Seit 123 Jahren nimmt Österreich an der Biennale von Venedig teil, dem Mega-Event des internationalen Kunstbetriebs. Doch bis jetzt wurde dort noch nie eine Künstlerin aus Österreich in einer Soloschau gezeigt – im Gegensatz zu Deutschland, für dessen Pavillon schon Isa Genzken oder im Vorjahr Anne Imhof viel beachtete Beiträge lieferten.

Als Felicitas Thun-Hohenstein, Professorin an der Wiener Kunstakademie, 2017 zur Kuratorin des österreichischen Pavillons ernannt wurde, machte sie sofort klar: Das würde sich ändern. Es sei "doch ein Anachronismus, dass noch nie eine Einladung an eine Künstlerin zur Einzelpräsentation ging", stellte sie kurz nach ihrer Ernennung fest. Und nominierte eine Künstlerin, die längst in Rente gehen könnte: die 75-jährige Renate Bertlmann.

Mit ihrer Entscheidung bestätigt Thun-Hohenstein eine Entwicklung, die schon länger sichtbar ist: Museen, Galerien und Ausstellungsräume entdecken Künstlerinnen im fortgeschrittenen Alter. Es ist fast so, als müsste der Kunstbetrieb nachholen, was jahrzehntelang vernachlässigt wurde. Völlig zu Unrecht, wie sich auch im Fall Bertlmann zeigt. Seit den 1970er-Jahren verstört die Wiener Künstlerin ihr Publikum mit feministischen Performances, Skulpturen, Fotoarbeiten und Zeichnungen. Sie trat als Schwangere Braut im Rollstuhl auf, verschmolz Dildos und Messergriffe zu erotischen Schwertern, baute Installationen aus Plastikpenissen und Saugern von Babyfläschchen. Mit diesen Arbeiten lotete sie die Vorstellung von Sexualität neu aus, gänzlich frei von Pathos und mit einem heiter-ironischen Augenzwinkern. Im Gegensatz zu anderen feministischen Künstlerinnen wie Marina Abramović oder der Österreicherin Valie Export setzt sie auf Humor, punktet mit Schmäh. Unbeirrt hält Bertlmann Kurs. Bis vor zehn Jahren galt sie noch als Insidertipp und wurde vor allem von jenen geschätzt, die sich mit Performance befassten – wie die Kuratorin Thun-Hohenstein.

Bertlmanns Glück: Der Wiener Energiekonzern Verbund sammelt feministische Kunst. Die Leiterin der Unternehmenskollektion, Gabriele Schor, kaufte ab 2009 Bertlmanns Werke an. Vor zwei Jahren brachte sie eine große Monografie über das Werk heraus und – der wohl wichtigste Faktor – positionierte die Künstlerin mithilfe gewieften Networkings international. So erwarb die Tate Modern aus London Arbeiten von ihr, zeigte sie 2015 in der Schau The World Goes Pop. Die Kuratorin dieser Ausstellung, Jessica Morgan, verantwortete schon im Jahr zuvor die Biennale im südkoreanischen Gwangju, wo ebenfalls eine große Installation von Bertlmann zu sehen war. Das Auktionshaus Sotheby’s stellte 2017 ihre Arbeiten in London zusammen mit den Bildern der österreichischen Starmalerin Maria Lassnig aus. Zwei Galerien – Richard Saltoun in London und Silvia Steinek in Wien – arbeiten seit wenigen Jahren ebenfalls an Bertlmanns Ruhm. Steinek sagt: "Die Preise für Werke von Renate Bertlmann sind in den vergangenen fünf Jahren durch die Beteiligung an internationalen Ausstellungen und Messen kontinuierlich nach oben gegangen."

Diese Preisentwicklung lässt sich gut an den Ankaufslisten der Sammlung Verbund ablesen. 2009 erwarb deren Leiterin noch Fotografien aus den Siebzigerjahren zu Preisen ab 2000 Euro. Heute sind solche Werke laut Galeristin Steinek erst ab 5000 Euro zu bekommen. Zeichnungen, die vor wenigen Jahren noch bei 5000 bis 6000 Euro anzusetzen waren, sind mittlerweile erst ab 25.000 Euro aufwärts zu haben. Und größere Formate – Installationen, Skulpturen – bewegen sich längst in den sechsstelligen Bereich hinein. Ein Preisanstieg, der 2010 noch undenkbar war. Erst kürzlich erwarb ein chinesischer Sammler eine Skulptur, einen rosa Plexiglas-Rollstuhl, für 400.000 Euro. Größer dimensionierte Installationen können laut Steinek bis zu einer Million Euro kosten – dabei handelt es sich freilich um komplexe Werke aus mehreren Objekten.

Solche Summen werden auf dem österreichischen Heimatmarkt freilich kaum erzielt. Doch bald reichen Bertlmanns Preise an jene ihrer schon lange international reüssierenden Wiener Kolleginnen heran. Hauptwerke der 2014 verstorbenen Lassnig liegen im niedrigen sechsstelligen Bereich; ihren Rekord hält ein Gemälde, das 2017 im Wiener Dorotheum für 492.000 Euro (inklusive Zuschläge) versteigert wurde. Und Fotografien von Valie Export werden zu Preisen zwischen 10.000 bis 15.000 Euro angesetzt, wenn es sich um eine niedrige Auflage aus einer wichtigen Werkphase handelt.

Doch Renate Bertlmann unterscheidet eines von ihren Kolleginnen: Sie ist am Sekundärmarkt, also im Kunsthandel und in Auktionen, praktisch abwesend. Erst ein einziges Werk von ihr gelangte in eine Auktion, abgesehen von Charity-Versteigerungen, in die sie selbst Werke einliefert. Daran hat die Biennale-Nominierung, die Anfang Mai bekanntgegeben wurde, soweit bekannt, auch noch nichts geändert. Für die großen Herbstauktionen wurden zumindest bisher keine Bertlmann-Werke eingeliefert, weder im Wiener Auktionshaus Dorotheum noch im Auktionshaus Kinsky. Die Galeristin Steinek hat dafür eine Erklärung: "Früher haben vor allem Institutionen und private Sammlerinnen gekauft, die ihre Arbeiten lieber behalten und nicht in Auktionen geben." Überhaupt werde sich die Biennale-Beteiligung ihrer Prognose nach erst "in den nächsten drei bis fünf Jahren auswirken".

Es hat lange gedauert, bis der internationale Kunstbetrieb Bertlmann entdeckte. Im Gegensatz zu Kolleginnen und Kollegen, die schon in ihren Zwanzigern oder Dreißigern durchstarten, kann sie jedoch auf ein gereiftes und konzises Œuvre zurückgreifen. Eine überraschende Blitzkarriere mit 70 plus hat eben auch ihre Vorteile.