Ein Café in der Kölner Innenstadt, draußen regnet es. Renan Demirkan ist nass geworden. Sie ist zu Hause überstürzt aufgebrochen und hat in der Eile ihren Schirm vergessen – sie wollte nicht zu spät zum Interviewtermin erscheinen. Die Schauspielerin und Schriftstellerin bezeichnet sich selbst als "pflichtbesessen". Hinter ihr liegen schwere Jahre, in denen sie sich trotz Krankheit selten geschont hat. Ein Gespräch über Rastlosigkeit.

ZEIT Doctor: Frau Demirkan, Sie haben in den vergangenen Jahren den Tod Ihrer Mutter, eine Depression und eine Krebserkrankung durchlitten. Betrachten Sie diese drei Krisen als unabhängige Ereignisse, oder sehen Sie einen Zusammenhang?

Renan Demirkan: Ich glaube nicht, dass Krisen aus heiterem Himmel kommen. Im Türkischen heißt es: "Wer seine Mutter verliert, verliert eine Welt." Genauso habe ich mich gefühlt, weltlos und haltlos. Trotz meiner 50 Jahre fühlte ich mich noch immer als ihr Kind und war nicht bereit, sie gehen zu lassen. Obwohl ich sie fast drei Jahre durch eine Krebstherapie begleitet hatte und wusste, dass es keine Heilung gibt. Durch ihren Tod verfestigte sich dann meine Depression.

ZEIT Doctor: Womit hatten Sie zu kämpfen?

Demirkan: Es gab damals mehrere Wendepunkte in meinem Leben, die einzeln betrachtet schon sehr belastend waren. Ich schlitterte ins Hormonchaos der Wechseljahre, und als meine Tochter zum Studium nach Toronto ging, fiel ein zentraler Bestandteil meines Lebens weg und meine Identität als alleinerziehende Mutter. Dann ließen auch noch die Anfragen von Film und Fernsehen nach, was mich als Schauspielerin völlig hilflos machte. Also habe ich 15 Jahre lang Tournee-Theater gespielt, was mich künstlerisch völlig entleerte. Seltsamerweise bin ich aber nie in Pessimismus abgerutscht.

ZEIT Doctor: Was haben Sie stattdessen empfunden?

Demirkan: Mir war, als wäre ich hohl und mein Leben würde stillstehen oder irgendwo anders passieren. Ich habe rastlos versucht, mich zu spüren und die Kontrolle über mich zu behalten. Ich fühlte mich wie eine Getriebene, Tag und Nacht. Konnte nicht lieben, wollte keine Beziehung. Bis ich irgendwann überhaupt nicht mehr abschalten konnte.

ZEIT Doctor: Woher rührt diese Angst vor Stillstand?

Demirkan: Ich weiß es nicht, aber ich habe eine Vermutung. Als ich klein war, in der Türkei noch, war ich ein anstrengendes Kind und wurde oft monatelang zu meiner Großmutter geschickt, rund 300 Kilometer von Ankara entfernt auf einen Bauernhof. Dort gab es keine anderen Kinder. Also saß ich entweder bei meiner Oma im Haus oder wurde von meinen Tanten im Schatten eines Maulbeerbaumes geparkt, während die auf dem Feld gearbeitet haben. Und da muss ich angefangen haben, mich wegzuträumen. Das ging später hier in Deutschland weiter. Da saß ich stundenlang auf der Fensterbank, reglos wie eine Topfblume, zum Stillstand verdammt, weil wir nach der Schule zu Hause bleiben mussten.

ZEIT Doctor: Wie kam es zu dieser Art Eingesperrtsein?

Demirkan: Meine Eltern wollten ja nur kurz in Deutschland bleiben und haben deshalb nichts Festes wie Freundschaften gefördert, und von draußen kam auch kein Interesse, für die waren wir Ausländer mit befristetem Status. Hinzu kam, dass wir Tscherkessen sind, eine Volksgruppe mit sehr autoritären Traditionen: Kinder haben zu gehorchen und sich gegenüber Erwachsenen nicht zu Wort zu melden. Was ich dachte oder ersehnte, hat niemanden interessiert. Auf der Fensterbank habe ich mich frei gefühlt, in meinem Kopf war ich ständig unterwegs und habe mich in ein anderes Leben geträumt.

ZEIT Doctor: Wie haben Sie die Zeit überstanden, als Ihre Mutter an Leukämie erkrankt war – haben Sie sich Unterstützung geholt?

Demirkan: Nein, das habe ich sogar abgelehnt. Es fühlte sich an wie Verrat: Meine Mutter stirbt, und ich soll gesund bleiben? Aber wie aus dem Nichts entstand das Bedürfnis zu laufen. Das hat mich lebendig gehalten. Ich bin vom Krankenhaus nach Hause gefahren, habe Wäsche gewaschen, bin gelaufen, habe Essen für meine Mutter gekocht und bin dann wieder zurück zu ihr. Kurz vor ihrem Tod, im September 2005, bin ich meinen ersten Marathon gelaufen.

"Verschwunden ist die Depression erst mit meiner Brustkrebsdiagnose"

ZEIT Doctor: Haben Sie sich gleich nach dem Tod Ihrer Mutter Ihrer Depression gestellt?

Demirkan: Nein, viel später. Erst mal musste ich weiterarbeiten. Wir hatten gerade Premiere gehabt mit Lieben Sie Brahms? – und bei privaten Theatern verdienen Schauspieler nur Geld, wenn sie tatsächlich spielen. Wir waren zu viert auf der Bühne, also hatte ich auch Verantwortung für die Kollegen. Ich habe nur drei Tage pausiert: am 22. September, dem Todestag, am Tag drauf, als wir sie in die Türkei überführt haben, und am dritten Tag wegen der Beerdigung. Am Abend darauf stand ich wieder auf der Bühne. Danach spielte ich 75 Vorstellungen hintereinander. Da gab es weder Zeit noch Platz für die Trauer. Nach der Tournee jedoch bin ich tagelang auf allen vieren durch meine Wohnung gerobbt. Ich merkte dabei kaum, wie es täglich lichtloser in mir wurde.

ZEIT Doctor: Wie haben Sie aus der Krise herausgefunden?

Demirkan: Nicht aus eigener Kraft oder Einsicht. Ich hatte gerade ein Manuskript an den Verlag geschickt, an dem ich zwei Jahre gearbeitet hatte, als mein Vater mit Hirnblutung in die Uni-Klinik eingewiesen wurde. Also habe ich meine Sachen gepackt und bin zu ihm hin. Ich litt seit Monaten unter Kribbeln und Lähmungserscheinungen, die ich wegen des Abgabedrucks ignoriert habe. Als dann in der Klinik Sprechstörungen und Schwindel dazukamen und ich die Schwester um ein Beruhigungsmittel bat, hat die mich sofort in einen Rollstuhl gesetzt, ab ins CT, MRT, danach auf die Intensivstation. Am nächsten Tag habe ich mich aber wieder angezogen, bin zu meinem Vater auf die Station ein Stockwerk tiefer – und habe so getan, als sei alles in Ordnung.

ZEIT Doctor: Sie haben immer noch versucht, zu funktionieren?

Die Schauspielerin Renan Demirkan © Maurice Haas

Demirkan: Als die Ärzte sagten, es sei kein Tumor, keine Hirnblutung, kein Schlaganfall, habe ich gesagt, "prima, dann kann ich ja gehen". Worauf eine Psychiaterin in mein Zimmer gestürmt ist und mich angebrüllt hat wie noch nie jemand zuvor: "Wenn Sie so weitermachen, sitzen Sie in einer Woche im Rollstuhl!" Da bin ich regelrecht zusammengeklappt, habe geweint und in alle Therapiemaßnahmen eingewilligt. Mein Vater ist dann vor mir entlassen worden. Mich haben sie drei Tage später direkt in eine psychosomatische Klinik gebracht. Bis heute bin ich den Ärzten dankbar, es war mein Glück, dass diese Psychiaterin mich so zusammengefaltet hat.

ZEIT Doctor: Ich habe gelesen, dass Sie nach dem Klinikaufenthalt in ein Haus im Wald gezogen sind.

Demirkan: Ja, für sieben Jahre. In der Klinik hat man mir nahegelegt, eine Baustelle in meinem Leben abzubauen. Ich habe auf die Schauspielerei verzichtet und wollte nur noch schreiben. Finanziell war das ein Desaster. Ich musste meine Lebensversicherung kündigen und alles zu Geld machen, um mich über Wasser zu halten. Aber nur dazusitzen und tagelang aus dem Fenster zu sehen war Heilung pur, ich habe mich weggeträumt wie das Mädchen auf der Fensterbank. Es war, als hätten alle Sinne den Reset-Knopf gedrückt, ich nahm nur das wahr, was die Natur hergab: Jeder Tag war eine Premiere, jede Farbe variierte in Millionen Nuancen. Barfuß den nassen Rasen zu betreten oder den frisch gefallenen Schnee war wie ein Luxusurlaub, voll mit guten Gefühlen.

ZEIT Doctor: War die Depression dann vorüber?

Demirkan: Nein, leider nicht. Erst als ich nach vielen Therapiestunden endlich akzeptiert hatte, dass die Depression eine Krankheit ist, und ich schließlich, auf Rat des Therapeuten, bereit war, Medikamente zu nehmen, konnte ich meine Gedanken allmählich wieder kontrollieren. Aber so seltsam sich das anhört: Verschwunden ist die Depression erst mit meiner Brustkrebsdiagnose, und zwar auf einen Schlag.

ZEIT Doctor: Sie meinen, die eine Krise hat die andere beendet?

Demirkan: Vielleicht sind es am Ende tatsächlich unsere Krisen, die uns voranbringen. Ich zumindest bin an diesen Wendepunkten gewachsen. Meine Krise als Künstlerin und Mutter, die nicht mehr gebraucht wurde, endete damit, dass meine Mutter an akuter myeloischer Leukämie erkrankte. Und aus der Depression, die unter anderem durch ihren Tod erwuchs, hätte ich vielleicht nie ganz hinausgefunden, wenn es die Krebsdiagnose nicht gegeben hätte.

ZEIT Doctor: Wie war das, als Sie die Diagnose erhielten?

Demirkan: Ich erinnere mich noch genau an den Moment, an dem der Arzt mir sagte, der Befund sei positiv und ich müsse sofort operiert werden: Es war, als hätte in mir jemand das Licht angeschaltet. Seit dem Tod meiner Mutter hatte ich unter einem grauen Schleier gelebt, plötzlich gab es leuchtende Farben, Kontraste. Ich sagte: "Ach, so fühlt sich Leben an!"

Das Getriebensein werde ich nicht abstellen können

ZEIT Doctor: Woher kam dieses Hochgefühl?

Demirkan: Ich weiß es nicht, vielleicht ist die Lichtlosigkeit der Depression ein Schutz vor noch mehr Eindrücken. Und das Hellwerden in der Sekunde der Todesahnung ein Feuerwerk für das Leben. Es gehört ja zu den Geheimnissen unseres Seins, dass wir in finalen Momenten noch einmal alle Kräfte mobilisieren.

ZEIT Doctor: Im Anschluss an die Behandlung waren Sie in einer Rehaklinik. Hat das Ihnen geholfen?

Demirkan: Ja, sehr. Ich habe mich zugehörig gefühlt, etwas, was ich in meinem Leben selten erlebt habe. So unterschiedlich die Frauen waren, wir verstanden uns beinahe ohne Worte. Wir wussten um die Furcht, mit der jede von uns leben musste. Das hat es leichter gemacht, die Krankheit und ihre Folgen anzunehmen. Zurzeit arbeite ich an einem Buch, das Wenn der Krebs zum Haustier wird heißen wird. Die Texte darin stammen von Patientinnen der Klinik, in der ich war. Wir haben sie in einer Schreibwerkstatt dazu motiviert, über ihre Erkrankung zu schreiben. Die Reaktionen waren enorm positiv. Das Schreiben sollte Bestandteil jeder Reha sein.

ZEIT Doctor: Sie haben sogar aus Ihrer Reha-Erfahrung ein Arbeitsprojekt gemacht – können Sie es nicht mal ruhiger angehen lassen?

Demirkan: Ich glaube, dass das mein Weg ist, Dinge zu verstehen und zu akzeptieren. Wahrscheinlich bin ich deshalb auch Schauspielerin geworden, ich muss mich erst einmal verlieren. Um das Trauma der Diagnose wirklich zu durchdringen, musste ich die Geschichten der anderen Patientinnen durchleben. Außerdem habe ich mein Häuschen im Wald für bedürftige, erkrankte Frauen hergerichtet. Sie können sich dort drei Wochen lang kostenlos erholen.

ZEIT Doctor: Gehen Sie heute anders mit sich um als früher?

Demirkan: Ich weiß: Das Getriebensein werde ich nicht abstellen können. Astrid Lindgren schreibt in Madita: "Sie hat Ideen wie ein Schwein Ferkel" – so bin ich auch, und das wird sich nicht ändern. Aber Krisen lehren uns im besten Fall, besser mit unseren Schwächen umzugehen. Wenn mir heute etwas wirklich zu viel wird, lasse ich alles liegen und stehen und bin weg. Wortlos. Und komme erst dann zurück, wenn ich wieder aufnahmefähig bin. Außerdem hat die Erfahrung, dass mir jede Krise auch einen neuen Lebensblick geschenkt hat, meine massiven Ängste vor Stillstand und Tod auf ein Normalmaß relativiert. Und das hat wieder Platz geschaffen für die guten Gefühle des Lebens. Wahrscheinlich musste das alles so sein.

Jörg Böckem erlebte Renan Demirkan im Gespräch als sehr emotional. Vor allem wenn sie über ihre verstorbene Mutter sprach, brach ihr manchmal die Stimme, und sie musste Tränen unterdrücken.