Das fiese Zwicken und Ziehen unterhalb des letzten Rippenbogens kennt fast jeder. Seitenstechen kann rechts, links oder – wenn wir Pech haben – auf beiden Seiten zugleich auftreten. Obwohl das Phänomen so verbreitet ist, weiß die Wissenschaft bis heute nicht genau, was dahintersteckt. Da der Schmerz spontan auftritt, ist er im Labor schwer reproduzierbar. Natürlich könnte man Menschen, die häufig unter Seitenstechen leiden, im Labor verkabelt übers Laufband jagen – dazu aufgerafft hat sich aber noch niemand. Vermutlich auch weil Seitenstechen nicht gefährlich ist und von selbst wieder verschwindet. Um dem Phänomen auf die Spur zu kommen, gibt es aber immerhin eine Reihe von Theorien.

1. Leber und Milz verrutschen

Beide Organe werden durch einen feinen Bandapparat im Bauchraum fixiert, der auch das Zwerchfell hält, unseren wichtigsten Atemmuskel. Strengen wir uns an, brauchen die Muskeln mehr sauerstoffreiches Blut – von dem dann Organe wie Leber und Milz weniger abkriegen. Zwischen Muskeln und Organen kommt es also zur Konkurrenz. Gewinnen die Muskelzellen, werden Leber und Milz weniger durchblutet und ziehen sich eingeschnappt zusammen. Die Bänder können die Organe dann nicht mehr richtig fassen, sodass Leber und Milz nach unten sacken. Der Zug, der dadurch aufs Zwerchfell entsteht, könnte sich in Seitenstechen äußern. Dies würde erklären, warum Seitenstiche öfter rechts auftreten: Mit gut 1,4 Kilogramm ist die Leber eines der schwersten Organe, und sie sitzt rechts. Hängt sie in den Seilen, zieht das die Bänder auf dieser Seite umso mehr nach unten.

2. Wir atmen falsch

Auch diese These kursiert. Atmen wir beim Laufen sehr schnell und immer nur in den Brustkorb, könnte sich das Zwerchfell verkrampfen. Dass sich ein Krampf in Form von Seitenstechen äußern würde, halten Sportmediziner allerdings für fragwürdig. Denn so ein Krampf würde um einiges mehr schmerzen. Einleuchtender ist daher, dass die falsche Atmung jene Bänder strapaziert und verzerrt, die nicht nur unsere Organe, sondern auch das Zwerchfell an Ort und Stelle halten.

3. Im Darm rumort es

Essen wir vor dem Sport zu üppig, kann bei der Verdauung in den Kurven des Dickdarms Luft "hängen bleiben", und das schmerzt nicht nur im Bauchraum, sondern mitunter auch im Bereich des Zwerchfells. Waren die Speisen dazu noch blähend, etwa frisches Brot oder eine Portion Kohl, füllt das den Darm mit zusätzlicher Luft. Belegt ist die Theorie allerdings nicht.

Immerhin kann man dem Seitenstechen vorbeugen und dabei alle drei Theorien abdecken. Etwa indem man richtig atmet. Also: nicht flach in die Brust, sondern tief und regelmäßig in den Bauch. Dadurch kann das Zwerchfell sich beim Ein- und Ausatmen entspannt nach oben und unten senken. Dazu: auf die Haltung achten. Ein krummer Rücken erhöht den Druck auf die Bauchhöhle – und damit auf Zwerchfell, Leber, Milz und Darm. Und: vor dem Sport aufs Essen verzichten, besonders auf solches, das bläht. Je stärker unser Darm gefüllt ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Zwerchfell gestört fühlt oder Luft stecken bleibt.

Wer trotzdem Seitenstechen bekommt, macht oft automatisch das Richtige: Tempo drosseln, Arme heben, tief und ruhig atmen. Dann werden Leber und Milz besser mit Blut versorgt. Das Heben der Arme hilft, Verziehungen der Bänder zu lösen, und der Darm wird nach oben gezogen, sodass festsitzende Luft entweichen kann. Und noch eine Notfalllösung: einen Moment lang die Luft anhalten. —