats und elektronisch verfeinerte Stimmen. Ähnlich schmal ist die Bandbreite in den US-Billboard-Charts und den Single-Charts in Großbritannien. Popmusik wird mehr und mehr zum Einheitsbrei.

Woran liegt das? Leben wir nicht in einer Zeit, in der Diversität von weiten Teilen der Gesellschaft begrüßt wird und die technischen Möglichkeiten nie besser waren, um musikalische Vielfalt zu produzieren? Sollten nicht die unterschiedlichen kulturellen Strömungen und die hohe Zahl bereits entwickelter Genres das Gegenteil befördern und eine überbordende musikalische Vielfalt entstehen lassen?

Im Berliner Museum kann man diese Frage mit dem Musikpädagogen Stefan Jahrling diskutieren, der durch die Ausstellung führt. Im Duktus eines Uni-Dozenten erklärt Jahrling: "Was hier auffällt: Aufstrebende Genres bedienen sich nicht nur bei versteckten Subkulturen, sondern auch immer wieder bei bereits populären anderen Gattungen." Anders gesagt: Man kopiert, was erfolgreich war. Schon das sorgt für eine gewisse Konvergenz. Die Absoluten Beginner aus Hamburg bauten ihren Rap auf ähnlich eingängige Beats wie die Sputniks in der DDR. Der Schwiegermutterliebling Peter Kraus wäre ohne den Blues als Grundton ebenso schwer denkbar gewesen wie der spätere Krawallbruder Rio Reiser. Und diese Neigung in der Branche, voneinander abzugucken oder sich auf ähnliche Vorbilder zu beziehen, doziert Jahrling, habe im Laufe der Zeit noch zugenommen.

Das zeigt die einschlägige Forschung schon länger: Eine spanische Studie aus dem Jahr 2012 untersuchte fast eine halbe Million Songs, repräsentativ für die westliche Populärmusik zwischen 1955 und 2010. Das Ergebnis: Zwischen den Songs haben bemerkenswerte Angleichungen stattgefunden. Nicht nur ähneln sich die Hits aller Genres zusehends in Lautstärke und Melodie. Auch die Klangfarben haben sich einander angenähert. Die Instrumente verlieren ihren charakteristischen Sound. Anders ausgedrückt: Im Vergleich zu früher klingen Trompeten heute eher wie Pianos und Pianos eher wie Trompeten.

Eine Analyse der Harvard University zeigt, wie die Variabilität von Songtexten im Laufe der Jahrzehnte abgenommen hat. Dabei wurden rund 4500 Lieder der US-Jahresendcharts der Billboard-Top-100 untersucht. Ergebnis: Zwischen 1970 und 2014 reduzierte sich der Wortschatz deutlich, auf Begriffe wie yeah, ass, girl und baby. Durchschnittlich haben Texte heute zwar insgesamt mehr Wörter als noch in den 1970ern, dafür aber weniger verschiedene Begriffe.

Software verdrängt Studiotechnik

Dabei sind doch die Geschmäcker bekanntlich verschieden. Warum gilt das nicht für beliebte Lieder? Im Ausstellungsraum über die DDR-Musik bleibt Jahrling stehen und versucht sich an einer Antwort: "In den vergangenen Jahrzehnten sind die Milieus der Gesellschaft durchlässiger geworden." Vorstellungen von Ästhetik hätten sich angeglichen. Damit einher ging eine Einverleibung einst afroamerikanischer Genres wie Blues, Soul und Hip-Hop in den weltweiten Mainstream. "Selbst das DDR-Staatslabel Amiga verlegte kurz vor der Wende noch Hip-Hop-Platten", erzählt Jahrling. Am Ende dieser Entwicklung steht für ihn die große Vermischung: "Heute muss man sich nicht mehr rechtfertigen, wenn man Punk und Elektro gleichzeitig hört." Die weltweit erfolgreiche Band Maroon 5 oder die Sängerin Avril Lavigne würden da sicher zustimmen. Doch ist das schon die ganze Erklärung?

Besuch bei Immanuel Brockhaus, Musiker und Musikologe an der Hochschule der Künste in Bern. Als Forscher und Keyboarder hat er nach dem Stoff gesucht, aus dem Chartbreaker gemacht sind. Heraus kam im letzten Jahr das Buch Kultsounds über "Die prägendsten Klänge der Popmusik 1960–2014". Dazu interviewte er Künstler und Produzenten und analysierte rund 2400 Lieder aus den Top 40 der Billboard-Charts, Stück für Stück. Deren wichtigste Komponenten und Hörbeispiele dazu hat er auf seiner Internetseite cult-sounds.com dokumentiert.

Die Ergebnisse fasst Brockhaus so zusammen: "Wenn im Mainstream mal neue Sounds auftauchen, übernimmt sie die Konkurrenz sehr schnell in ihr Repertoire."

Brockhaus’ Wohnung ist schlicht eingerichtet, in einer Ecke steht ein Plattenspieler, gegenüber ein altes Radio. Der 58-Jährige selbst tritt barfuß auf und tippt zur Demonstration auf das Touchpad seines Laptops. Über einen großen Raumlautsprecher ertönt das erste Hörbeispiel: Klatschlaute. Sie tauchen in diversen Liedern und Ausführungen auf, klingen aber in den unterschiedlichen Kontexten immer ähnlich. "Der handclap ist ein Standardelement geworden", erklärt Immanuel Brockhaus. "Seit weitgehend elektronisch produziert wird, kommt er im Funk und Hip-Hop vor, und seit den Nullerjahren ist er eigentlich überall."

Danach spielt der Musikwissenschaftler eine Elektrostimme ab. Der Refrain von Believe läuft, einem Nummer-eins-Hit von Cher aus dem Jahr 1998. "Cher war nicht die Erste, aber mit ihr begann die große Popularität des Auto-Voicing. Seitdem ist es völlig normal geworden, dass man Stimmen per Software einen roboterartigen Klang mitgibt." Hip-Hopper wie Kanye West tun es genauso wie der kürzlich verstorbene Elektro-DJ Avicii oder die Popqueen Rihanna. Weitere Soundelemente, die sich mittlerweile in allen Genres finden, sind das male falsetto, also eine männliche Kopfstimme, oder ein schwerer Synthesizer-Bass.

Brockhaus versucht diese Entwicklungen nicht zu bewerten, aber so ganz kann er seinen Ärger nicht verbergen. "Künstlerisch ist in den Charts wirklich nicht mehr viel los", sagt er. Das liege am heutigen Geschäft: "Die Produzenten aus allen möglichen Genres, mit denen ich gesprochen habe, gehen ihren Job sehr rational an. Sie beobachten den Markt und sehen, was gut funktioniert, dann bedienen sie sich. So verschwimmen am Ende die Grenzen zwischen den Genres."

Nun könnte man sagen, die Musiker und Produzenten haben eben die perfekte Formel gefunden, um genau das zusammenzumischen, was die Leute wünschen. Brockhaus sieht das anders: "Es ist eher ein Angebotsproblem. Den Hörern wird fast nur sehr ähnliches Zeug unterbreitet." Dabei sei das keine zwangsläufige Entwicklung, meint der Musikwissenschaftler. "Es hätte anders kommen können." Die Branche hätte sich zu Standards verpflichten können, zum Beispiel zu innovativen Kompositionen, komplexeren Strukturen, zur Erweiterung harmonischer Möglichkeiten. "Aber das Gegenteil hat stattgefunden." Viele der heutigen Hits könne man innerhalb von einer Stunde fertig produzieren. Künstlerischer Mut habe an der Spitze der Hitparaden kaum noch einen Platz.

Das hat auch mit der mittlerweile gängigen Art der Produktion zu tun. Spätestens seit der Jahrtausendwende verdrängt Kompositionssoftware klassische Studiotechnik. Durch die Computerprogramme ist es nicht mehr notwendig, selbst Klavier, Gitarre oder Schlagzeug zu spielen – das neue Instrument ist ein Computerprogramm. In Katalogen kann man sich Softwarepakete zum Download aussuchen, die zwischen 79 und 599 Euro kosten und ganze "Soundbündel" enthalten: Schlagzeugrhythmen, Basslinien oder fertige Melodiephrasen. Wer sich damit etwas auskennt, hat schnell den Rohstoff für neue Lieder, kann leichter und sauberer Musik erzeugen, als es die besten Virtuosen an einem herkömmlichen Instrument zustande brächten.

Eintönige Hits trotz grenzenloser Möglichkeiten

Einer der weltweit führenden Anbieter dieser Art von Musiksoftware ist das Berliner Unternehmen Ableton mit mehr als einer Million Usern. Auf dem Sofa im Besprechungszimmer von Ableton nimmt Philipp Lange Platz, ein gut gelaunter junger Mann mit Stoppelbart, der hier seit acht Jahren für die Soundabteilung arbeitet. "Auf unserer Plattform veröffentlichen wir ungefähr alle zwei Wochen neue Soundpacks", sagt er nicht ohne Stolz. Der Katalog werde immer größer. Die Ohren von Philipp Lange arbeiten den ganzen Tag daran. Selbst im Alltag hört er auf Geräusche oder Melodieansätze, die ihm irgendwie kurios oder interessant erscheinen. Dann digitalisiert und bearbeitet er sie.

Auf seinem Laptop zeigt Lange, der selbst Bassgitarre spielt und am liebsten Punk hört, was sein Arbeitgeber schon alles im Angebot hat: fertige Loops, Kickdrums, Geräusche wie Glasklirren oder Reifenquietschen. Klangfarben, Geschwindigkeit und Lautstärke sind regulierbar. Ob es etwas gebe, das sich mit der Software nicht komponieren lässt, ein Genre oder eine bestimmte Stimmung? Langes Nachdenken. Dem Soundexperten fällt nichts ein. "Mit dem Katalog wollen wir unseren Usern die maximalen Möglichkeiten geben. Die sind eigentlich grenzenlos."

Wie andere Anbieter kämpft Ableton mit seinem wachsenden Angebot gegen die Homogenisierung des Mainstreams. Und tatsächlich gebe es heute mehr musikalische Vielfalt als je zuvor, sagt Philipp Lange: "Man muss nur wissen, wo man sich umsieht." Wenn er etwa auf YouTube oder Spotify unterwegs sei, werde selbst er von manchen Songs überrascht, die mithilfe des Soundkatalogs entstanden sind. Doch Lange gibt zu: "Bei der Musik, die im Radio läuft, passiert mir das nicht."

Ein Großteil der Songs aus den Charts in den vergangenen Jahren wurden in der Tat über Ableton-Software produziert. Und Songs, die über Hitlisten in den Rundfunk gelangen, haben oft die gleichen Rezepturen. Philipp Lange hat auch eine Ahnung, woran das liegt. "Unser beliebtester Kompressor heißt zum Beispiel 1976. Der wird viel genutzt, weil sein Name mit 1 beginnt", sagt Lange schmunzelnd. "Dadurch steht er im Katalog ganz oben." Nur wenige User, selbst Profiproduzenten, nähmen sich die Zeit, wirklich das ganze Angebot zu durchforsten. Die Mehrzahl sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht, wähle in der Produktion schnell solche Elemente aus, die einem gleich ins Auge sprängen und sich möglichst auch schon mal anderswo bewährt hätten.

So führt der schnelle Zugang zu Produktionsprozessen, den viele schon als Demokratisierung der Musikherstellung bejubelt haben, nicht zu größerer Vielfalt, sondern eher zur Eintönigkeit – zumindest in der Produktion von Hits (und Songs, die es einmal werden möchten). Das heißt nicht, dass es nichts Aufregendes mehr zu hören gäbe. Aber wer sich nicht gezielt auf die Suche danach begibt, hört davon immer weniger.

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