Dabei sind doch die Geschmäcker bekanntlich verschieden. Warum gilt das nicht für beliebte Lieder? Im Ausstellungsraum über die DDR-Musik bleibt Jahrling stehen und versucht sich an einer Antwort: "In den vergangenen Jahrzehnten sind die Milieus der Gesellschaft durchlässiger geworden." Vorstellungen von Ästhetik hätten sich angeglichen. Damit einher ging eine Einverleibung einst afroamerikanischer Genres wie Blues, Soul und Hip-Hop in den weltweiten Mainstream. "Selbst das DDR-Staatslabel Amiga verlegte kurz vor der Wende noch Hip-Hop-Platten", erzählt Jahrling. Am Ende dieser Entwicklung steht für ihn die große Vermischung: "Heute muss man sich nicht mehr rechtfertigen, wenn man Punk und Elektro gleichzeitig hört." Die weltweit erfolgreiche Band Maroon 5 oder die Sängerin Avril Lavigne würden da sicher zustimmen. Doch ist das schon die ganze Erklärung?

Besuch bei Immanuel Brockhaus, Musiker und Musikologe an der Hochschule der Künste in Bern. Als Forscher und Keyboarder hat er nach dem Stoff gesucht, aus dem Chartbreaker gemacht sind. Heraus kam im letzten Jahr das Buch Kultsounds über "Die prägendsten Klänge der Popmusik 1960–2014". Dazu interviewte er Künstler und Produzenten und analysierte rund 2400 Lieder aus den Top 40 der Billboard-Charts, Stück für Stück. Deren wichtigste Komponenten und Hörbeispiele dazu hat er auf seiner Internetseite cult-sounds.com dokumentiert.

Die Ergebnisse fasst Brockhaus so zusammen: "Wenn im Mainstream mal neue Sounds auftauchen, übernimmt sie die Konkurrenz sehr schnell in ihr Repertoire."

Brockhaus’ Wohnung ist schlicht eingerichtet, in einer Ecke steht ein Plattenspieler, gegenüber ein altes Radio. Der 58-Jährige selbst tritt barfuß auf und tippt zur Demonstration auf das Touchpad seines Laptops. Über einen großen Raumlautsprecher ertönt das erste Hörbeispiel: Klatschlaute. Sie tauchen in diversen Liedern und Ausführungen auf, klingen aber in den unterschiedlichen Kontexten immer ähnlich. "Der handclap ist ein Standardelement geworden", erklärt Immanuel Brockhaus. "Seit weitgehend elektronisch produziert wird, kommt er im Funk und Hip-Hop vor, und seit den Nullerjahren ist er eigentlich überall."

Danach spielt der Musikwissenschaftler eine Elektrostimme ab. Der Refrain von Believe läuft, einem Nummer-eins-Hit von Cher aus dem Jahr 1998. "Cher war nicht die Erste, aber mit ihr begann die große Popularität des Auto-Voicing. Seitdem ist es völlig normal geworden, dass man Stimmen per Software einen roboterartigen Klang mitgibt." Hip-Hopper wie Kanye West tun es genauso wie der kürzlich verstorbene Elektro-DJ Avicii oder die Popqueen Rihanna. Weitere Soundelemente, die sich mittlerweile in allen Genres finden, sind das male falsetto, also eine männliche Kopfstimme, oder ein schwerer Synthesizer-Bass.

Brockhaus versucht diese Entwicklungen nicht zu bewerten, aber so ganz kann er seinen Ärger nicht verbergen. "Künstlerisch ist in den Charts wirklich nicht mehr viel los", sagt er. Das liege am heutigen Geschäft: "Die Produzenten aus allen möglichen Genres, mit denen ich gesprochen habe, gehen ihren Job sehr rational an. Sie beobachten den Markt und sehen, was gut funktioniert, dann bedienen sie sich. So verschwimmen am Ende die Grenzen zwischen den Genres."

Nun könnte man sagen, die Musiker und Produzenten haben eben die perfekte Formel gefunden, um genau das zusammenzumischen, was die Leute wünschen. Brockhaus sieht das anders: "Es ist eher ein Angebotsproblem. Den Hörern wird fast nur sehr ähnliches Zeug unterbreitet." Dabei sei das keine zwangsläufige Entwicklung, meint der Musikwissenschaftler. "Es hätte anders kommen können." Die Branche hätte sich zu Standards verpflichten können, zum Beispiel zu innovativen Kompositionen, komplexeren Strukturen, zur Erweiterung harmonischer Möglichkeiten. "Aber das Gegenteil hat stattgefunden." Viele der heutigen Hits könne man innerhalb von einer Stunde fertig produzieren. Künstlerischer Mut habe an der Spitze der Hitparaden kaum noch einen Platz.

Das hat auch mit der mittlerweile gängigen Art der Produktion zu tun. Spätestens seit der Jahrtausendwende verdrängt Kompositionssoftware klassische Studiotechnik. Durch die Computerprogramme ist es nicht mehr notwendig, selbst Klavier, Gitarre oder Schlagzeug zu spielen – das neue Instrument ist ein Computerprogramm. In Katalogen kann man sich Softwarepakete zum Download aussuchen, die zwischen 79 und 599 Euro kosten und ganze "Soundbündel" enthalten: Schlagzeugrhythmen, Basslinien oder fertige Melodiephrasen. Wer sich damit etwas auskennt, hat schnell den Rohstoff für neue Lieder, kann leichter und sauberer Musik erzeugen, als es die besten Virtuosen an einem herkömmlichen Instrument zustande brächten.