Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-Doctor-Beilage für Menschen mit Multipler Sklerose.

Früher hieß es unter Frauen mit MS oft: Wenn du schwanger wirst, landest du im Rollstuhl! "Aber das stimmt überhaupt nicht", sagt die Neurologin Judith Haas. Eine Schwangerschaft könne den Krankheitsverlauf sogar abbremsen. Das ist eine wichtige Erkenntnis, denn die meisten Betroffenen sind Frauen, und sie erhalten die Diagnose oft in einem Alter, in dem sie über Kinder nachdenken.

Judith Haas leitet das Zentrum für Multiple Sklerose am Jüdischen Krankenhaus in Berlin und beschäftigt sich seit 35 Jahren mit MS. Damals warnten Ärzte vor einer Schwangerschaft, weil kurz nach der Geburt häufig Krankheitsschübe auftreten. In den Neunzigerjahren zeigte aber eine große europäische Studie, dass diese Schübe meist nur leicht waren und die Störungen sich gut zurückbildeten.

Während der Schwangerschaft kommt die Erkrankung sogar fast zum Erliegen. Die körpereigenen Abwehrkräfte werden heruntergefahren, damit das Kind nicht als Fremdkörper abgestoßen wird. Auch Hormone, Proteine und die Kortisonproduktion der Plazenta sorgen dafür, dass die Zahl der Schübe gegen null geht. Die Schwangerschaft gilt heute sogar als eine der wirksamsten Therapien der Autoimmunerkrankung. "Nach einer Schwangerschaft nimmt die Erkrankung eher einen günstigeren Verlauf", sagt Haas. Deshalb empfehlen Experten den Frauen inzwischen, so früh wie möglich schwanger zu werden.

Vorher sollten die Patientinnen allerdings mit ihrem Neurologen darüber sprechen. Denn es kann ratsam sein, das Medikament der Basistherapie zu wechseln. Spätestens wenn die Schwangerschaft feststeht, werden die Medikamente dann abgesetzt.

Um das Kind müssen die Eltern keine Angst haben. Erbfaktoren sind lediglich ein Mosaikstein unter vielen anderen, die das Entstehen einer MS begünstigen. Nur ein Prozent der Kinder von Müttern mit Multipler Sklerose erkranken ebenfalls daran.

Nach der Geburt stellt sich für die Mütter die Frage: Soll ich mein Kind stillen? Die Neurologin Kerstin Hellwig vom St. Josef-Hospital der Universität Bochum ermutigt Frauen mit MS dazu. Vor zwölf Jahren gründete sie das Deutsche Multiple Sklerose und Kinderwunsch Register. Ihre Datenanalyse ergab, dass das Stillen die Zahl der Schübe reduziert, solange nicht zugefüttert wird. Deshalb rät Hellwig, anfangs auf die Basistherapie zu verzichten und ausschließlich zu stillen, nach vier bis sechs Monaten Beikost einzuführen und im ersten Jahr abzustillen. Nur wenn die MS sehr aktiv ist, solle die Mutter auf das Stillen verzichten und sofort nach der Geburt wieder Medikamente nehmen.

Viele Paare haben auch Sorge, ob sie den Alltag mit Kind bewältigen. Sie finden Rat bei "Plan Baby mit MS", einem Projekt der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft und der Hertie Stiftung. Dort überlegt etwa die Heilpädagogin Kerstin Knapwerth gemeinsam mit ihnen, welches Netzwerk sie aktivieren können: Gibt es Familie, Freunde, Nachbarn? Kann ein Babysitter helfen, ein Notdienst kommen? Sie erklärt, dass es Familienhebammen gibt, die die Eltern unterstützen. Dass die Krankenkasse im Notfall eine Haushaltshilfe bezahlt. Dass man, wenn man im Rollstuhl sitzt, eine Elternassistenz beantragen kann, die das Kind etwa zum Sport bringt. Dass es Notmütter- und Oma-Hilfsdienste gibt und Mutter-Kind-Kuren speziell für MS-Kranke. "Das Wissen beruhigt die Paare sehr", sagt Knapwerth – es ermutigt sie, die Elternschaft zu wagen.