Valentin Groebner musste nachsitzen, so sagt er selbst, und nachsitzen, das heißt hier, ein Buch schreiben, das gefehlt hat. Wie andere Historiker habe sich auch er, der 1962 in Wien geborene und heute in Luzern lehrende Mediävist, kaum mit einem Gegenstand befasst, der bislang als zu alltäglich, kommerziell und banal vernachlässigt wurde. Der Tourismus: entstanden in der Mitte des 19. Jahrhunderts, und heute, mit einem Anteil von zehn Prozent am globalen Bruttosozialprodukt, die drittgrößte Dienstleistungsbranche der Welt. Doch keine Sorge, Groebner langweilt nicht weiter mit Bilanzen.

Retroland. Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen ist ein so klug wie anschaulich erzählter Essay über eine epidemische Verwirbelung von Zeit und Raum. Die von Hans Magnus Enzensberger geborgte Prämisse lautet: "Das einzig wahre Ausland ist die Vergangenheit."

Tourismus, sagt Groebner, verheiße die Erfüllung des allgegenwärtigen "Rückreisetraums". Eher als im Raum verreisten wir in der Zeit. Wo aber ist Retroland, und warum wollen alle da hin? Was ist so attraktiv an dieser "geträumten Zone der verlangsamten Zeit, der unmittelbaren Empfindungen, des pittoresken Authentischen"? Und wie kann touristisches Marketing als alt, echt und einzig verkaufen, was doch nur eine Reproduktion von etwas ist, das es vielleicht nie gab?

Groebner paart Kulturtheorie mit Anschauung. Er reist zu den Sacri Monti im Piemont, wo schon im 15. Jahrhundert Retro-Schauer durch Reenactment provoziert wurden: Die nachgebaute Geburtsgrotte Christi und lebensgroß modellierte Figuren aus der Heilsgeschichte lockten, vor italienischer Bergkulisse, zu Pilgerreisen in ein halluziniertes Palästina. Seither konsumieren Touristen geraffte Zeit im Erlebnispark. Dazu musste Groebner nicht nach Las Vegas fahren: Er zeigt, wie Paris just in dem Moment zur mittelalterlichen Kulisse wurde, als Haussmann die Altstadt planierte. Mit Victor Hugo in der Tasche sahen Touristen schauerlich Pittoreskes, weil sie es sehen wollten.

Oder die Schweiz. Ein Ländchen, gesegnet mit Bergen, Seen, Hotels und einer seit dem 19. Jahrhundert grassierenden Emsigkeit im Aufbau der Tourismusindustrie: Das vollendet durchgestaltete Bild des vorgeblich Unberührten, eher Wahrnehmungsmodus denn real existierender Ort. "Er schaute aus dem Fenster, als wäre er in der Schweiz", schreibt Kästner in Emil und die Detektive.

In Sri Lanka macht Groebner schließlich eine Ayurveda-Kur und erfährt den Paradies-Effekt des tropischen Areals sowohl körperlich als auch durch soziale Heimeligkeit beim Frühstück: "Man kann über gemeinsame Bekannte reden, über den Wiener Naschmarkt und die Frankfurter Buchmesse, und das gehört zum Paradies, dass es einem vertraut vorkommt, oder?"

Die Frage, was Touristen wollen, führt zur politischsten Pointe dieses überhaupt pointenreichen Essays. Touristen, findet Groebner, der Mediävist, wollten auf dasselbe hinaus wie Jubiläumsfeste, die sich auf kaum zu belegende Schlachten aus dem Mittelalter berufen: Identität.

"Historische Identität", so das Problem, könne aber "gar nichts anderes sein als ein Loch, eine Lücke. Etwas, was einem fehlt; denn sonst müsste man sie nicht immer neu zurückgewinnen." Jüngst war die Rede von einer guten Buchhandlung in Chemnitz. Da sollte dieses Buch jetzt stapelweise ausliegen.

Valentin Groebner: Retroland. Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018; 224 S., 20,– €, als E-Book 16,99 €