In der im furchtlosen Gebrauch schlimmer Metaphern geübten Welt der Finanzberichterstattung ist gerade wieder die Hölle los. Investoren sind auf der "Flucht" aus Argentinien und suchen "sichere Häfen" (Wirtschaftswoche). Andere machen sich Sorgen um ihre Aktien aus diversen Entwicklungsländern wegen der "Ansteckungsgefahr" (Süddeutsche Zeitung) aus der Türkei. Und als sei das alles nicht unübersichtlich genug, "taumelt" (Die Welt) die türkische Lira gerade hilflos durch die Welt, wenn Sanktionen sie nicht gerade "abstürzen lassen" (ZEIT).

Ein am Marktgeschehen nicht sonderlich interessierter Mensch in Deutschland würde vielleicht sagen: Ist mir doch egal! Tatsächlich kann die Entwicklung der vergangenen Tage aber Folgen für die eine oder andere Altersvorsorge in Deutschland haben. Weil auch Fondsgesellschaften in Schwellenländern wie Argentinien, Brasilien, Indien, Indonesien und der Türkei investiert haben, könnten sie später weniger auszahlen als gedacht.

Für viele Menschen, die in diesen Ländern leben, hat der wirtschaftliche Einbruch noch weit schlimmere Konsequenzen. Vor allem in Argentinien und der Türkei drohen ihnen Arbeitslosigkeit und Armut. Zum Teil sind die Regierungen dort wegen Misswirtschaft selbst daran schuld.

Sie sind es aber nicht allein. Europa und Amerika haben ihre jüngste Krise nämlich auch auf Kosten der Schwellenländer gelöst. So betrachtet, sind die Turbulenzen der vergangenen Tage mehr als lokale Probleme. Sie sind die Folge eines volkswirtschaftlichen Experiments. Und ausgerechnet jene, die darauf keinen Einfluss hatten, müssen nun die Konsequenzen tragen.

Im Zuge der Finanzkrise, die vor zehn Jahren ihren Ausgang nahm, senkten die Zentralbanken der USA und Europas in bislang nicht gekanntem Ausmaß die Zinsen. Damit finanzierten sie Staaten und Unternehmen, um den Zusammenbruch ihrer Volkswirtschaften abzuwenden. Pensionsfondsmanager und andere Anleger aus den Industrieländern suchten deshalb nach Möglichkeiten, außerhalb ihrer Heimat höhere Zinsen zu bekommen. Sie fanden sie in Unternehmensbeteiligungen in und Staatsanleihen aus aufstrebenden Volkswirtschaften wie Argentinien und der Türkei.

Doch seit geraumer Zeit erhöhen die Zentralbanken einiger Industrieländer, allen voran die US-Notenbank, die Zinsen wieder. Sie begegnen damit der Inflation, die zu Hause droht, weil es der Wirtschaft besser geht. Für Investoren bedeutet das: Sie können etwa in den Vereinigten Staaten wieder Renditen erzielen, mit weniger Risiko. Also ziehen sie ihr Geld aus Schwellenländern ab – mit schlimmen Folgen.

In Argentinien trifft die Krise vor allem kleine und mittelständische Firmen. Strom, Gas, Wasser, alles wird sehr schnell teurer. Es gibt keine Preise mehr, mit denen man kalkulieren könnte. Firmen geben auf, die Zahl der Jobs nimmt ab. Der argentinische Immobilienmarkt, auf dem ohnehin nur mit Dollar bezahlt wird, ist zusammengebrochen. In den Supermärkten werden nur noch die preiswertesten Produkte gekauft. Und dort, wo die Küche noch geöffnet ist, tischen die Köche kleinere Portionen auf, statt mehr Geld zu verlangen. Der Kunde soll nicht gleich merken, dass er weniger für sein Geld bekommt als in der Woche zuvor.

Krise bedeutet in Argentinien, dass die Radio-Nachrichten stündlich melden, wo der Dollar gerade steht. Dass so ziemlich jeder weiß, welches Geschäft die Rating-Agentur Standard & Poor’s betreibt, nämlich zu bewerten, wie nah ein Land an der Staatspleite ist.

Was hat das mit Auslandsinvestoren zu tun?

Argentinien hat rund 300 Milliarden Dollar Staatsschulden, das sind nach Schätzungen des früheren Präsidenten der argentinischen Zentralbank, Alejandro Vanoli, etwa 80 Prozent des in diesem Jahr zu erwartenden Bruttoinlandsprodukts. Einen großen Teil dieses Geldes nahm das Land in Dollar auf. Präsident Mauricio Macri hatte Ende 2015 eigens Kapitalverkehrskontrollen aufgehoben, wonach alle Devisentransaktionen über die Zentralbank laufen mussten, um so nach mehreren Staatspleiten neue Investoren zu überzeugen. Ihm half, dass er ihnen als Sohn eines sehr reichen Unternehmers ein bisschen ähnlich war.

Steiler Anstieg

So viel Pesos muss man für einen US-Dollar bezahlen.

Quelle: Thomson Reuters © ZEIT-Grafik

Seither kann Kapital ungehindert als Investition oder Kredit nach Argentinien fließen – und ebenso schnell wieder heraus. "Die neue Regierung hatte eine positive Ländergeschichte zu erzählen, galt als marktfreundlich und hatte ein solides fiskalpolitisches Programm", sagt Stefanie Ebner, Analystin beim Fonds-Anbieter DWS. Das nahm bisweilen skurrile Züge an. Nicht nur die Staatsregierung verkaufte Anleihen, auch arme Provinzen beschafften sich auf diese Weise Geld. Die in den Anden gelegene Provinz Jujuy zum Beispiel versprach knapp zehn Prozent Rendite im Jahr – ein erheblicher Risikoaufschlag.