Ob im Moulin Rouge oder im Folies Bergère: In jedes Bühnenbild ihrer Revuen musste eine Treppe eingebaut werden. Spätestens am Ende der Show schritt sie diese herunter, der Höhepunkt des Abends. Das war im Paris der Zwanzigerjahre, und alle Welt war verliebt in die Beine einer Frau, die sich Mistinguett nannte. So wohlproportioniert, straff und gradlinig waren die, dass der Bildhauer Rodin ihr geschrieben haben soll: "Müsste ich die Muse der Music Hall gestalten, so müsste sie Ihre Beine haben."

Auf alten Fotografien lebt die Schönheit ihrer Beine fort. Und auch heute noch gelten straffe und ebenmäßige Beine bei Frauen und Männern als attraktiv – gerade weil sie ein Ideal verkörpern, das nur schwer zu erreichen ist. Die Feinde umwerfender Beine heißen: Besenreiser, Krampfadern, Cellulite. Und die erwischen fast jeden irgendwann im Leben. Besenreiser zum Beispiel sind kleine Venen in den äußeren Hautschichten, die sich mit der Zeit weiten und dann rötlich bis bläulich durch die Haut schimmern. Fein verzweigt ähneln sie Reisigzweigen, aus denen einst Besen hergestellt wurden – daher der Name. Besenreiser sind oft genetisch bedingt, die Gefäße können sich aber auch aufgrund von gestautem Blut im Venensystem weiten. Meist sind sie nur ein kosmetisches Problem. Wen sie stören, der kann sie sich von einem Arzt veröden oder mit Lasern entfernen lassen. Die Kosten dafür übernehmen Krankenkassen in der Regel jedoch nicht. In manchen Fällen weisen die Verästelungen allerdings auf ein Venenleiden hin, aus dem sich Krampfadern entwickeln können. Schlängeln sich derart gekrümmte und geweitete Gefäße unter der Haut entlang, liegt das daran, dass die Beinvenen es nicht mehr schaffen, das Blut hinauf zum Herzen zu pumpen. Stattdessen fließt es zurück in Richtung Fuß. "Rund jede fünfte Frau und jeder sechste Mann erkrankt an diesem medizinisch relevanten Venenleiden", sagt Markus Stücker, Dermatologe und Leitender Arzt am Venenzentrum der Universität Bochum.

Vorbeugen kann man dem nur begrenzt, denn oft steckt eine angeborene Bindegewebsschwäche dahinter. Östrogene begünstigen das Leiden, deshalb trifft es Frauen häufiger. Wer allerdings Sport treibt und auf sein Gewicht achtet, kann ein wenig gegensteuern. Alle Sportarten, die die Muskelkraft der Beine steigern und Übergewicht reduzieren, tun ihnen gut. Beine möchten bewegt werden, möchten laufen, flanieren, tanzen – sitzen mögen sie nicht. Bei langem Sitzen versackt vermehrt Blut in den Beinen. Ein Effekt, der sich bei Übergewicht noch verstärkt: "Wir sehen, dass der Bauch im oberen Bereich der Beine auf die Venen drückt. Das Blut kommt nicht mehr aus den Beinen heraus", sagt Stücker.

Das Gerücht, Krampfadern und Besenreiser kämen daher, dass man oft die Beine übereinanderschlage, stimmt dagegen höchstwahrscheinlich nicht. "Diese Sitzhaltung drückt nicht bedenklich auf die Venen", sagt Stücker.

Eine kleine Übung, die Venenleiden vorbeugen kann und sogar im Sitzen funktioniert, ist die Venenpumpe: aufrecht sitzen, Füße aufstellen und immer im Wechsel von der Hacke auf die Zehen wippen und zurück.

Im Extremfall können Krampfadern "gezogen" werden. Tatsächlich braucht der Körper diese unzuverlässigen Venen auch nicht mehr. "Wir entfernen Krampfadern, wenn Komplikationen auftreten, wie Hautverfärbungen, Entzündungen oder Narben", sagt Stücker. Zu diesen Symptomen kann es infolge der schlechten Durchblutung kommen. Heute bedient sich die Medizin meist minimalinvasiver Methoden: Durch feine Schnitte von etwa drei Millimetern werden die Gefäße aus dem Bein gezogen. Spuren hinterlässt das kaum. Ganz anders als bei den ersten Eingriffen Anfang des 20. Jahrhunderts: Der Chirurg Walter Rindfleisch entwickelte damals mit seinem Assistenten Gotthold Friedel die Spiralschnitt-Methode. Dabei nahmen sie 160 Zentimeter lange Schnitte vor, die sich spiralförmig um das Bein zogen. Die Wunden wurden künstlich offen gehalten, um die Krampfadern zu zerstören. Das funktionierte wohl auch in einigen Fällen, allerdings vernarbten die Beine massiv, Wasser lagerte sich ein, und Nerven wurden beschädigt.

Bleibt der Feind Nummer drei, die berüchtigte Cellulite. Die ist ein guter Freund der Industrie, die eifrig für Cremes, Öle und Massageroller wirbt – zu denen die Stiftung Warentest nur sagt: Nichts davon hilft. Das verwundert nicht, denn auch Cellulite ist erblich sowie hormonell bedingt. Sie entsteht bei fast allen Frauen irgendwann aufgrund der Beschaffenheit des Bindegewebes – sie ist also der Normalfall, keine Krankheit. Das Unterhautfettgewebe drückt sich durch die lockeren Bindegewebsfasern und verursacht Dellen unter der Haut. Dagegen helfen Sport und ausgewogene, salzarme Ernährung. Außerdem womöglich spezielle Massagen, bei denen die Haut mit einem Vakuumsauger durchgeknetet wird. Studien zeigen hier jedoch kein einheitliches Bild. Ein Sieg über die Cellulite ist leider nicht in Sicht. 2016 kam ein Überblicksartikel im International Journal of Endocrinology & Metabolism zu dem Schluss, dass nicht einmal Ultraschall, Laser- oder Kältetherapien sie beseitigen können. Die Studie warf auch einen Blick auf das Vibrationstraining im Fitnessstudio. Dabei lässt man sich auf einer vibrierenden Platte durchschütteln, während man Übungen macht. Ob diese Schüttelplatten beim Fettverbrennen und damit auch gegen Cellulite helfen, ist strittig. Auch hier sprechen einige Studien dafür, andere dagegen. Es zeigt sich aber, dass die Geräte in kürzeren Trainingsphasen zu mehr Muskelmasse verhelfen. Und das strafft die Beine durchaus.

Die Mistinguett schaffte es übrigens ohne Schüttelplatten, ihre Beine schön zu halten. Noch bis ins hohe Alter sollen sie jung ausgesehen haben. Erst 1950, als sie mit Ende 70 noch einmal auf der Bühne stand, hieß es später in der Zeitung, ihre Beine seien nicht mehr ganz so umwerfend. Die Mistinguett soll empört gewesen sein.

Saskia Gerhard denkt nun nicht mehr darüber nach, in der Drogerie "hautstraffende" Lotionen zu kaufen. Seit der Recherche macht sie am Schreibtisch aber regelmäßig die Venenpumpen-Übung.